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Comickolumne:Olymp der Neunten Kunst

Der achte Band der Gesamtausgabe von "Spirou und Fantasio". Und die Science-Fiction-Trilogie "Alexander Nikopol" des Belgrader Zeichners Enki Bilal.

Gesamtausgaben liegen im Trend. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein dicker Band erscheint, in dem mehrere klassische Alben der Neunten Kunst vereint sind. Dazu gibt es oft reichlich Bonusstoff: gelehrte Vor- und Nachworte, rares oder bislang nicht ins Deutsche übersetztes Material. Wer hier zugreift, ist fast immer schon älter und hat meistens ein ganz bestimmtes Ziel: Die Zeit soll für einen Moment angehalten, kostbare Leseerfahrungen aus der Kindheit und Jugend in die Gegenwart geholt werden. Anders als viele Goldschnittwerke in den Schränken unserer Großeltern müssen diese Edelcomics daher wohl nur selten als bloße Zierde im Regal verstauben.

Zu den Gipfelwerken aus dem Golden Age der frankobelgischen Comics zählt Spirou und Fantasio von André Franquin. Im achten Band der Gesamtausgabe (Carlsen) sind die letzten Beiträge gesammelt, die der extrem begabte, aber stets von Selbstzweifeln geplagte Künstler zwischen 1961 und 1968 für diese Serie zeichnete. Besser als in "QRN ruft Bretzelburg", "Die Bravo Brothers" und "Schnuller und Zyklostrahlen" war Franquin nie, und nie zuvor war sein Humor so bissig, so grotesk und schwarz eingefärbt. Jean-Claude Fournier, sein Nachfolger, brachte "Spirou" in den Siebzigern dann wieder in konventionelleres Fahrwasser; die Entwicklung zu einem satirischen Comic für Erwachsene war beendet (neunter Band der Gesamtausgabe).

Ebenfalls in den Siebzigerjahren erschien das Zack-Magazin, das deutsche Leser erstmals mit den realistischen Abenteuercomics aus dem französischsprachigen Raum vertraut machte. Besonders beliebt in "Zack" war die 1966 von Greg (Texte) und Hermann (Zeichnungen) gestartete Serie Andy Morgan. Die Hauptfigur ist ein ehemaliger Interpol-Agent, der auf einer Yacht zusammen mit dem Schiffsjungen Ali - der Identifikationsfigur für minderjährige Fans - und dem Seebären Barney Jordan - einer Mischung aus Bud Spencer und Kapitän Haddock - über die Meere schippert und in aller Herren Länder Aufregendes erlebt. Den Geschichten im vierten, vorletzten Band der Gesamtausgabe (Carlsen) merkt man nicht an, dass sie überwiegend aus einer Zeit stammen, in der Greg und Hermann, beide inzwischen in andere Projekte verwickelt, ihrer frühen Schöpfung recht überdrüssig waren. Die Szenarios sind von klassischem Zuschnitt, lesen sich aber nach wie vor spannend. Nahezu einzigartig ist Hermanns Fähigkeit, exotische Landschaften und entfesselte Naturgewalten plastisch aufs Papier zu bannen.

Die Siebzigerjahre waren auch die heroische Zeit der französischen Erwachsenencomics. Zusammen mit dem "Valerian"-Szenaristen Pierre Christin veröffentlichte der in Belgrad geborene Enki Bilal bis in die Achtzigerjahre einige bemerkenswerte Alben; heute würde man sie als Graphic Novels bezeichnen. Mit der Alexander Nikopol-Trilogie (Carlsen), die 1981 begann, machte Bilal sich selbständig. Darin kehrt nach über dreißig Jahren Kälteschlaf in einer Weltraumkapsel ein Sträfling 2025 in ein marodes Paris zurück, das von einer klerikal-faschistischen Diktatur beherrscht wird. Im Himmel über der Stadt schwebt währenddessen ein pyramidenförmiges Raumschiff, in dem sich die altägyptischen Götter aufhalten. "Nikopol" ist eher schlecht gealtert: Enki Bilals Talent als Autor hält sich sehr in Grenzen, und in seiner Neigung zum Monumentalen, zum Statischen, verfremdet er den sozialistischen Realismus seiner Heimat nicht nur, er erweist sich von ihm zugleich als affiziert. Ein interessantes Dokument des trüb-apokalyptischen Zeitgeistes, der in der Spätphase des Kalten Krieges herrschte, ist dieser Comic aber zweifellos.

Zumindest beinahe ein Klassiker ist Durango. Seit 1981 durchquert der von Yves Swolfs erdachte und teils von ihm, teils von Gastkünstlern gezeichnete "lonesome rider " den Wilden Westen. Durango sieht nicht nur Django im gleichnamigen Film von Sergio Corbucci zum Verwechseln ähnlich, die ganze Serie ist vollgestopft mit Zitaten und Plagiaten aus den großen Italowestern. Das kann man ärgerlich finden, gleichwohl hat diese skrupellose Patchwork-Ästhetik auch etwas Befreiendes, angenehm Anarchisches. Im fünften Band der Gesamtausgabe (Splitter) finden sich ausnahmsweise keine direkten Übernahmen aus dem Kino - durch ein Panel aber reiten als Statisten Jean Girauds Leutnant Blueberry und sein treuer Sidekick McClure.

© SZ vom 04.02.2019

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