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Comickolumne:Helden, denen ihr Job Spaß macht

Lässige Männer, wenig Problemballast: Rick Master, L. Frank, Armando Catalano, Sherlock Holmes und Dr. Watson als Comic-Figuren, die durch die Hände verschiedener Zeichner und Texter gegangen sind.

Von Christoph Haas

Traumatisiert zu sein war in den Comics früher ein solides Alleinstellungsmerkmal. Batman und Spider-Man waren die ersten heroes with a problem: Bruce Wayne musste als Kind der Ermordung seiner Eltern zusehen; Peter Parker, ebenfalls eine Waise, machte sich indirekt am Tod seines Onkels mitschuldig. Inzwischen aber wimmelt es nur so von gebrochenen Helden, deren Herz von Düsternis erfüllt ist. Umso wichtiger daher, dass es immer noch ein paar unerschrocken gut Gelaunte gibt, denen ihr Job Spaß macht und die siegessicher und mit lässiger Eleganz bereit sind, die Welt von Bösewichtern zu befreien: heroes without a problem.

In den Siebzigern macht das Zack-Magazin deutsche Leser erstmals in größerem Umfang mit realistisch gezeichneten Comics aus Frankreich und Belgien bekannt. Zu den beliebtesten Figuren zählte damals der Reporter und Amateurdetektiv Rick Master. Unterstützt von dem etwas täppischen Kommissar Bourdon und dessen Nichte Nadine, löste der blonde Beau, der dem jungen Jean Marais wie aus dem männlich-markanten Gesicht geschnitten war, mit Mut und Cleverness einen Fall nach dem anderen. Erfunden wurde Master bereits 1955; da war er noch ein Zeitungsjunge. Erwachsen geworden, trat er dann von 1963 bis 2010 in nicht weniger als 78 Alben auf, allesamt gezeichnet von Tibet und geschrieben von André-Paul Duchâteau. Veränderungen gab es in dieser Zeit kaum; auch wenn Duchâteau darauf achtete, nicht völlig von der Aktualität entkoppelt zu erzählen. So spielen in einem 1997 und 1998 erstmals veröffentlichten Zweiteiler Videospiele, Special Effects und das Internet eine wichtige Rolle. Nach dem Tod Tibets wurde die Serie eingestellt; allerdings gibt es seit 2015 einen das Original erstaunlicherweise weit übertreffenden Reboot. Die neuen Fälle von Rick Master sind in den späten Sechzigern angesiedelt. Simon van Lient ist ein besserer Zeichner als Tibet, und die atemberaubend sicher zwischen Pastiche und Parodie balancierenden Szenarios, die Zidrou verfasst, orientieren sich eng an der historischen Wirklichkeit. In Gefallen für Frankreich, dem aktuellen Band, muss Rick Master seinen Militärdienst nachholen und einen Mord in einer Kaserne aufklären (Splitter).

Zumindest ein halber Klassiker ist L. Frank. Wie Rick Master ist der Titelheld Reporter, mehr aber noch ein Abenteurer. Jacques Martin, sein Schöpfer, war ein enger Mitarbeiter Hergés und außerdem für die Römerzeit-Serie "Alix" verantwortlich. Zwischen 1952 und 1965 konnte er daher gerade drei "L. Frank"-Alben fertigstellen. Seit Anfang der Siebziger befindet sich die Serie in verschiedenen Händen; Martin, der 2010 verstarb, schrieb lange noch die Szenarios. Der kleine Leipziger Kult Verlag bringt "L. Frank" mit einer Gesamtausgabe auf den deutschen Markt zurück. Im parallel erschienenen dritten und sechsten Band sind Alben aus den Achtzigern und aus dem letzten Jahrzehnt vereint, die inhaltlich wie visuell verschiedenen Ansätzen folgen. In "Die Oase" kämpft L. Frank, ausgerüstet mit einem Spezialgewehr, im Nahen Osten gegen terroristische Flugzeugentführer; "Der Herr des Atoms" ist in einem lupenreinen Retro-Ligne claire-Stil gezeichnet.

Ein Italian Lover, wie er im Buche steht, unbesiegbar im Umgang mit dem Degen und von katzenhaft-femininer Eleganz - das ist Armando Catalani, genannt Der Skorpion. Im Rom des späteren 18. Jahrhunderts versorgt er die fromme Aristokratie mit Reliquien- echten oder gefälschten. Ein schönes Leben, wäre da nicht der bösartig-reaktionäre Kardinal Trebaldi, der sich nicht nur mit allen Mitteln anschickt, Papst zu werden, sondern auch aus einem rätselhaften Grund Armando mit seinem Hass verfolgt. Die Serie - Text: Stephen Desberg, Zeichnungen: Enrico Marini - ist eine in jeder Hinsicht farbenprächtige Hommage an das französische und italienische Mantel- und Degen-Kino der Fünfziger, Sechziger. Insgesamt gibt es zwölf Alben, die jetzt in einer dreibändigen Gesamtausgabe zusammengefasst werden (Carlsen).

Ein scharfsinniger englischer Detektiv, der aus kleinsten Indizien die kühnsten Schlüsse zieht, und sein treuer Helfer - das können nur Sherlock Holmes und Dr. Watson sein. In Eine Studie in Smaragdgrün untersucht das Duo einen brutalen Mord an einem Mitglied des Königshauses. Trügerisch ist hier alles; das deuten schon zu Beginn die Hinweise auf Howard P. Lovecrafts tentakelige Ctulhu-Monster an. Neil Gaiman, der "Sandman"-Szenarist, betreibt ein virtuoses Vexierspiel mit dem Holmes-Mythos; die vielen Referenzen werden dankenswerterweise vom informierten Übersetzer Jens R. Nielsen in einem Glossar erläutert. Rafael Albuquerques Zeichnungen, koloriert von Dave Stewart, sorgen für die stilvolle viktorianische Schauerstimmung (Dantes Verlag).

© SZ vom 15.09.2020

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