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Comickolumne:Hartnäckige Nostalgie

Seit Jahren ist der Ein-Mann-Verlag Wick Comics damit beschäftigt, die "Silberpfeil"-Reihe nachzudrucken. Die "John Wayne Adventure Comics" sind eine herrliche Kuriosität, die "Fünf Freunde" von Béja sehen aus wie von Hergé.

Wer schon mal einen Comic-Salon besucht hat, der kennt die Pilger mit den vollen Leinentaschen und schweren Rollkoffern, die von Stand zu Stand ziehen, um Alben zu kaufen und signieren zu lassen. Die neueste Graphic Novel interessiert sie selten; ihnen geht es vor allem darum, an Jahrzehnte zurückliegende Lektüreerlebnisse anzuknüpfen. Diesen hartnäckigen Nostalgikern, ihrer Leselust und Kaufkraft ist es zu verdanken, dass einige Klassiker immer wieder neu aufgelegt und manche Schätze gehoben werden.

Zu den wichtigsten Erneuerern des frankobelgischen Comics zählte in den Sechzigern und Siebzigern Michel Regnier, der als Zeichner und Szenarist unter dem Kürzel Greg auftrat. Im Jahr 1966 wurde er Chefredakteur von Tintin, des Magazins, in dem zwar die Abenteuer von Hergés "Tim und Struppi" erschienen, das in den 20 Jahren seines Bestehens aber etwas Staub angesetzt hatte. Entgegen der Politik seiner Vorgänger setzte Greg stark auf vergleichsweise harte, realistisch gezeichnete Serien, von denen er vier gleich selbst schrieb, zwei davon ("Andy Morgan", "Comanche") für den großartigen, heute noch aktiven Hermann Huppen. Mit Eddy Paape kreierte Greg den "Flash Gordon"-Verschnitt Luc Orient; in Zusammenarbeit mit William Vance entstand Bruno Brazil. Beide Serien bringt der kleine All Verlag in einer mustergültigen, mit Vorworten versehenen Neuauflage heraus. Mit Brazil holte Greg, angeregt durch den Erfolg von "James Bond", den Typus des coolen Agenten in die Comics. Im ersten Band ist der Held, ein weißhaariger Beau mit messerscharfen Bügelfalten, noch alleine unterwegs; danach stellt er sich, wie im Subgenre des Söldnerfilms, ein Team verwegener, exzentrischer Spezialisten zusammen, das "Kommando Kaiman". Greg liebte es, Tabus zu brechen: Im letzten von ihm verfassten "Bruno Brazil"-Abenteuer sterben zwei Mitglieder des Teams, zwei weitere bleiben verkrüppelt zurück. Das war 1977; seitdem haben die Fans sehnsüchtig auf eine Fortsetzung gewartet, die als Die neuen Abenteuer von Bruno Brazil (ebenfalls bei All) nun endlich vorliegt und inhaltlich nahtlos an den Vorgängerband anknüpft. Die Zeichnungen Philippe Aymonds besitzen zwar nicht die kühle, etwas steife Eleganz, die William Vances Stil zu eigen war, aber das solide Szenario von LF Bollée lässt keine Langeweile aufkommen.

Die Abenteuer der "Fünf Freunde", zwischen 1942 und 1968 von Enid Blyton verfasst, waren früher in jedem Kinderzimmer zu finden. In Frankreich aktuell erfolgreich sind die Fünf Freunde-Comics von Nataël (Text) und Béja (Zeichnungen). Aus 200-Seiten-Romanen werden gerade 30-seitige Alben; fürs Entfalten, für alles Atmosphärische und Epische bleibt da kaum Platz. Hübsch ist aber die Idee, die Geschichten nicht in die Gegenwart zu verlegen, sondern sie ungefähr zu ihrer Entstehungszeit, in einer Welt der Vierziger-, Fünfzigerjahre spielen zu lassen. Liebhaber der frankobelgischen Klassiker, speziell von Hergé, kommen bei diesen "Fünf Freunden" auf ihre Kosten: Béja zeichnet in einem lupenreinen Ligne claire-Stil, ein Hausarzt schaut wie Professor Bienlein aus, und Tim, der Hund der Kinder, gibt wie Struppi in Denkblasen seine Meinung kund (Carlsen, bisher zwei Bände).

Eine herrliche Kuriosität sind die John Wayne Adventure Comics, die zwischen 1949 und 1955 bei dem New Yorker Verlag Toby Press erschienen; eine Auswahl ist im aktuellen Band der verdienstvollen Reihe Perlen der Comicgeschichte (Bildschriftenverlag) zu finden. Der stark von Alex Raymond beeinflusste Al Williamson und der später als Fantasy-Illustrator berühmte Frank Frazetta geben hier frühe Kostproben ihres großen Talents. John Wayne war damals auf dem Zenit seines Ruhms; in den kurzen Western-Stories tritt er, mit dem gewaltigen Körper eines Superhelden ausgestattet, einfach als er selbst auf: Zwischen Person und Rolle wird nicht mehr unterschieden.

Deutlich länger, von 1969 bis 1988, konnte sich die Silberpfeil - Der junge Häuptling an den Kiosken halten. Die von dem Holländer Frank Sels geschriebenen und gezeichneten Abenteuer des edlen Kiowas, seines Freundes Falk, der Squaw Mondkind und des Pumas Tinka zählten zu den beliebtesten in Westdeutschland vertriebenen Comics. Der Ein-Mann-Verlag Wick Comics ist seit Jahren damit beschäftigt, "Silberpfeil" komplett nachzudrucken - ein herkuleisches, bei Nr. 55 angekommenes Werk der Liebe, wie es nur Nostalgiker, die ganz reinen Herzens sind, zustande bringen können.

© SZ vom 17.12.2019
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