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Comicfestival in Angoulême:Arts Privatmuseum

Der amerikanische Zeichner und Schöpfer von "Maus", Art Spiegelman, verleiht dem Comicfestival von Angoulême neue Impulse und wendet sich als Präsident ganz gegen die frankobelgische Tradition. Ein Glücksfall für das Festival.

Heiner Lünstedt

Im unweit von Cognac und La Rochelle gelegenen Örtchen Angoulême hat das jährlich dort stattfindende Internationale Comicfestival bleibende Spuren hinterlassen. Es gibt dort nicht nur zwei beeindruckende Comic-Museen, viele Bewohner haben ihre Häuser mit Comic-Motiven bemalt, und die Straßenschilder haben die Form von Sprechblasen. So gibt es eine "Rue Goscinny" oder einen "Espace Franquin".

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Art Spiegelman gehört zu den wenigen Präsidenten des Comicfestivals, die nicht aus Frankreich oder Belgien stammen.

(Foto: AFP)

Das Festival fand erstmals 1974 statt, und auch nach 39 Jahren sind in Angoulême keine Ermüdungserscheinungen festzustellen. Das Programm war abwechslungsreich wie eh und je. Und auch in diesem Jahr waren Künstler und Fangemeinde mit Leidenschaft bei der Sache.

In der Comicszene ist es immer noch erstaunlich einfach, an die Stars heranzukommen. Für viele Besucher, etwa die deutschen Comicverleger Dirk Rehm von Reprodukt, Eckart Schott von Salleck, Thomas Schützinger von der Edition 52 oder Johann Ulrich vom Avant Verlag, ist das Festival allerdings keine reine Spaßveranstaltung. Neben der Frankfurter Buchmesse sind die vier Tage in Angoulême die beste Gelegenheit, sich Lizenzen für neue Comics zu sichern, oftmals schon lange bevor diese in ihren Heimatländern erschienen sind.

Etwas enttäuschend waren einige der groß angekündigten Ausstellungen. Die Präsentation spanischer Zeichner bestand fast nur aus Kopien von Comicseiten und präsentierte nur sehr wenige Originalzeichnungen. Die im Innenhof des Rathauses gezeigte Werkschau mit Comics aus Taiwan kam sogar ganz ohne Originale aus, genau wie auch "L'Europe se dessine" ("Europa zeichnet sich selbst"). Diese nicht unspannend konzipierte Ausstellung war 2010 vom französischen Minister für Europa-Angelegenheiten Laurent Wauquiez, einem bekennenden Comicfan, angeregt worden. Sie sollte in Angoulême präsentiert werden und dann durch Europa touren.

Bekannte internationale Comiczeichner sollten mit Geschichten rund um eine Identifikationsfigur namens Iris für eine "europäische Identität" werben. Was Jean Leonetti, Wauquiez' Nachfolger als französischer Europaminister, in diesem Jahr in Angoulême präsentierte, dürfte allerdings nur wenig dazu beitragen, dem Kontinent Werte wie Gleichheit oder Brüderlichkeit zu vermitteln.

Mit dem Spanier Miquelanxo Prado, dem Franzosen Hervé Baru und dem Italiener Milo Manara waren zwar Starzeichner angetreten, die auch gute Beiträge zum Thema ablieferten, ohne sich jedoch allzu sehr um die von Charles Berbérian ("Monsieur Jean") entworfene Identfikations-Iris zu kümmern. Die übrigen Zeichner waren jedoch wohl stark nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden. Nachdem ursprünglich große Namen wie Ralf König oder Matthias Schultheiss ins Spiel gebracht worden waren, sind es jetzt die Zeichner Phillip Janta, Michael Jordan und Claire Lenkova, die selbst Comicfachleuten bisher noch nicht sonderlich aufgefallen waren, durch deren mittelprächtige Arbeiten Deutschland in der Ausstellung vertreten wird. Da sich dies bei den Beiträgen aus dem europäischen Ausland ähnlich verhält, scheint es eher unwahrscheinlich, dass "L'Europe se dessine" jemals außerhalb Frankreichs zu sehen sein wird.

Comic-Künstler und Fachmann

Die gewohnte Qualität garantierten die beiden Angoulêmer Comic-Museen. Eine der am schönsten konzipierten Ausstellungen hat es dabei nicht einmal ins Programmheft geschafft, da die Ausstellung bereits vor dem Comicfestival startete und noch bis zum 11. März im riesigen "Musée de la BD" gezeigt wird. Unter dem Motto "Un autre histoire" ("Eine andere Geschichte") sind Ölgemälde diverser meist französischer oder belgischer Comic-Künstler zu sehen, die mit ausgewählten Comicseiten der jeweiligen Künstler konfrontiert werden. Ein abstraktes Gemälde von Hergé ("Tim und Struppi"), Surrealismus von Victor Hubinon ("Buck Danny") stilistisch erstaunlich eigenständige Malereien von Jijé ("Jerry Spring") - das gibt es nicht alle Tage zu sehen!

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Nicht alle Ausstellungen konnten 2012 in Angoulême überzeugen.

(Foto: AFP)

Im selben Haus wurde auch ein Höhepunkt des Festivals gezeigt. Die Wahl des nicht gerade als pflegeleicht geltenden New Yorker Künstlers Art Spiegelman zum Comic-Präsidenten überraschte zunächst, denn in 39 Jahren gab es bisher nur fünf nicht aus Frankreich oder Belgien stammende Amtsinhaber. Spiegelman lehnte es zwar ab, im Rahmen des Festivals Interviews zu geben. Doch ansonsten erwies er sich als Glücksfall für die Veranstaltung, da er nicht nur ein einflussreicher Comic-Künstler, sondern auch Comic-Fachmann ist.

Der Schöpfer von "Maus" empfindet eine große Liebe zu den prachtvollen klassischen farbigen Comicseiten, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts in den Sonntagsbeilagen der US-Zeitungen veröffentlicht wurden. Doch auch der subversive Humor des Magazins MAD inspirierte den jungen Zeichner. In Angoulême ist es Tradition, dass der jeweilige Festivalpräsident nicht nur eigene Arbeiten, sondern auch seine persönlichen Favoriten ausstellt.

Da das "Musée de la BD" zudem noch über eine riesige, im ständigen Wechsel ausgestellte Sammlung von Originalseiten verfügt, lag es nahe, Spiegelman zu bitten, diesen Ort in ein "privates Museum" zu verwandeln. Er setzte bei der von ihm konzipierten Darstellung der Comic-Geschichte andere Akzente als die stark "frankobelgisch" geprägten Wechselausstellungen des "Musée de la BD". So präsentierte er etwa recht ausführlich Lyonel Feiningers für US-Zeitungen entstandene Comics oder Olaf Gulbranssons locker zu Papier gebrachte Simplicissimus-Seiten.

Direkt gegenüber am anderen Ufer der Charente wurde unter dem Titel "CO-MIX" die zweite Spiegelman-Ausstellung präsentiert. Das architektonisch reizvolle "Bâtiment Castro" zeigt eine Werkschau, die keine Wünsche offen lässt. Das Kernstück sind natürlich Seiten aus Spiegelmans preisgekrönter Graphic Novel "Maus", die noch um eindrucksvolle Skizzen ergänzt wurden. Hier war geradezu hautnah zu spüren, wie Spiegelman mit sich gerungen haben muss, um den passenden Stil für seine Geschichte zu finden. Neben dem Moloch "Maus" drohen Spiegelmans übrige, fast immer bemerkenswerte und originelle Arbeiten zu verblassen, selbst wenn sie wie "Im Schatten keiner Türme" vom 11. September handeln.

Doch es kommt deutlich zum Ausdruck, dass hier jemand, der bereits in frühen Jahren sehr gut zeichnen konnte, sich eher dafür interessiert, die Möglichkeiten des Mediums Comic auszuloten, als an der Raffinesse seiner Zeichnungen zu feilen.

Spiegelmans Doppelausstellung, die noch bis zum 6. Mai in Angoulême präsentiert wird, ist ein spannender Exkurs, der zeigt, wo die Comics herkommen, aber auch, in welch ungewöhnlichen Regionen sie ankommen können. Im nächsten Jahr ist in dieser Hinsicht wohl leider weniger zu erwarten. Es gewann der nur mäßig innovative französische Zeichner Jean-Claude Denis ("Luc Lamarc") den Grand Prix, er wird im nächsten Jahr die Präsidentschaft übernehmen. Trotz der Gäste aus aller Welt ist das Festival in erster Linie immer noch eine Leistungsschau der einheimischen Comiclandschaft, die in diesem Jahr ein wenig zu international ausgefallen ist.

© SZ vom 31.01.2012/cag
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