Comic-Zeichner Ed Piskor:"Ein großer weißer Nerd"

Ed Piskor

Comic-Künstler Ed Piskor.

(Foto: Garret Jones)

Detailversessen und brillant recherchiert: Unter dem Einfluss der Hip-Hop-Subkultur Pittsburghs will er Graffitisprayer werden, doch dann wendet sich Ed Piskor dem Zeichnen von Comics zu. In dem Sammelband "Hip Hop Family Tree" findet er zurück zu seinen Wurzeln.

Von Julian Brimmers

Es gehört zu den gern zitierten Fußnoten der Hip-Hop-Geschichtsschreibung, dass ausgerechnet das dröge ZDF den Graffiti-Spielfilm "Wild Style" durch eine Anschubfinanzierung erst ermöglichte. Mitte der Achtziger entwickelte sich "Wild Style" umgehend zum Kultfilm und trug so maßgeblich dazu bei, die Subkultur der New Yorker Bronx international bekannt zu machen.

"Wild Style" erzählt so naiv und authentisch vom Underground in der Bronx, wie dieser es in seinen konturlosen Anfangsjahren tatsächlich noch war. In einer Szene des Films biedert sich der Sprüher Zoro (dargestellt von Graffiti-Pionier Lee Quinones) den Mächtigen der New Yorker Kunstwelt an und wird sogleich von der Gespielin des Museumsdirektors symbolisch verführt. Sein unsicherer Blick verrät, wie sehr Zoro mit dem Zweifel eines jeden jungen Künstlers hadert, der sich auf der Schwelle zum Erfolg wiederfindet: Habe ich meine Seele verkauft?

Der Cartoonist Ed Piskor ist ein Meister im Aufspüren solcher Episoden. In seiner Comic-Serie "Hip Hop Family Tree" hat der 31-Jährige eine ganze Reihe solcher Momentaufnahmen brillant recherchiert und detailversessen zu Papier gebracht. Der nun in deutscher Übersetzung vorliegende erste Sammelband dieser Kulturgeschichte aus der Frühzeit des Hip-Hop umfasst die Jahre 1975-1981 und endet somit knapp vor Beginn der Dreharbeiten zu "Wild Style".

Die Sorgen, die Zoro im Film plagen, kennt Piskor selbst nur allzu gut. Dass sich der Zeichner bei Geschäftsessen und Literaturpartys unwohl fühlt, erzählt er jedem, der es hören will. Und dass er bei einem etablierten Verlag wie Fantagraphics unterschrieben hat, meint er noch immer mit den gestalterischen Freiheiten rechtfertigen zu müssen, die ihm eingeräumt worden seien: "Immerhin bin ich nur ein großer, weißer Nerd", lacht Piskor, "aber wenn wir schon Bäume fällen, um ein Buch zu produzieren, dann muss es auch perfekt aussehen."

Auf der Bestsellerliste der "New York Times"

Piskors Sorgen, vom Establishment geschluckt zu werden, erwiesen sich als nicht ganz unbegründet. Denn nur wenige Wochen nachdem "Hip Hop Family Tree" in den USA Ende vergangenen Jahres herauskam, tauchte das Buch überraschenderweise auf der Bestsellerliste der New York Times auf. Drei komplette Auflagen waren innerhalb weniger Monate ausverkauft. Während der erste Band inzwischen für zwei Eisner Awards nominiert ist, wird der zweite Band bereits gedruckt. An Band drei arbeitet Piskor derzeit - er soll zur Hälfte fertiggestellt sein, mindestens sechs sollen es werden.

Für sein Alter hat Piskor bereits ein umfangreiches Werk vorgelegt, das zusammengehalten wird von der Idee des ungefiltert Subversiven. Schon seine frühen Arbeiten "Deviant Funnies" und "Isolation Chamber" sind voll mit schwarzem Humor, seine Serie "Wizzywig", die in den USA vor zwei Jahren als Buch herauskam und im Mai bei Egmont Graphic Novels auf Deutsch erschien, erzählt von den frühen Tagen des Computer-Hackings und Telefon-Phreakings mit dem fiktiven PC-Nerd Kevin "Boingthump" Phenicle als Hauptprotagonisten.

Wer genau hinsieht, erkennt schon hier Piskors Vorliebe für Hip-Hop und intertextuelle Referenzen, ziert doch unter anderem der Schriftzug der New Yorker Graffiti-Legende "Taki 183" einen Telefonkasten in Wizzywig.

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