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Neu im Kino: "The First Avenger: Civil War":Im Fernsehen findet Hollywood die neuen Filmemacher

Ein bisschen erinnert die aktuelle Situation an die Westerninflation der Fünfziger, wo Regisseuren fast nichts anderes zu tun blieb, als das Westerngenre zu variieren - Westerndrama, Westernkomödie, Westernkrimi. Damals konnten die Hollywood-Studios für den Regie-Job noch grantige alte Männer engagieren, die keine Indianer mochten und zu viel Whiskey tranken, was heute aber beides als verpönt gilt.

Ein Männlein steht im Plattenbau, ganz still und stumm: Captain America (Chris Evans) wird in Berlin mit deutscher Innenarchitektur konfrontiert.

(Foto: Disney)

Deshalb rekrutieren Superheldenfabrikanten wie das Marvel-Studio ihre Filmemacher am liebsten dort, wo die Schnittmenge zwischen Streber- und Künstlertum in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie am größten ist: im Fernsehen. Wer dort nicht unter dem Erwartungs- und Zeitdruck der TV-Sender zusammengebrochen ist, den kann man auch ohne größere Kollateralschäden an ein Blockbuster-Set stellen, lautet wohl der Gedanke. Zumal ein einzelnes Marvelwerk mittlerweile auch mehr den Charakter einer Serienfolge denn eines Spielfilms hat.

Die Kehrseite dieses Anti-Autorenfilmerprinzips ist, dass kaum ein Mensch Regisseure wie Alan Taylor ("Thor - The Dark Kingdom"), James Gunn ("Guardians of the Galaxy") oder Peyton Reed ("Ant-Man") namentlich kennt. Aber die Superheldenmaschinerie hat dieses Verfahren bislang bestens am Laufen gehalten.

Trotz diverser Gastauftritte von obskuren Helden wie Ant-Man ist der Film ein anständiger Thriller

Auch die Regisseure Joe und Anthony Russo, die unter anderem die Comedy-Serie "Arrested Development" gemacht haben, reihen sich mit "The First Avenger: Civil War" perfekt in dieses System ein. Denn sie beherrschen nicht nur die Balance zwischen künstlerischen und kommerziellen Interessen, sie sind schon eine Evolutionsstufe weiter: Sie machen zwischen beidem überhaupt keinen Unterschied mehr.

Weil ein Marvel-Film immer auch als Werbetrailer für mindestens fünf weitere Marvel-Filme fungieren muss, bringen sie Gastauftritte von diversen anderen Figuren unter, die bald wieder in eigenen Filmen geehrt werden (Spider-Man! Ant-Man!). Sie erzählen aber tatsächlich auch einen recht eindrucksvollen Politthriller über Paranoia und Großmachtfantasien.

Eine Geschichte, die Hollywood früher mit normalsterblichen Lebewesen verfilmt hätte, die heute aber im Superheldengewand daherkommen muss. Was die Russos aber vergleichsweise unauffällig inszenieren - soweit das eben möglich ist mit einem Hauptdarsteller, der die amerikanische Flagge als Kostüm hat. Zum Verbergen des Genres Superheldenfilm trägt zumindest das deutsche Plattenbausetting, das hier keine kleine Rolle spielt, hervorragend bei, genauso wie der neue Schurke Daniel Brühl alias Baron Zemo. Der springt nicht, fliegt nicht, wächst, mutiert und schrumpft nicht - er besitzt nicht einmal ein Cape.

Captain America: Civil War, USA 2016 - Regie: Anthony und Joe Russo. Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely. Kamera: Trent Opaloch. Mit: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Daniel Brühl, Elizabeth Olsen. Disney, 147 Minuten.

© SZ vom 28.04.2016

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