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Comic:Sprengkörper

(Foto: Avant Verlag)

Von Philipp Bovermann

Es gibt wohl kein Gefühl, das sich so gut in Comics ausdrücken lässt wie Beklemmung. Enger werdende Panels, eine rechteckig scharf geschnittene Welt. Keine Fluchtpunkte. Kein Entkommen. Manchen Zeichnern genügt dieser Effekt, um daraus ein ganzes Buch zu machen. Bei der 1992 geborenen Schwedin Moa Romanova hingegen kann man besichtigen, dass es nicht nur auf die Enge der von Strichen begrenzten Welt ankommt. Sondern auch auf die Körper dazwischen.

In ihrem Debüt "Identikid" (eine sagenhaft doofe Übersetzung des Originaltitels "Paniikkiprinsessa") erzählt sie autobiografisch von den Panikattacken, die sie durchlebt, nachdem sie synthetisches Marihuana aus dem Internet geraucht hat. Es hat ihren Kopf in einen Sprengkörper verwandelt. Auf viel zu breiten Schultern sitzt er, von denen Arme abgehen, an denen Hände wie Schaufeln hängen. Stämmige Beine. Ein bisschen so wie bei Robert Crumb, dem dirty grandfather des Underground Comics. Aber wo bei Crumb das Fleisch üppig wuchert, ist es bei Romanova halb Panzer gegen eine den Körper umgebende Leere, halb sperriges Material. Das bisschen verbliebenen Platz in dieser Welt, die sowieso schon viel zu voll ist, verschlingt es auch noch.

Trotzdem erzählen die breiten Schultern auch von einer Stärke, die einstweilen nur sozusagen subkutan spürbar wird, als Versprechen. Möglicherweise ist die Stunde nicht mehr fern, in der die Last des Sexismus von diesen breiten Frauenschultern genommen wird. Einstweilen aber steht dieser Koloss nachts verängstigt neben einer Kuhweide, und keiner kann ihn trösten.

© SZ vom 14.11.2020

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