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Comic:KI findet "Krazy Kat"

"Krazy Kat" - Comiczeichnungen von George Herriman

(Foto: George Herriman)

Lange waren die"Krazy Kat"-Comics verschwunden - nun macht Künstliche Intelligenz sie wieder zugänglich.

"Krazy Kat" ist ein Comic-Strip, der zwischen 1911 und 1944 in den Zeitungen des amerikanischen Verlegers William Randolph Hearst erschien. Ein Comic mit surreal erratischem Witz, um eine verwirbelte ménage à trois, in der die naive Krazy-Katze die Maus Ignatz liebt, was den wiederum heillos in Krazy verliebten Polizeihund Offisa Pup irritiert. Der rabiate Ignatz erwidert alle Zuneigung mit gezielt geworfenen Ziegelsteinen, die nur zu diesem Zweck in der Fabrik Kolin Kellys angefertigt wurden. 33 Jahre lang. Nahezu täglich.

Der schwarz-weiße "Krazy Kat" wurde von fast Joyce'schen Bewusstseinstürmen durchweht, sein Schöpfer George Herriman hatte dafür - heute unvorstellbar - völlige Freiheit. Grammatikalisch und orthografisch ging es drunter und drüber, sogar die Physik neigte zu eigenwilligen Metamorphosen, die sich völlig losgelöst vom Plot im Hintergrund der Zeichnungen abspielten. Der Strip war ein riesiger Erfolg, US-Präsident Woodrow Wilson, die Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein und E. E. Cummings waren erklärte Fans, ebenso die Filmkomiker W. C. Fields und Charlie Chaplin sowie der Maler Pablo Picasso. Doch hing dieses eher krakelig gezeichnete Universum so sehr an seinem Erfinder Herriman, dass es nach dessen Tod verschwand. Nur relativ teure, unvollständige Nachdrucke einzelner Stories existieren noch.

Das hat den Programmierer (und unbedingten Kat-Fan) Joël Franusic so gewurmt, dass er künstliche Intelligenzen bemüht hat, das tierische Trio infernal in den Archiven der Welt ausfindig zu machen. Die Funde sind nun als Public Domain auf seiner Webseite zu finden: https://joel.franusic.com/krazy_kat/

Franusic sichtet 100 Comic-Seiten

Geradezu hinreißend ist, wie Franusic dort auch die Suche nach den Strips dokumentiert. Wie er erst einmal die öffentlich zugänglichen Archive von neun Tages- und vier Sonntagszeitungen systematisch mit selbst geschriebenen Programmen durchforstete, bevor er ein Maschinenlern-System darauf ansetzte, im ganzen Netz nach gemeinfreien Strips zu fahnden. Die Krazy-Kat-Ära von 1911 bis 1944 zählt nicht zu den bestens digitalisierten Jahrgängen, außerdem musste er sich aus Urheberrechtsgründen auf die Jahrgänge vor 1923 beschränken. Digitalisierung dieser Jahrgänge heißt hier natürlich, dass lediglich komplette Zeitungsseiten eingescannt sind, die einzelnen Elemente darauf sind nicht klassifiziert. Also ließ Franusic von seinen Scripts zuerst alle Zeitungsseiten daraufhin untersuchen, ob sie überhaupt Bilder enthalten, Treffer ließ er sämtlich downloaden. Dann suchte er aus dieser riesigen Sammlung in persönlicher Sichtung etwa 100 Seiten mit Krazy-Kat-Comics heraus.

Franusic beschreibt nun sehr anrührend, wie er dann versuchte, eine künstliche Intelligenz dazu zu bringen, in den von ihm klassifizierten 100 Strips ebenfalls die geliebte Krazy Kat zu erkennen. Es dauerte, gelang ihm schließlich mit dem Microsoft-Dienst "Custom Vision". "Am Ende fühlte ich mich wie ein Meta-Programmierer ..." Als die KI so weit war, dass sie Krazy Kat erkannte, wurde sie auf die Library of Congress, alle Wikipedias, die Comic Strip Library und die Heritage Auctions losgelassen. Drei überragende Intelligenzen waren also am Werk: Die von Herriman, die von Franusic und eine anonyme aus vielen Rechnern.

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