bedeckt München

Comic aus Israel:Jäger der verlorenen Bundeslade

Bruderkrieg unter der Erde oder gemeinsame Schatzsuche? Nili (rechts vorne) und ihr Bruder treffen im Tunnel auf Palästinenser.

(Foto: Rutu Modan)

Gemeinsam im "Tunnel": Die israelische Zeichnerin Rutu Modan bringt in ihrem Comic orthodoxe Juden und Palästinenser zusammen.

Von Christoph Haas

Weit haben die jüdischen Schatzsucher ihren Tunnel in die Erde getrieben. Da hören sie plötzlich Stimmen, und durch einen Riss in der Wand dringt Licht. Ein paar beherzte Hammerschläge bringen einen zweiten, gegenläufigen Tunnel zum Vorschein. Zwei Palästinenser sind in ihm zugange, professionell mit Sauerstoffgeräten ausgerüstet. Schnell schlagen die Emotionen hoch. Hacken werden drohend erhoben, eine Pistole gezückt. Für einen Moment scheint es, als würde der Bruderkrieg der verfeindeten Nachfahren Abrahams sich unter Tage fortsetzen.

Es ist eine wilde, immer wieder sehr komische Geschichte, die Rutu Modan in ihrem Comic "Tunnel" erzählt. Im Zentrum steht ein Abenteuer, die Suche nach der Bundeslade, die von der israelischen Comic-Künstlerin so spannend wie ironisch als Schatzsuche auf den Spuren von Indiana Jones inszeniert wird. Klar, dass dabei auch der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern eine entscheidende Rolle spielt, immerhin wird illegal unter der Erde der Westbank gegraben.

Die Teilung des Landes macht es nicht nur den Archäologen schwer.

(Foto: Rutu Modan/Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2021)

Rutu Modans Indiana Jones heißt Nili. Sie ist die Tochter des berühmten Archäologen Israel Broshi, bei dessen Ausgrabungen sie schon als Kind erfolgreich mitgeholfen hat. Nun ist Israel ein dementer alter Mann, der wie ein Kleinkind versorgt werden muss. Nili beschließt daher, auf eigene Faust das größte Unternehmen ihres Vaters fortzusetzen: das Auffinden der Bundeslade, jener hölzernen Truhe, in der der Bibel zufolge die zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurden, die Moses von Gott auf dem Berg Sinai empfangen hat. An einem geheimen Ort ist dieser heilige Gegenstand nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier von einem Tempelpriester versteckt worden. Nili, die eine ebenso leidenschaftliche wie offenbar begnadete Archäologin ist, kann die Keilschrift auf einer Tontafel mühelos entziffern und ist sich fortan sicher zu wissen, wo die Lade liegt. Der Haken dabei: Der Ort befindet sich inzwischen hinter der hohen Schutzmauer, die das israelische Territorium vor Terrorangriffen schützen soll. Also hilft nur eins: Es muss gegraben werden - und Nili schafft es tatsächlich, orthodoxe Juden und Palästinenser zur Zusammenarbeit zu überreden.

In Israel gibt es eine interessante Comic-Szene - Rutu Modan ist eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen

Israel gehört nicht zu den Ländern, an die man als Erstes denkt, wenn es um Comic-Kultur geht. Aber auch dort gibt es eine sehr interessante Szene, zu deren wichtigsten Vertretern die 1966 geborene Rutu Modan zählt. In "Blutspuren" (2006), ihrem Debüt, macht sich ein Taxifahrer auf die Suche nach seinem Vater, den er seit Jahren nicht gesehen hat und von dem dessen junge Geliebte glaubt, er sei einem Selbstmordanschlag zum Opfer gefallen. In der doppeldeutig betitelten Graphic Novel "Das Erbe" (2013) reist eine 90-Jährige mit ihrer Enkelin von Tel Aviv nach Warschau, um Anspruch auf ihr im Zweiten Weltkrieg geraubtes Elternhaus zu erheben. Zugleich geht es aber um die Frage, welches Verhältnis nachwachsende Generationen - nicht nur in Israel - zum Holocaust entwickeln können.

Modan

Die israelische Comic-Zeichnerin und Autorin Rutu Modan.

(Foto: Roni Cnaan)

Mit knapp 280 Seiten ist "Tunnel" Modans bislang umfangreichste, ambitionierteste Arbeit. Die Vielzahl an Figuren ermöglicht Verästelungen der Geschichte, mit denen Modan den Plot der Schatzsuche vielfältig anreichert. Dabei schöpft sie aus der Vergangenheit und Gegenwart Israels, um die spezielle Situation des Landes als einer von außen bedrohten und im Inneren zerrissenen Nation zu schildern. Mit der Gestalt des bauernschlauen Shmuël und seiner naiven jugendlichen Ausgrabungshelfer macht Modan sich über die Strenggläubigen und deren teilweise handfest rassistische Ansichten lustig: Araber halten diese Leute grundsätzlich für faule, unehrliche Kerle. Und wie schön wird es sein, wenn endlich der Messias gekommen ist - dann werden "alle Gojim" den Frommen als "Sklaven" dienen müssen!

"Wichtig ist nicht, wer die Lade findet. Wichtig ist, wer den Fachaufsatz dazu schreibt."

"Tunnel" ist aber auch die Geschichte einer Archäologen-Familie, in der alle irgendwie besessen sind, ein Abbild der politisch-religiösen Streitereien im Land: Nili hat nur noch die Bundeslade im Kopf; ihr Sohn greift sich bei jeder Gelegenheit ein - notfalls fremdes - Handy; und Nilis jüngerer Bruder will unbedingt im akademischen Betrieb landen. Um die ersehnte Festanstellung am archäologischen Institut zu erhalten, dient er sich skrupellos einem früheren Kollegen und Konkurrenten seines Vaters an, einem machtbewussten, nach Ruhm gierenden Egozentriker, dessen Motto lautet: "Wichtig ist nicht, wer die Lade findet. Wichtig ist, wer den Fachaufsatz dazu schreibt." "Tunnel" ist auch eine bissige Universitätssatire, in der die Eitelkeiten und verzwickten Abhängigkeitsverhältnisse der akademischen Welt auf die Schippe genommen werden.

Cover Tunnel Rutu Modan

Rutu Modan: Tunnel. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 280 Seiten, 28 Euro.

(Foto: Rutu Modan/Carlsen)

In "Blutspuren" gibt es komische Momente; "Das Erbe" ist eine Tragikomödie. Mit "Tunnel" ist Modan bei der Komödie angelangt, mit allem, was dazugehört: groteske Wendungen, Karikaturen und Klischees, übersteigerte Mimik und Gestik. Ihrem Ligne-claire-Stil ist sie zwar treu geblieben, aber hat die Figuren viel cartoonhafter gezeichnet als in früheren Arbeiten. Hier stellt sie sich leider nicht allzu geschickt an; die semirealistische Figurendarstellung liegt ihr offenkundig mehr. Das ist aber der einzige Einwand gegen diesen Band. Ansonsten genießt man von Seite zu Seite mehr, wie es Modan gelingt, in der Komik den Ernst durchscheinen zu lassen und allem Ernsten komische Seiten abzugewinnen - am Ende sogar dem IS.

© SZ/knb
Zur SZ-Startseite
Viktor Martinowitsch, nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Buchbesprechung

SZ PlusProteste in Belarus
:"Die Situation wird immer schlimmer"

Der Buchtitel des belarussischen Schriftstellers Viktor Martinowitsch klingt wie eine Prophezeiung: "Revolution". Nun wurde sein Verleger festgenommen, 600 Exemplare des Buches beschlagnahmt. Ein Gespräch über Widerstand und dunkle Vorahnungen.

Interview von Francesca Polistina

Lesen Sie mehr zum Thema