Mit dem Wechsel zu Isabel Kreitz hat "Haarmann" sich in visueller Hinsicht radikal verändert. An die Stelle der großformatigen Tusche- sind kleinformatige Bleistiftzeichnungen getreten. Während Gorny Menschen und Dekor nur als Konturen zeigt, über die immer wieder rätselhafte, schattenartige Streifen laufen, strichelt Kreitz akribisch und detailverliebt. Jedem Panel sieht man den Zeitaufwand an, der in es investiert worden ist - mehr als die bloße Achtung vor so viel Mühe kann man beim Lesen aber nicht empfinden. Die Meister des realistisch gezeichneten Comics - von Milton Caniff über Jack Kirby und Jean Giraud bis zu Frank Miller - haben es immer verstanden, ihren Arbeiten Dynamik zu verleihen: durch Hinzufügen burlesk-karikaturistischer Elemente, durch Übersteigerung ins Groteske und Klotzige. Wo, wie bei Kreitz, beides fehlt, geht gerade die nahezu fotografische Präzision einher mit Erstarrung, mit Leblosigkeit.

So geraten die Bilder in dieser Graphic Novel in ein merkwürdiges Verhältnis zum Szenario. Einerseits betreiben sie die penible Verdoppelung des naturalistisch-soziologisch geschulten Blickes, der Peer Meter zu eigen ist. Andererseits sorgen sie dafür, dass von der umfassenden Verstörung, die von der Haarmann-Affäre ausgeht, kaum etwas übrigbleibt. "Warte, warte nur ein Weilchen / bald kommt Haarmann auch zu dir / mit dem kleinen Hackebeilchen / macht er Hackfleisch aus dir", singen Kinder auf der letzten Seite. Das ist das reine Grauen. Gezeigt wird es aber auf eine Weise, in der handwerkliche Perfektion und höchste Biederkeit in eins fallen.

12. Januar 2011, 18:192011-01-12 18:19:14 © SZ vom 13.1.2011/kar