Die besten Comics für den Herbst:Rollenspiel

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Comics (Foto: SZ Collage)

Die Comics, die wir empfehlen, erzählen von der gefährlichen Liebe eines Diktators zum Kino, kosmischen Klängen, einer seltsamen Schauspielklasse und den Düften Berlins.

Von Fritz Göttler und Martina Knoben

Nick Drnaso: Acting Class

Der Lehrer heißt John, ein grauhaariger undurchschaubarer Bursche, er begrüßt seine Schüler sinister-freundlich und leitet sie durch die Abende der "Acting Class" - ein betreutes Ausagieren von psychischen Problemen, Rollenspiel als Therapie. Die Schüler sind zehn Figuren, die in ihrem Leben irgendwie stecken geblieben sind, paarweise oder als Singles. John denkt sich Situationen für sie aus, in denen sie ungewohnte Rollen übernehmen und Gesellschaft "spielen". Nick Drnaso (berühmt durch "Sabina") ist der Meister der Beziehungsgestörtheit, die Menschen in seinen Büchern sind kläglich einsam und leicht zu verstören, ihre Gesichter ausdruckslos - am besten sind sie an den Frisuren zu identifizieren. Manchmal scheinen sie aus der Rolle zu fallen, manchmal fallen sie auch in diese hinein, dann verwandelt sich der sterile Übungsraum von einem Bild zum nächsten in das heimelig vorgestellte Dekor, in den sie spielen sollen ... wie in den Welten der Truman Show, von Orwell oder David Lynch. Die Imagination geht über Grenzen hinweg, was wie Freiheit aussieht, mag Terror sein. Und die Acting Class, dieser Verdacht kommt einem schnell, ist von Anfang an ein Testspiel.

Nick Drnaso: Acting Class. Aus dem Englischen von Daniel Beskos und Karen Köhler. Aufbau/Blumenbar, Berlin 2022. 268 Seiten. 28 Euro. (Foto: Aufbau/Blumenbar Verlag)

Sheree Domingo, Patrick Spät: Mme Choi & die Monster

Zu Beginn wird ein heißbegehrtes Objekt geklaut, 1976, in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, eine Kopie des Films "Bulgasari", und über die Grenze gebracht - der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il ist ganz wild auf ihn, er schaufelt Popcorn in sich hinein, und dem Dieb verheißt er einen weiteren Spezialauftrag. Dieser betrifft dann, 1978, die Schauspieldiva Choi Eun-hee und ihren Mann, Regisseur Shin Sang-ok, das Powerpaar der südkoreanischen Filmindustrie, die gemeinsam Dutzende erfolgreicher Filme machten. Dann ging es plötzlich bergab, die südkoreanische Zensur fand die Küsse zu lang und die Röcke zu kurz, dazu kam ein Seitensprung des Manns. Die Chance für Kim Jong-il, er ließ die Diva, später ihren Mann entführen und zwang beide in Nordkorea wieder Filme zu drehen. Auch der Kommunismus ist geil auf Glamour. Ein True-Crime-Politthriller, von den Berliner Künstlern Sheree Domingo und Patrick Spät irreal hingetuscht, Terror und Gehirnwäsche, die blumige und doch brutale Weltferne des Führerkults. Die radikalsten Cinephilen sind allemal die Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Auch der Film "Bulgasari" wird in diesem Band frei nacherzählt, ein Kampf um Freiheit mit Hilfe eines eisenverschlingendes Monsters, "vor langer Zeit, als die Tiger noch Tabakpfeife rauchten".

Sheree Domingo, Patrick Spät: Mme Choi & die Monster. Edition Moderne 2022. 175 Seiten, 24 Euro. (Foto: Edition Moderne)

Hamed Eshrat: Coming of H

Erwachsenwerden in der westfälischen Provinz. Skaten, Sprayen, Musikhören, Kiffen, Oberstufe, die erste Liebe und der erste Sex - das ganz normale Abenteuer der Adoleszenz. Im Fall des jungen Hamed spielt auch noch anderes eine Rolle, die Depression des Vaters, der Migrationshintergrund der Familie (was Hamed aber niemals so nennen würde, eine soziale Kluft scheint er auch nur in Gegenwart seines Schwarms, der schönen Nina aus einer Arztfamilie, zu empfinden). Seine eigene Familie war aus Iran geflohen, der Vater ist in Deutschland nie so recht angekommen. Momente explosionsartiger Dynamik unterbrechen Reihen statischer Panels. Stagnation und Aufbruch - die Geschichte ist einigermaßen autobiografisch, Hamed Eshrat wurde 1979 in Teheran geboren und lebt heute als Zeichner in Berlin. Sein Comic ist nicht nur fein gezeichnet, sondern so vielschichtig wie sein Titel: Mit dem H ist nicht nur Hamed gemeint, lautmalerisch wird außerdem ein Coming-of-Age daraus. Und auch das H des Heroins spielt eine Rolle.

Hamed Eshrat (Text und Zeichnung): Coming of H. Avant Verlag, Berlin 2022. 176 Seiten, 26 Euro. (Foto: Avant Verlag)

Paco Roca: Der Mann im Pyjama

Der Protagonist dieses Comics hat sich einen Kindheitstraum erfüllt und verbringt Tage im Pyjama zuhause. Der Leser darf davon ausgehen, dass diese Figur mit ihrem Zeichner, dem Spanier Paco Roca ("Kopf in den Wolken", "Rückkehr nach Eden"), in vielem identisch ist, die beiden teilen ihre Schüchternheit und Häuslichkeit und vielleicht auch den distanzierten, (scheinbar?) naiven Blick. So betrachtet jedenfalls der "Mann im Pyjama" seine Umwelt und auch seine eigenen Befindlichkeiten und Unzulänglichkeiten, was oft sehr lustig ist. Das Buch ist ein Sammelband, viele der Strips wurden bereits in spanischen Zeitungen abgedruckt. Den langen Atem einer Graphic Novel vermisst man bei diesem Serienformat jedoch nicht: Episodisch kreisen die Strips die Merkwürdigkeiten eines Mannes und unserer Zeit ein.

Paco Roca: Der Mann im Pyjama. Aus dem Spanischen von André Höchemer. Reprodukt Verlag, Berlin 2022. 192 Seiten, 29 Euro. (Foto: Reprodukt)

Marjipol: Hort

Der "Hort" ist eine Wohngemeinschaft, in der Petra, Ulla und Denise leben. Drei Frauen Ende dreißig, die alle sehr besonders sind: Petra ist ein Muskelberg, Ulla eine sehr dicke Riesin, und Denise hat ihren Körper zur Schlangenfrau modifiziert, einen Arm und ein Bein durch einen Schlangenkörper ersetzt, an der Stelle einer Hand gibt es ein Schlangenmaul mit Giftzähnen. Die Hamburger Zeichnerin Marjipol aka Marie Pohl provoziert mit krassen Bildern unheimlicher Weiblichkeit. Den Bildern - in zartem, queer-feministischen Lila - ist das Vergnügen anzusehen, das sie beim Zeichnen ihrer Supermonsterfrauen hatte. Die Grenzen der Body Positivity reizt sie damit maximal aus. Bei aller weirdness sind die drei Freundinnen aber so fürsorglich lieb zueinander und zu drei verwahrlosten Kindern, die sie aufnehmen, dass man sie einfach mögen muss. Das "Andere" wird heutzutage gern eingemeindet und domestiziert - Marjipol macht es Leserinnen nicht einfach.

Die vollständige Rezension finden Sie hier.

Marijpol: Hort. Edition Moderne, Zürich 2022. 368 Seiten, 28 Euro. (Foto: Edition Moderne)

Nadia Budde: Hundeblick Berlin

Eine Liebeserklärung an Berlin und seine Hunde. Nadia Budde, bekannt für ihre Kinderbuchillustrationen, zeichnet sich selbst als Vierbeinerin, die ihre Stadt erschnüffelt. Sie riecht den Schutt in frischen Baugruben, Rost und altes Gas in freigelegten Leitungen; Bierlachen erzählen von der letzten Nacht. Sie sieht den zerstäubten Dreck der Stadt in den Zwischenräumen der Pflastersteine auf dem Gehweg; im Wasser der Spree entdeckt sie Fahrräder oder Einkaufswagen. Berlin ist voller Hinweise auf seine Bewohner. Im Traum fliegt die Hundedame auf einer entsorgten Matratze gen Süden, im Zug mit den anderen Hunden Berlins - ein Matratzenhundevogelzug! Das alles ist hinreißend gezeichnet. Und mit der Nase am Pflaster und im Wind, der oft scharf durch Berlin weht, spürt Nadia Budde die Geschichten - und Geschichte - der Stadt auf.

Nadia Budde: Hundeblick Berlin. Ansichten einer Schnauze. Reprodukt Verlag, Berlin 2022. 112 Seiten, 18 Euro. (Foto: Reprodukt)

Thomas von Steinaecker, David von Bassewitz: Stockhausen - Der Mann, der vom Sirius kam

Musik und Weltrevolution, ein Komponist, der an der Veränderung der Gesellschaft arbeitet (sie braucht es): Karlheinz Stockhausen, der in den Nachkriegsjahren mit serieller Musik Buhstürme des Konzertpublikums entfachte, später dann kosmische Musik in unerhörten Dimensionen schuf. David von Bassewitz macht diese Musik auf erregende Weise sichtbar, überbordend, wuchtig, filigran. Sie tropft über die Bildgrenzen hinaus direkt in Herz und Hirn. Der Band ist außerdem eine subtile Kulturgeschichte Deutschlands, in liebevollen Details. "Wie die Zeit vergeht." Eine Doppelbiografie gewissermaßen, Stocki und Steini: der große Komponist und der Junge Thomas von Steinaecker, der 1989, daheim in Oberviechtach in der Oberpfalz, Stockhausens Musik entdeckt und fasziniert nicht mehr von ihr lassen kann.

Die vollständige Rezension finden Sie hier.

Thomas von Steinaecker, David von Bassewitz: Stockhausen - Der Mann, der vom Sirius kam. Carlsen, Hamburg 2022. 392 Seiten, 44 Euro. Erscheint am 25.Oktober. (Foto: Carlsen)
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