Süddeutsche Zeitung

Comic-Geschichte:Giftige Wucherungen

Ein Bildband zeigt die wilde Welt der EC-Comics. In den Fünfzigerjahren entfachten sie in den USA einen Empörungs-Tsunami, der sogar zu öffentlichen Heft-Verbrennungen führte.

Von Bernd Graff

Zu Beginn der Neunzigerjahre wurde bei einer Sothebys-Auktion ein Original-Cover aus der Comic-Reihe "Crime Patrol" versteigert, das von dem Zeichner Johnny Craig stammte. Das gedruckte Heft war im Februar 1950 im EC Comic Verlag erschienen, es zeigte eine panikstarre Frau in hauchzarter Nachtwäsche, die hilflos zusehen muss, wie eine modrige Geisterhand gerade dabei ist, den Lichtschalter auf "Aus" zu stellen. Ein Insert, das in Hüfthöhe der entsetzten Frau angebracht ist, verspricht eine weitere "SuspenStory" (sic.) aus der "Krypta des Terrors".

Die EC-Hefte waren zum Zeitpunkt der Versteigerung schon längst zu Sammlerstücken geworden, der New Yorker Verlag, war ebenso legendär wie berüchtigt, ja vielen galt er als hochtoxisch, auch wegen einer anderen "SuspenStory", von der gleich noch die Rede sein wird. Außergewöhnlich war darum also nicht, dass die authentische Hand-Zeichnung dieses Covers für viel Geld versteigert wurde. Außergewöhnlich war, dass der Sotheby's-Auktionator unmittelbar vor der Auktion auf die Idee kam, den Aufkleber abzupuhlen, der auf dem schwarzweißen Original das Insert markierte. Darauf war in über vierzig Jahren noch keiner gekommen.

Er fand so heraus, dass die Frau unter dem Aufkleber nackt war - anatomisch so korrekt gezeichnet, wie man sie niemals in einem Magazin finden würde, das offiziell über die Ladentheke verkauft werden darf. Der Zeichner Johnny Craig hatte sich einen frivolen Spaß erlaubt, vielleicht, um seinen Chef, den EC-Herausgeber Bill Gaines zu erfreuen. Ein subversiver Joke jedenfalls, der erst 40 Jahre später ans Licht der Öffentlichkeit kam.

Dem aseptisch cleanen, ja strahlenden Selbstbild der heroischen Postwar-USA wurde mit Geschichten über Rassismus, Bigotterie, Selbstjustiz, Drogensucht, Polizeikorruption und Antisemitismus der Spiegel vorgehalten

Die Geschichte der entblößten Comic-Frau - und ein Abdruck der Originalzeichnung - ist in einem opulenten Bildband über die Geschichte des EC-Comic Verlags zu finden, den der Taschen-Verlag gerade herausgebracht hat ("The History of EC Comics", herausgegeben von Grant Geissman, Taschen Verlag, Köln 2020, 592 Seiten, 150 Euro). Bill Gaines hatte die EC Comics 1947 von seinem Vater geerbt, "EC" stand damals noch für "Educational Comics", also für erbaulich-gute Jugendliteratur. Doch Bill baute das Haus gleich im großen Stil um - und gab der Abkürzung einen neuen, grundlegend anderen Sinn.

Bald schon stand EC für "Entertainment Comics", gemeint war nun Erwachsenen-Unterhaltung der robusteren, gern auch morbiden Art, von jenem Craig gezeichnet oder von anderen Größen ihres Fachs, darunter Al Feldstein, Harvey Kurtzman und Wally Wood. Zu den immens erfolgreichen Titeln des Hauses zählten die "Tales from the Crypt", "Crime SuspenStories", "Weird Science" und das auch hierzulande von männlichen Pubertierenden gefeierte "MAD"-Magazin.

Themen der EC-Comicreihen dieser Nachkriegsära waren neben blutiger Horror- und Crime-Fantasy auch kühner Science-Fiction, dann aber vor allem düster-abgründige Alltagsplots, in denen gesellschaftliche Tabu-Themen ungeschönt behandelt wurden. Dem aseptisch cleanen, ja strahlenden Selbstbild der heroischen Postwar-USA wurde mit Geschichten über Rassismus, Bigotterie, Selbstjustiz, Drogensucht, Polizeikorruption und Antisemitismus schonungslos der Spiegel vorgehalten. Vor allem aber mit Schockern über unvermittelte, schier irrationale Ausbrüche von bestialischer Gewalt inmitten heiler Welten. Wie die gesamte populäre Kultur dieser Zeit waren auch die EC-Macher fasziniert von Freudschen Abgründen, von den Untiefen eines verdrängten, blockierten Unterbewussten, das hinter der sauberen Alltagsfassade lauert. Es wartet bei EC immer nur auf die Gelegenheit zum Ausbruch, wobei Weihnachtsfeste im trauten Familienkreis, plötzliche Visionen und Erinnerungen, schlecht beleuchtete Hinterhöfe und Seitenstraßen, vor allem aber glühende Leidenschaften als Katalysator oder Brandbeschleuniger wirken konnten. Man soll pittoresk-verlassene Dörfer, rohholzverkleidete Partykeller, Bilderbuchfamilien und Vorzeige-Ehen ja nie unterschätzen: Die Doppelhaushölle, das sind die Anderen. Der popkulturelle Beitrag der EC Comics bestand auch darin, die krude Banalität dieses lebensversicherten Spießer-Grauens für 10 Cent vierfarbig anzubieten. Und zwar plastisch, drastisch, ungeschönt, mit viel Liebe zum blutigen Detail.

Das gefiel nicht allen gleich gut. Parallel zur "Second Red Scare", dem gegen die angeblich sowjetsympathisierende Linksliberalität der Kulturindustrie gerichteten McCarthyismus, baute sich eine gegen EC und das gesamte noch junge Massenmedium Comics gerichtete Kampagne auf, die das ganze Land erfasste und sofort hochpolitisch wurde. Denn die Ausschweifungen in den Comics, ganz klar, das waren die Ausschweifungen der Linken. Argumente, die damals vor allem von dem deutsch-amerikanischen Psychologen Dr. Fredric Wertham gegen EC vorgetragen wurden, ähneln verblüffend (und ermüdend) jenen Suadas, die heute gegen Computerspiele im Umlauf sind.

Im Staat New York wurde es offiziell illegal, "obszöne und beanstandenswerte Comics" an Jugendliche zu verkaufen oder die Wörter "Crime, Sex, Horror, Terror" im Titel zu führen

Die Frage, ob die in den Magazinen gezeichnete Gewalt auf ihre Leser abfärbt, wurde eindeutig, wenn nicht gar inbrünstig mit Ja beantwortet. Wie auch alle anderen, die Wertham nur noch rhetorisch stellte: Verstärken Massenmedien Neigungen zu Gewalt, sexueller Ausschweifung, Drogenkonsum und Kriminalität in der noch nicht charakterfesten Jugend? Bringen sie Kinder auf komische Ideen? Lernen diese vielleicht sogar erst durch die verderblichen Medien, wie man mit haushaltsüblichen Mitteln einen menschlichen Kopf sauber vom Körper trennt? Immer galt für Wertham dieselbe Wirkungsmathematik: Aus dem in Comics dargestellten Bankraub wird der Überfall auf den Bonbonladen durch junge Comicleser. Nicht die Pathologie in der Gesellschaft stand also am Pranger, sondern deren gezeichnete Symptome.

Flankiert von Artikeln in nationalen Mainstreammedien wie Time, Reader's Digest, großen Frauenmagazinen und sogar in Boyscout-Publikationen, die unter Überschriften wie "Verderbtheit für 10 Cent" seitenlang über kindhafte Mörder und Drogenexzesse, Selbstmordmoden und Spaßmassaker jugendlicher Delinquenten zu berichten wussten, die natürlich alle vorher Comics gelesen hatten, baute sich ein Empörungs-Tsunami in den USA auf. Die Chicago Daily News bezeichnete Comics als "giftige, pilzartige Wucherungen." Regierungsstellen wurden aufmerksam. Als dann Wertham 1954 sein Buch "Seduction of the Innocent" (Verführung der Unschuldigen) herausbrachte, in dem eine Kapitelüberschrift das angeblich echte Kindeszitat bildet: "Ich möchte ein Sex-Maniac werden" und der Autor (fast genüsslich) diesen Comic-Dialog zweier Gangster zitiert, die an ihren Wagen gebundene Leichen hinter sich herschleifen, war kein Halten mehr: "Diese Kieswege sind Gift für die Reifen." Antwort: "Ja. Aber es gibt nichts Besseres, um Gesichter auszuradieren." In den Noir- Filmen ging so etwas als galliger Humor durch, hier kam es, ein Jahr nach Erscheinen von Ray Bradburys "Fahrenheit 451", zu organisierten Comicverbrennungen im ganzen Land. Eine Senatsanhörung wurde einberaumt unter Leitung des republikanischen Senators Robert C. Hendrickson aus New Jersey. Thema: "Juvenile Delinquency (Comic Books)" (Jugendkriminalität, Comics). Wertham sprach als erster, und er wird mit dem Satz in die Geschichte eingehen: "Solange es Verbrecher-Comics in ihrer heutigen Form gibt, ist kein Zuhause sicher."

Dann wird auch schon EC-Chef Gaines befragt, er hatte sich mit einer Grundsatzrede zu Meinungsfreiheit und freier Presse verteidigen wollen. Doch er wird vom Ausschuss-Mitglied Estes Kefauver in diesen Dialog zum Cover seiner aktuellen Ausgabe der "Crime SuspenStories" verstrickt. Senator Kefauver: "Hier ist ihre Mai-Ausgabe. Darauf ist ein Mann mit einer blutigen Axt zu sehen, der einen Frauenkopf in der Hand hält. Dieser scheint mir von ihrem Körper abgetrennt worden zu sein, der in der Ecke liegt. Halten Sie das für guten Geschmack?" Mr. Gaines: "Aber ja, Sir! Das halte ich. Gut für das Cover eines Horror-Comic. Ein Cover nach schlechtem Geschmack hätte, zum Beispiel, den Kopf etwas höher gezeigt. Dann hätte man Blut aus dem Hals tropfen sehen. Man hätte dann auch den Frauenkörper so verschoben, dass man Blut an der Schnittstelle des Torso gesehen hätte." Senator Kefauver: "Wie soll das denn noch schlimmer werden!? Man sieht doch Blut aus dem Mund des Kopfes tropfen." Mr. Gaines: "Ja. Aber nur ein bisschen."

Für die gesamte Comic-Industrie wurde es danach richtig schlimm. Gaines' Statement wurde auf der Titelseite der New York Times nur die "Abgetrennter Kopf-Aussage" genannt. Überall sanken die Verkaufszahlen, Anzeigenkunden schreckten zurück. Die "Comics Magazine Association of America" (CMAA) kam darum mit freiwilliger Selbstkontrolle einer staatlichen Intervention zuvor und gründete die "Comics Code Authority" (CCA), die noch 1954 einen "Comic Code" erließ, der noch bis ins frühe 21. Jahrhundert Gültigkeit besaß.

Er verbot für alle Comics die Darstellung von Kriminalität und Gewalt, gebot saubere Dialoge und dezente Kleidung wie die respektvolle Behandlung von Ehe und ausschließlich ehelichen Sex. Unverdächtige Hefte erhielten fortan ein CCA-Siegel, das die Unbedenklichkeit attestierte. Alles andere verkaufte sich schlicht nicht mehr. Wer sich dem nicht freiwillig unterordnete, ging unter: Von den 29 Verlagen, die nach Werthams Definition inkriminierte Comics produziert hatten, gaben 24 nach einem Jahr auf. Im Staat New York wurde es offiziell illegal, "obszöne und beanstandenswerte Comics" an Jugendliche zu verkaufen oder die Wörter "Crime, Sex, Horror, Terror" im Titel zu führen. Ein Heft, das einen Nikolaus-Schlitten mit dem Schild "Just Divorced" (Frisch geschieden) zeigte, musste eingestampft werden.

Die EC-Comics stellten ihr komplettes Horror-Segment ein, verordneten sich eine "Neue Richtung", die allerdings ziemlich floppte, und klammerten sich an "Mad". Nicht unerfolgreich, aber auch nicht spektakulär. Von Jerry Gracia, dem verstorbenen Kopf der Band Grateful Dead stammt der Satz: "EC, das waren die Grateful Dead der Fifties". Aber von Garcia stammt auch die Behauptung: "Wir sind wie Lakritze. Nicht jeder mag Lakritze, aber diejenigen, die Lakritze mögen, mögen sie wirklich." Er hätte das nicht nur über seine Band, sondern auch über die alten EC-Comics sagen können.

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SZ vom 29.08.2020
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