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Comic:Ein Werwolf deckt auf

Mit ihrer großartigen Graphic Novel "Am liebsten mag ich Monster" erneuert Emil Ferris das Genre.

Wo beginnen bei der Sensation des amerikanischen Comicjahres 2017, die nun auch in deutscher Übersetzung erscheint? Vielleicht zunächst nicht bei dem Buch selbst, sondern bei seiner bemerkenswerten Entstehungsgeschichte, die zu dem Hype beigetragen hat. Handelt es sich doch um das Debüt einer 55jährigen, die bis dahin kaum etwas mit der Welt der Neunten Kunst verband; Emil Ferris designte vor ihrer Karriere als Autorin und Zeichnerin unter anderem Spielzeug für McDonalds.

Dann 2001 der Schicksalsschlag: Durch einen Mückenstich steckt sich Ferris mit dem West-Nil-Fieber an und ist eine Zeitlang fast vollständig gelähmt. Während ihrer Rekonvaleszenz beschließt sie, ihre rechte Hand durch Zeichnen zu trainieren und mit Hilfe eines Creative Writing-Kurses einige Ideen auszuarbeiten, die sie seit längerem beschäftigen. Jahre später erscheint das Ergebnis - beziehungsweise beinahe nicht, denn die chinesische Druckerei, die das Buch herstellt, geht bankrott und das Schiff, auf dem sich die gesamte Auflage befindet, wird monatelang lang auf hoher See festgehalten.

Als die Graphic Novel schließlich doch herauskommt, erhält Ferris auf Anhieb gleich zwei Ignatz Awards und den Oscar der Comic-Branche, den Eisner Award. Stars wie Chris Ware und Alison Bechdel tun ihre Begeisterung kund, und kein geringerer als Art Spiegelman erklärt, Ferris habe einen ganz neuen Rhythmus des Erzählens erfunden.

Dass "Am liebsten mag ich Monster" anders ist, merkt man schon beim ersten Blättern. Da ist der schiere Umfang: 400 Seiten Großformat. Und da ist vor allem die ungewöhnliche Seitenarchitektur. Wo sonst linear im Uhrzeigersinn und fortlaufend in Panels erzählt wird, dominieren ganzseitige rahmenlose Bilder mit langen Erzähltexten, um die sich kurze stilistisch heterogene Episoden anordnen, sodass sich das Auge erst einmal zurechtfinden muss.

Dazu kommt die Irritation des Hintergrunds: Die zuweilen bunten, meist jedoch schwarzweißen Zeichnungen sind auf blau liniertes Papier gemalt, das bei genauerem Hinsehen in der Falz wie bei einem Ringbuch gelocht und geriffelt ist.

Die Assoziationen mit beliebten Kinderbuchreihen wie "Greg's Tagebuch" stellen sich da nicht von ungefähr ein. Haben wir es doch - so die erzählerische Prämisse - mit den Aufzeichnungen einer kindlichen Ich-Erzählerin zu tun: Die zehnjährige Karen wohnt Ende der 1960er Jahre mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrem kleinkriminellen erwachsenen Bruder Deeze in einem heruntergekommenen Apartmenthaus in Chicago. Täglich trifft sie auf so schillernde Gestalten wie Mr. Chugg, den Bauchredner mit Glasauge, eine Affenfrau, Hippies, die ihr Haschkekse anbieten, oder Prostituierte, die mit ihrem Bruder schäkern. Eigentlich beginnt das Buch als klassische Coming-of-Age-Geschichte.

Allerdings der etwas anderen Art. Denn Karen, die in der Schule gemobbte Außenseiterin, wäre am liebsten ein Monster. Sie sieht aus wie ein pummeliger Junge, entdeckt erste lesbische Neigungen und flüchtet sich in ihrem Tagebuch ganz in ihre geliebte Welt von Horrorcomics und -filmen, weswegen sie sich selbst konsequent als Werwolf auftreten lässt. Ihre größte Angst: "Mich bringt der Gedanke zum Durchdrehen, dass die Leute mich eines Tages zu einer von ihnen machen könnten: M.O.B.: Mies, oberflächlich, banal." Zu der Entwicklungs- tritt die Bildungsgeschichte. Unter seinen Ganzkörpertattoos schlägt Deezes gutes Herz nicht nur für seine Schwester, sondern auch für die Kunstgeschichte, mit deren Geheimnissen er Karen bei regelmäßigen Besuchen im Art Institute vertraut macht.

Gerade in dem Moment, da man sich fragt, wohin all diese Referenzen von trashigen Zombies bis zu Seurats Pointillismus führen sollen, geschieht ein Mord. Karens Nachbarin, die ebenso schöne wie mysteriöse Mrs. Silverberg, wird erschossen in ihrem Bett aufgefunden. Und weil an der offiziellen Erklärung, sie habe sich umgebracht, vieles nicht zu stimmen scheint, beschließt Karen auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Fortan zieht sie in Schlapphut und Trenchcoat durch die Straßen Chicagos, in denen es - es ist die Zeit nach dem Tod Martin Luther Kings - zu gären beginnt. Und bald geraten die Dinge außer Kontrolle: Die Hobbydetektivin stößt auf Kassetten, die Mrs. Silverberg mit ihren Erinnerungen besprochen hat. Sie handeln davon, wie sie ihre Kindheit im Berlin der 1930er Jahre in einem Pädophilenring verbrachte und schließlich den Holocaust überlebte.

Zugleich wird ausgerechnet Deeze zum Hauptverdächtigen, als Karen erfährt, dass er eine Affäre mit der Ermordeten hatte. Und als wäre all das nicht genug, erkrankt Karens Mutter auch noch unheilbar an Krebs und müssen sich die beiden Kinder mit ihrem kriminellen Vater herumschlagen, der sie mit Versicherungsbetrug erpressen will.

Keine Frage, bei dieser Coming-of-Age- und Coming-out- und Detektiv- und Holocaust- und Krankheitsgeschichte, die auch noch Porträt der USA der späten 1960er sein will, wird einem als Leser schnell schwindlig. Oder anders: Wie es oft in Debüts geschieht, hat sich die Autorin offenbar vorgenommen, unbedingt alles, was sie jemals beschäftigte oder ihr wichtig erschien, in ihr erstes Buch zu packen.

Das misslingt besonders bei der Autobiografie von Mrs. Silverman, die Kindesmissbrauch, Judenverfolgung und eine Rettung à la Schindler auf Biegen und Brechen und immer hart am Klischee schrammend zusammenbringt. Und es ist auch nicht sonderlich glaubwürdig, dass all die Texte und Zeichnungen zwischen den beiden Buchdeckeln tatsächlich von einer Zehnjährigen stammen sollen.

Warum aber ist man nach der Lektüre geneigt, auf die meisten dieser Einwände mit einem Achselzucken zu reagieren? Vor allem wegen der umwerfenden Brillanz der Bleistift- und Kugelschreiberzeichnungen von Emil Ferris, die in ihrem satirischen Realismus an Grosz oder Dix erinnern. Oft verspürt man den spontanen Drang, sich die Porträts der kuriosen Figuren, denen Karen begegnet, auszuschneiden und aufzuhängen.

Und auch auf der erzählerischen Ebene sind die Momente, die nach zähen, textreichen Passagen direkt ins Herz treffen, zahlreich. Etwa wenn Deeze vor dem Spiegel seine Schwester dazu bringen will, sich endlich als die zu akzeptieren, die sie ist, und wir das einzige Mal im Comic ihr Gesicht sehen, keinen Werwolf in Bogart-Montur mehr, sondern ein verletzliches, ängstliches Mädchen.

Das Maßlose dieser Graphic Novel mag zunächst erschlagend wirken; formal und inhaltlich hat es jedoch schon lange kein Werk mehr gegeben, dass derart unbekümmert und innovativ die ungeschriebenen Gesetze des Genres neu dachte. Vielleicht verhält es sich hier ja nicht ganz zufällig wie immer bei (guten) Monstern: Nach dem ersten Schock beginnt die Faszination. Und die Vorfreude auf den abschließenden zweiten Band, der noch dieses Jahr in den USA erscheint.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster. Aus dem amerikanischen Englisch von Torsten Hempelt. Panini Verlag, Stuttgart 2018. 420 Seiten, 39 Euro.