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Comic:Der Geist des Ganters

Illustration aus Jurga Vilé/Lina Itagaki: Sibiro Haiku - Eine Graphic Novel aus Litauen.

Litauische Kinder werden mit ihren Verwandten 1941 in ein sibirisches Straflager verschleppt. Diese Grafic Novel erzählt, wie sie überleben.

Von Verena Hoenig

Etwa 130 000 Menschen aus Litauen wurden zwischen 1941 und 1952 nach Sibirien verschleppt. Die Graphic Novel "Sibiro Haiku" basiert auf realen Ereignissen aus der Zeit von Stalins Terrorregime. Algis, der Vater der litauischen Autorin Jurga Vilė, war acht Jahre alt, als seine Familie wegen angeblicher antisowjetischer Gesinnung nach Sibirien deportiert wurde, wo sie, Schwerstarbeit verrichtend, Hunger, Kälte, Schikanen und Krankheiten trotzen musste. Nach fünf Jahrzehnten brutaler Besatzung erlangte Litauen 1991 seine Unabhängigkeit wieder. Nun erst konnten die ehemaligen Häftlinge das verordnete Schweigen brechen. Die Autorin war ein Teenager, als sie auf ein kleines Notizbuch ihrer Großmutter Ursula, also Algis Mutter stieß, in dem diese sich in lakonischer, klarer Sprache an den Schmerz erinnert, aber auch die Freundlichkeit der Einheimischen nicht vergisst. Dieses Notizbuch sowie die Erzählungen des Vaters inspirierten Jurga Vilė zu ihrer Graphic Novel.

Die Geschichte wird in Algis kindlicher Perspektive dargestellt: Er und die anderen Kinder im Lager entwickeln Überlebensstrategien, indem sie die unvorstellbaren Zustände als Abenteuer sehen, sind erschöpft, durchfroren - und stark. Schon auf dem Weg ins Straflager wird Algis geliebtes Haustier, der Ganter Martinerschossen. Außerdem muss der Junge den Tod geliebter Menschen verkraften. Das gelingt ihm, indem er sich vorstellt, sie würden sein Leben als Schutzgeister begleiten. Einmal überbringt der Geist des Ganters dem Onkel in Litauen einen Brief, nicht der einzige magische Moment im Buch. Ein Eimer voller Äpfel spielt eine wichtige Rolle, für die Hoffnung, die Heimat wiederzusehen. Gelungen sind auch die Charakterisierungen der Personen, besonders der japanbegeisterten Tante Petronella, die alle zum Dichten von Haikus anstiftet. Die Graphic Novel, in Handschrift verfasst, erinnert an ein Tagebuch. Es gibt ein Rezept für "Wassersuppe", die Grundzutat ist Liebe, und eine Origami-Faltanleitung für einen Kranich. Die Künstlerin Lina Itagaki, deren Großvater ebenfalls verbannt wurde, hat bei der Zeichnung der Figuren auf Fotografien ihrer eigenen Familie und die der Autorin zurückgegriffen. (ab 13 Jahre)

Jurga Vilė / Lina Itagaki: Sibiro Haiku - Eine Graphic Novel aus Litauen. Aus dem Litauischen von Saskia Drude. Baobab, Basel 2020, 237 S., 25 Euro.

© SZ vom 28.12.2020
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