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Comic-Blockbuster "The Old Guard":Diese verdammte Gewalt

THE OLD GUARD (2020)

Man sieht es ihr nicht an, aber Andy (Charlize Theron) könnte tausend Jahre älter sein als die Statue neben ihr – Filmszene aus „The Old Guard“.

(Foto: Netflix ©2020)

Netflix' "The Old Guard" ist der erste Comic-Blockbuster unter der Regie einer schwarzen Frau: Gina Prince-Bythewood. Welche Regeln des Spiels konnte sie verändern - und welche nicht?

Von Tobias Kniebe

Das ganze Kino der kinetischen Energie, eigentlich flirtet es ja immer mit der Unsterblichkeit. Eine Animationsfigur wird umso faszinierender, je brutaler sie geknautscht und zerdehnt werden kann, je mehr vernichtende Kräfte sie abfedert wie ein Gummiball. Und Kriegerinnen wie Superkämpfer können überhaupt nur deshalb ganze Filme bestreiten, weil sie mindestens sieben Leben haben, weil die Verletzlichkeit und erschreckende Endlichkeit der Existenz, das schnelle und finale Game Over, für sie nicht gilt. Nur konsequent also, wenn man solchen Figuren mal wirklich Unsterblichkeit verleiht.

Das tut Gina Prince-Bythewood in ihrem Netflix-Actionfilm "The Old Guard", der auf einer Graphic Novel von Greg Rucka und Leandro Fernández basiert. Ein Viererteam von Söldnern, spezialisiert auf humanitäre Rettungsmissionen, läuft gleich mal in eine böse Falle. Ihre Körper werden von Kugeln förmlich durchsiebt, dann liegen sie leblos und blutend am Boden. Innerhalb von Sekunden aber schließen sich Wunden, drücken sich Kugeln aus dem Fleisch, repariert sich die Haut, als wäre nie etwas passiert. Und schon öffnen sie die Augen und kämpfen einfach weiter.

Nach und nach erfährt man, wie lang diese alte Garde schon durchhält. Die Chefin Andy, gespielt von einer dunkel-kurzhaarigen, physisch dominanten Charlize Theron, heißt eigentlich Andromache und stammt aus dem Volk der Skythen. Sie verrät ihre Alter nicht, aber 3000 Jahre könnten es durchaus sein. Joe (Marwan Kenzari) and Nicky (Luca Marinelli) kämpften während der Kreuzzüge gegeneinander, bevor sie ihre Gabe entdeckten, Booker (Matthias Schoenaerts) starb das erste Mal in den Napoleonischen Kriegen.

Woher ihre Selbstheilungskräfte kommen, wissen sie nicht, aber ein Krieger muss man wohl sein, um die seltene Gabe zu erhalten. Das zeigt sich, als die junge schwarze amerikanische Marinesoldatin Nile (KiKi Layne) in Afghanistan einen Terroristen stellt und dabei selbst mit durchschnittener Kehle endet. Nach einem wilden Traum wacht sie im Hospital wieder auf, vollständig wiederhergestellt - und in diesem Traum erfahren auch die anderen von ihrer Existenz. Sie wird in die Gruppe geholt, die inzwischen auf der Flucht ist. Ein skrupelloser Pharmaunternehmer will die Garde fangen und das Geheimnis des ewigen Lebens gewaltsam aus ihren Körpern extrahieren.

Gemessen an der doch oft gewaltigen Anstrengung, mit der Normalmenschen dem ewigen Menschheitstraum von der Alterslosigkeit hinterher jagen, scheinen diese Auserwählten ihr Privileg allerdings kaum zu schätzen. Nile bleibt den ganzen Film über verstört, ihr Gesicht zerfurcht vom Bewusstsein, jetzt anders zu sein. Andy gibt sich so, als hätte sie ungefähr seit Christi Geburt keine Lust mehr auf die Wiederkehr des Immergleichen. Booker trauert Frauen und Kindern nach, die schon sehr lange tot sind. Nur Joe und Nicky sind fein raus - ein liebendes schwules Paar im besten Alter, ihre Lust aufeinander offenbar seit bald tausend Jahren ungebrochen.

Solche Details zeigen, dass die schwarze Regisseurin Gina Prince-Bythewood ein besondere Wahl für einen Actionfilm ist. Ihr Filmdebüt war die feministische schwarze Romanze "Love & Basketball", auch in "The Secret Life of Bees" hat sie die Schwesternschaft starker schwarzer Frauen zelebriert. Hier macht sie die junge Nile zu einer sehr widerwilligen Kriegerin. Sie ging zum Marinecorps wie ihr gefallener Vater, aber nach der ersten Erfahrung des Tötens rebelliert ihr Gewissen.

Und diese Frage ist ja auch sehr berechtigt, wenn man schon marginalisierte Frauen und schwule Helden feiern will - was ist eigentlich mit dieser verdammten Gewalt? Eine wachsende politische Community definiert verletzende Worte als Gewalt, sogar Schweigen (zu Missständen und Ungerechtigkeit) soll Gewalt sein. Tja, und das tatsächliche Durchlöchern, Aufschlitzen und Verstümmeln von Körpern, das hier trotz allem permanent für Thrills sorgen soll, was ist damit? Für die Helden gilt, dass ihre Wunden sofort wieder heilen. Aber für ihre Gegner natürlich nicht.

Eine derart tödliche Ungerechtigkeit dürfte in fortschrittswilligen Narrativen eigentlich überhaupt nicht mehr ausgekostet werden. Allerdings eröffnet sich eine Hintertür, wenn man die Besonderheit nicht als Überlegenheit definiert, sondern als Merkmal des Ausgestoßenseins, fast als Fluch. Und plötzlich ist klar, warum hier niemand Spaß an der Unsterblichkeit haben darf - damit würde man sich über den weniger glücklichen Rest der Menschheit erheben. Das darf nicht sein.

Andererseits wissen alle Macher hier auch sehr genau, dass die entlastende Kraft des Kinos ganz allgemein genau damit zu tun hat - dass das Blut nicht echt ist, die Latexwunden nach der Aufnahme einfach abgezogen werden wie Pflaster, dass die Toten nach jedem Gemetzel wieder aufstehen. Ein Spiel des So-tun-als-ob, in dem selbst der letzte Statist unsterblich ist, das rückt hier noch einmal besonders ins Bewusstsein. Wer "The Old Guard" auf Netflix einschaltet, will Charlize Theron und ihre Mitstreiter daher in einem sorgsam choreografierten Ballet des Tötens sehen - im folgenlosen Gemetzel. Und weil das so ist, muss natürlich auch die zaudernde Nile zurück ins Gefecht, muss die jüngste und beste Kämpferin werden. Widerspruchsfrei ist das nicht. Aber typisch für diese bewegten Zeiten.

The Old Guard, USA 2020 - Regie: Gina Prince-Bythewood. Buch: Greg Rucka. Kamera: Barry Ackroyd, Tami Reiker. Mit Charlize Theron, KiKi Layne, Luca Marinelli. Auf Netflix, 125 Minuten.

© SZ vom 07.08.2020

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