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Comic:Auf den Schultern der Siegreichen

Comics

Bröckelnder Beton, gaffende Menschen: Qahera, die Figur der ägyptischen Zeichnerin Deena Mohamed, braucht Superkräfte, um die Katastrophe zu verhindern.

Die Comic-Künstlerin Deena Mohamed zeichnet eine verschleierte Superheldin. Ihre Leser sind irritiert - kann denn eine Frau unter dem Hidschab eine Heldin sein? Und: Darf sie das überhaupt?

Die Beschützerin Kairos schwebt unter einer Brücke. Die Brücke droht einzustürzen, ein Riss zieht sich durch den Asphalt. Qahera beißt die Zähne zusammen. Staub rieselt ihr in das vom Schleier ausgesparte Gesicht, aber sie stemmt sich mit ihren Superkräften gegen das brüchige Betonwerk. Mit dieser Zeichnung fasst die ägyptische Webcomic-Künstlerin Deena Mohamed die Kopftuch-Debatte aus der Perspektive einer verschleierten Superheldin zusammen. Auf ihrem Rücken wird das Ganze ausgetragen.

In keinem der seit 2013 episodisch veröffentlichten Abenteuer bekommen wir sie unverhüllt zu sehen. "Qahera", die "Siegreiche", ist der arabische Name für Kairo. Sie vertritt die Frauen auf den Straßen der ägyptischen Hauptstadt. Dort sind sie, Verschleierung hin oder her, sexuellen Belästigungen und Beleidigungen ausgesetzt.

Laut einer Studie der UN-Behörde UN Women haben 99,3 Prozent der ägyptischen Frauen Derartiges schon einmal erlebt. In einer E-Mail bezeichnet Mohamed dies als Beleg dafür, dass es bei der Verschleierung keineswegs um den angeblichen Schutz der Frau geht. "Zu behaupten, dass irgendeine Kleidungsform vor Übergriffen schützen könne, bedeutet, die Opfer verantwortlich zu machen." Auf ihrem Blog fügt sie in der Gestalt von Qahera sarkastisch hinzu: Superkräfte könnten das. "Ich bin eine Heldin, weil ich Superkräfte habe. Ihr seid es, weil ihr keine habt", sagt diese in einer Episode zu den Frauen auf der Straße.

Als verschleierte Superheldin verkörpert Qahera einen Widerspruch. Es liegt schließlich wenig Heldenhaftes darin, sich den Kleidervorschriften einer patriarchalen Gesellschaft zu unterwerfen. Das sei aber gar nicht der Punkt, schreibt Mohamed. "Der Schleier hat mit ihren Superkräften nichts zu tun. Schleier Ja oder Nein spielt keine Rolle." Auch Qahera werde sowohl von Fans als auch Kritikern immer darauf reduziert. Sie sei nie "die Superheldin", sondern immer "die verschleierte Superheldin". Verschleierung und Heldenhaftigkeit, hieße es dann, das ginge ja wohl nicht zusammen. Qahera könne keine Superheldin sein, wegen der Kleidung, die sie trägt. "Und das", so die Zeichnerin in einer sehr langen E-Mail, "ist Bevormundung."

In einer Episode der Serie unterhalten sich zwei Männer in einer Bar über den Hidschab und das Verschleierungsgebot. Für den ersten ist es ein Zeichen der Unterdrückung, der zweite vergleicht Frauen mit sorgsam umhüllten Süßigkeiten oder Edelsteinen. Man zwirbelt sich den Bart. Da knallt Qaheras Faust auf den Tisch. "Unsere Leben sind keine politischen Pointen!" Als sie stolz davonzieht, bleibt ihre unverschleierte Begleiterin entschuldigend grinsend am Tisch mit den beiden Männern zurück. Ach, hätte man nur Superkräfte!

Qahera verkörpert das Dilemma der Muslima, die vor den Karren einer Ideologie gespannt ist

Dass ihre Superheldin stets nur auf den Schleier reduziert wird, ist andererseits Absicht, denn so will die Zeichnerin die Stereotype gerade deutlich machen: Eine Heldin im Hidschab soll die Antithese zum westlichen Stereotyp der unterwürfigen muslimischen Frau bilden.

Die Comics erscheinen online, zunächst auf Englisch, dann erst auf Arabisch. "Das war ein entscheidender Faktor bei der Gestaltung der Figur", schreibt die Zeichnerin. Sie richten sich primär an ein westliches Publikum. In einer Episode brüllen blonde Aktivistinnen vor einer Moschee "Femen akbar". Mohamed hat Balken über ihre entblößten Brüste gemalt.

Qahera ist also nicht deshalb eine mächtige Superheldin, weil sie einen Hidschab trägt, so Mohammed, sondern weil sie es in den Augen des Westens nicht ist. Qahera verkörpert das Dilemma der muslimischen Frau, die zwangsläufig vor den Karren einer Ideologie gespannt wird. Anstatt den Hidschab abzuwerfen - wie ihre unverschleierte Zeichnerin - verteidigt die Superheldin das Recht auf innere Heldenhaftigkeit und Freiheit, während sie äußerlich aus dem ideologischen Tauziehen und dem damit verbundenen sozialen Druck als Frau sowieso nicht herauskommt. Schwer wie die Brücke in der Zeichnung wiegt der Widerspruch. Ohne Superkräfte würde der Beton sie wohl erdrücken.

Eines immerhin macht die Ägypterin sehr deutlich: dass die Debatte bisweilen fast so funktioniert wie die Burka selbst. Das Kleidungsstück wird wichtiger als die Menschen darunter, es ist Symbol für Wertvorstellungen oder Ängste und damit mächtiger, ja, lebendiger als die Frauen dahinter.

Eine Superhelden-Kollegin von Qahera demonstriert diesen Mechanismus westlicher Projektionen besonders drastisch. Sie tauchte 2002 im amerikanischen Marvel-Universum auf, dem Jahr nach dem 11. September, als Captain America und Iron Man gerade gegen muslimische Terroristen zu Felde zogen. In "New X-Men #133" rettet Wolverine, eines der Aushängeschilder der Serie, Sooraya Qadir vor afghanischen Sklavenhändlern. Einigen von ihnen war zuvor das Fleisch von den Knochen gefallen, als sie versuchten, Soorayas Schleier zu lüften.

Sie trug ihn auch weiterhin, als sie sich anschließend dem Kampf der "X-Men" anschloss - in der Comic-Darstellung sah sie damit aus wie ein Ninja. Sogar ihre Religiosität durfte sie behalten und zwischen den Abenteuern beten. Man wollte dem Bild des bösen Muslims etwas entgegensetzen. Ein nobles Ansinnen. Leider nahm man es mit der Kultur, die man in den so wunderbar bunten eigenen Reihen repräsentiert sehen wollte, nicht allzu genau.

Soorayas Mitstreiter beispielsweise diskutierten lebhaft über ihre "Burka". Es dauerte bis zum Jahr 2007 und dem Autorenteam Craig Kyle und Chris Yost, dass eine der Figuren darauf hinwies, es handle sich bei der Verschleierung tatsächlich um einen Niqab und eine Abaya. Eine Burka hätte statt eines Sichtschlitzes ein Gitter, das auch die Augen bedeckt. "Zeigt ein bisschen Respekt, indem ihr euch mit Soorayas Kultur auseinandersetzt!"

Aber der Vorfall wurde schon beim nächsten Wechsel des Autorenteams vergessen, und Sooraya trug wieder eine "Burka". Auch andere Dinge wandelten sich mit den unterschiedlichen Männern, die sie zeichneten. Mal war Sooraya schweigsam, fromm und devot - wie der Islamisten-Traum einer unterwürfigen arabischen Frau. Dann wiederum blitzten ihre Augen bedrohlicher durch die Sichtschlitze. Sie sah nun aus wie eine Terroristin, die man gottlob auf alle anderen losgelassen hatte.

Die Debatte selbst erinnert an die Burka: Das Äußere ist wichtiger als der Mensch

Meist wird Sooraya zudem sexy dargestellt als orientalisch geheimnisvolle Schönheit. Sie hat sogar ein paar Mal den Schleier gelüftet, sich fast nackt vor der Leserschaft präsentiert. Die Verschleierung als erotische Technik - auch dies ist ein westliches Klischee. "Dust", so ihr Kampfname, kann sich in Wüstensand verwandeln, samt Hidschab. Auch Sooraya ist keine Superheldin, die einen Schleier trägt, sondern eine "verschleierte Superheldin".

Der Unterschied ist allerdings, dass Qahera gegen jene westlichen Projektionen zu Felde zieht, denen Sooraya entsprungen ist: Sie ist weder geheimnisvoll sexy noch hilflos, und eine Terroristin ist sie auch nicht. Darüber hinaus hat sie keine persönlichen Eigenschaften. Ohne ihre Superkräfte repräsentiert sie lediglich irgendeine Frau auf der Straße und ihre Ohnmacht. Von der Auflösung dieses Widerspruchs handelt die derzeit letzte Episode der Heldin aus Kairo, nämlich von ihrer Fähigkeit zu fliegen. Aus der Luft schnappt sie einen Taschendieb, der eine Fußgängerin bestohlen hat. Die aber ist sauer und hat gar keine Lust, sich helfen zu lassen.

Qahera schwebt eine Weile traurig in der Luft, landet dann auf dem Boden. "Selbstbestimmung ist kein emotionaler Zustand", schreibt Qaheras Zeichnerin. Sie brauche "ständige strukturelle und soziale Unterstützung". Eine der größten Gefahren für Frauen in der islamischen wie der westlichen Welt - ist die materielle Abhängigkeit.