Comic über Alfred Hitchcock:Der Meister zitiert sich selbst

Alfred Hitchcock

Den Mythos, die Marke Hitchcock hat er offenbar selbst geschaffen: Alfred Hitchcock, wie ihn der Zeichner Dominique Hé sieht.

(Foto: Simsolo, Noel/Splitter Verlag)

Alles ist drin in dieser Hitchcock-Comic-Biografie - die Schockmomente des jungen Alfred, seine Begeisterung für kühle Blondinen und seine Kinokarriere.

Von Fritz Göttler

Kennen Sie diesen Satz von Borges, "Spiegel und Unzucht sind scheußlich, weil sie menschliche Wesen vermehren", fragt Alfred Hitchcock seine Freunde, mit jener typischen Hitchcock-Maske - Kopf hochgereckt, die Augen verkniffen -, die man aus seiner berühmten TV-Serie kennt, ein perfekter Mix aus Perfidität und Blasiertheit. Die Pose ist reiner Hitchcock, den Satz hat wohl der Szenarist dieses Comic-Romans, Noël Simsolo, ihm in die Sprechblase gelegt. In Sachen Spiegel kennt Hitch sich gewiss aus, das Kino, mit seinen vielfältigen Reflexen, ist oft mit einem Spiegel verglichen worden. Was Unzucht, Sex und Liebe angeht, davon erzählt Hitchcock in jedem seiner Filme, mit einer Mischung aus katholischer Strenge und amoralischer Lust.

Das Comicbuch von Noël Simsolo (Szenario) und Dominique Hé (Zeichnungen) folgt Hitchcocks zielstrebiger Karriere - Band 1 handelt vom "Mann aus London" und endet 1939, als Hitchcock mit Frau und Tochter seine Heimat verlässt - der Weltkrieg ist nahe - und nach Hollywood zieht. Erzählt wird das wie ein heiteres Divertimento, sonnig und versonnen, als eine Rückblende vom Juni 1954 aus: Da dreht Hitch an der Côte d'Azur "To Catch a Thief/Über den Dächern von Nizza", in der drehfreien Zeit sitzt er gern mit Cary Grant, dem Star des Films, zusammen in der Bar des Hotels Carlton und erzählt seinem Freund, der ebenfalls aus England stammt, vergnügt sein Leben. Besonders vergnüglich wird es, wenn Grace Kelly, Grants Partnerin, sich dazugesellt. Sie spielt zum dritten Mal für Hitchcock und würde auch mal gerne eine Diebin spielen, sie fragt: Wie Cary es in "To Catch a Thief" tut? "Nein, viel neurotischer, liebes Kind." (Jahre später, Mitte der Sechziger, wollte er sie dann für "Marnie" wieder haben, aber da war sie schon die Fürstin von Monaco.)

Die Schattenfigur der Mutter erinnert schon an die Übermutter des Kinos in "Psycho"

Mitte der Fünfziger ist die Kinowelt, die amerikanische zumal, noch in Ordnung, und auch die Welt an sich hat noch ein paar gemächliche Jahre bis zur neurotischen Phase des Kalten Kriegs. Alles ist drin in dieser Hitchcock-Biografie - der frühe Schockmoment, als ihn mit sechs der Vater auf die Polizeiwache schickte und einsperren ließ, die Ängste der Mutter vor den Bomben des Weltkriegs, ihre Schattenfigur erinnert schon an die Übermutter des Kinos später in "Psycho", die Liebe des Jungen zu Kino und Theater, die Arbeit in der jungen Filmbranche als Gestalter von Zwischentiteln, Assistent, Drehbuchschreiber, dann die erste Regie. Begegnungen mit dem verehrten F. W. Murnau (in Babelsberg), mit Michael Balcon, Erich Pommer, Michael Powell, Charles Laughton, David O. Selznick, und einmal sitzt auch Marlene Dietrich mit am Tisch. Auch Peter Lorre ist mit von der Partie, der einen Kinderanzug verpasst kriegt. Und die Blondinen, Anny Ondra, Madeleine Carroll, Joan Harrison, die enge Mitarbeiterin. Und Alma Reville, engste Mitarbeiterin, Vertraute, Ehefrau, der Hitch aber - so gehört es sich für einen Engländer - erst einen Antrag machen kann, wenn er eine bessere Stellung in der Filmfirma hat als sie.

Comic über Alfred Hitchcock: Noël Simsolo (Szenario), Dominique Hé (Zeichnungen): Alfred Hitchcock. Band 1. Der Mann aus London. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2021. 160 Seiten, 24 Euro.

Noël Simsolo (Szenario), Dominique Hé (Zeichnungen): Alfred Hitchcock. Band 1. Der Mann aus London. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2021. 160 Seiten, 24 Euro.

Hitchcock ist in diesen Erzählungen immer einen Schritt voraus, auf sympathische Weise altklug. Er kennt alle Techniken und Tricks seines Metiers, weiß von Anfang an ganz genau, wie Kino funktioniert und wie man mit Bildern erzählen muss. Er zitiert sich gewissermaßen selbst, liefert schon mal einen Probelauf für das größte Kinobuch aller Zeiten, das Interview, das er mit dem getreuen François Truffaut führte, "Le Cinéma selon Hitchcock/Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?". Den Mythos, die Marke Hitchcock hat er offenbar selbst geschaffen.

Die Zeichnungen haben eine skizzenhafte Leichtigkeit, wirken naiv wie von einem Kind

Noël Simsolo ist eine Generation jünger als die weltberühmten Jungs der Nouvelle Vague, er hat die gesamte Filmgeschichte rauf und runter abgearbeitet, in Büchern, Filmen und Interviews, von Fritz Lang bis Clint Eastwood. Mit dem Zeichner Dominique Hé hat er bereits "Pornhollywood" gemacht, über einen jungen Regisseur, der in die Pornoecke gerät, ein Jude mit einer schwarzen Freundin. Dominique Hé gestaltet die Szenen mit einer skizzenhaften Leichtigkeit, naiv wie Kinderzeichnungen. Hitchcock hat mehr Haare und weniger Bauch, die Ähnlichkeit wird eher suggeriert als ausgemalt. Das verleiht den Bildern eine eigene Dynamik, sie sind, anders als die gestochen scharfen, wohlkomponierten Filmstandfotos, wie Bilder, die direkt vom Filmstreifen fotografiert wurden, verwaschen, flirrend, unscharf, aber immer voller Leben.

"Die Gespenster sind unglücklich, weil sie nicht finden, was sie suchen", der Satz beschäftigt Hitchcock sein Leben lang, "und wenn sie es finden, gehen sie glücklich fort und kommen nicht wieder." Ein Satz aus dem Theaterstück "Mary Rose", einer phantomhaften Geschichte um Sexualität und Tod. Er wird Hitchcocks Filme "Rebecca" und "Vertigo" prägen, um die es im zweiten Band geht. Und nach "Marnie" hat er noch einmal davon geträumt, endlich "Mary Rose" zu verfilmen.

© SZ
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