Comedy-Serie "Arthurs Gesetz" Durchaus krass

Sie will, dass er sich Gliedmaßen absägt, er will, dass sie endlich stirbt: Martina Gedeck und Jan Josef Liefers in "Arthurs Gesetz".

(Foto: TNT/goodfriends/Hendrik Heiden)
  • In der Comedy-Serie "Arthurs Gesetz" versucht sich Arthur Ahnepol (Jan Josef Liefers) mittels Selbstverstümmellung im Versicherungsbetrug. Das geht schief.
  • Mit brillanten Bildern und hochkarätiger Besetzung liefert die Serie den Beweis, dass anspruchsvolle Comedy noir auch in Deutschland funktioniert.
  • Zunächst startet das Format ausschließlich beim Streamingangebot der Telekom, Entertain TV. Fernsehsender bekunden bereits Interesse.
Von Kathrin Hollmer

Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen, besagt Murphys Gesetz, die ziemlich pessimistische Lebensweisheit des amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy junior. Die Serie Arthurs Gesetz erzählt eine düster-komische Geschichte, die genau dieser Logik folgt. Arthur Ahnepol (Jan Josef Liefers) sägt sich bei der Arbeit die Hand ab, weil seine Frau Martha (Martina Gedeck) das verlangt hat. Die zwei sind chronisch pleite, weil sie den ganzen Tag in ihrem braun-beigen Zuhause sitzt und Kram aus dem Katalog bestellt. Ihr Plan: "Wenn du deine rechte Hand verlierst und es als Arbeitsunfall bei der Versicherung einreichst, würden wir ordentlich abkassieren." Leider wird Arthurs fingierter Unfall von der Überwachungskamera gefilmt, leider kassieren die beiden nichts ab, leider verliert er seinen Job.

Aus einem geplanten Fünfminüter wurden sechs Folgen

Hauptautor Benjamin Gutsche, 32, sollte für die Produktionsfirma Good Friends eigentlich nur Fünfminüter über urbane Legenden entwickeln und stieß bei der Recherche auf die Geschichte eines Mannes, der sich die Hand absägte, um die Versicherung zu betrügen. "Ich dachte, wie krass wäre es, wenn seine Frau ihn dazu gebracht hätte?", erzählt der Autor nach der Premiere in München. Durchaus krass. Deshalb ließ ihn die Produktionsfirma gleich eine Pilotfolge für eine ganze Serie schreiben, danach ging sie mit dem Bezahlsender TNT (Turner Network Television) in Produktion, auch wenn sie nun erst einmal beim Streamingangebot der Telekom, Entertain TV, startet.

Benjamin Gutsche, der bisher vor allem Kinder-Komödien, die Fantasy-Serie Armans Geheimnis (ARD), die Splatterkomödie Der Antrag (Tele 5 und 13th Street) und jüngst einen Weimarer Tatort geschrieben hat, beweist auch mit Arthurs Gesetz Fantasie, insbesondere was skurrile Todesarten angeht. Den Zuhälter seiner Geliebten bringt Arthur aus Versehen mit Bauschaum um. Bizarrer wird im deutschen Fernsehen selten gestorben. Auch hier geht alles schief, nicht einmal das Auto des Opfers lässt sich ohne Komplikationen im See versenken. Es bleibt am Ufer stehen. Der Wirt der Kleinstadtkaschemme Zum Kronleuchter wird von eben jenem erschlagen, irgendwann verschluckt jemand beinahe eine Taschenlampe.

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Den ausgezeichneten, tiefschwarzen, teils derben Humor in Arthurs Gesetz kennt man sonst nur aus Österreich, von Serien wie David Schalkos Braunschlag und Altes Geld (ORF). Im vergangenen Jahr wagte sich die bayerische Satireserie Hindafing (BR) gekonnt an das Genre Comedy noir. Arthurs Gesetz aber ist radikaler und blutiger, die Handlung absurder, die Dialoge sind noch abgedrehter.

"In Deutschland haben wir eine Humor-Monokultur", sagt Benjamin Gutsche, "größtenteils Schenkelklopfer à la Mario Barth." Ganz so ist es natürlich nicht. Es gibt Ausnahmen wie den Tatortreiniger (NDR) oder Familie Braun (ZDF). Mit Arthurs Gesetz ist ein weiterer Beweis gelungen, dass es anspruchsvolles Humorfernsehen aus Deutschland geben kann. Autor Gutsche, der sich, wie er sagt, von der Netflix-Serie Orange Is the New Black inspirieren ließ, die ebenfalls Drama und Comedy mischt, erzählt in sechs Folgen ein großes Familiendrama mit den Mitteln der Groteske. Folge für Folge entspinnt und steigert sich aus den Figuren eine gewaltige Tragikomik. Arthur steckt nicht nur in seiner Ehe fest, sondern auch in der faszinierend farb- und menschenleeren Kleinstadt Klein Biddenbach (gedreht wurde im oberfränkischen Marktredwitz und Umgebung). Wie Regisseur Christian Zübert (Lammbock) diese Trostlosigkeit inszeniert und die Kamera von Ngo The Chau das in brillanten Bildern (auch aus Sicht von Staubsaugerrobotern und der Mikrowelle) einfängt, ist großartig. Zuletzt setzten sie gemeinsam das hochgelobte Drama Ein Atem um.

Jede Katastrophe tritt eine noch größere los

Wie Arthur mit jeder Katastrophe, die er abwendet, eine noch größere lostritt, erinnert an die Dynamik der ersten Staffel der US-Erfolgsserie Fargo. Darin tötet Lester Nygaard, in seiner devoten Schlurfigkeit durchaus mit Arthur vergleichbar, seine Frau im Affekt und richtet mit der Vertuschung des Verbrechens immer noch größeren Schaden an.

Auch Arthur will seine Frau loswerden, die ewig unzufriedene, passiv-aggressive Martha, die ihren Fensterputzroboter und ihren Massagesessel mehr liebt als ihren Ehemann. Bevor Arthur aber so weit ist, muss er erst mal mit ihrer Hilfe den Mord an Jessies Zuhälter vertuschen. Hilfe bekommt das Paar von Marthas Zwillingsschwester Muriel, die ausgerechnet Polizeichefin ist.

Martina Gedeck zeigt in ihrer Doppelrolle als zwei Zwillingsschwestern großes komödiantisches Talent, Jan Josef Liefers haftet als Arthur ausnahmsweise mal gar nichts Schnöselig-Arrogantes an.

Auch Nora Tschirner als hochschwangere Jobcenter-Mitarbeiterin Claudi Lehmann hat man so noch nicht gesehen: Mit asymmetrischer Fönfrisur und aufgemalten Augenbrauen ist sie kaum zu erkennen, sie kalauert wie sonst als Kommissarin Kira Dorn im Weimarer Tatort, aber in fies, vor allem schwer vermittelbaren Klienten wie Arthur gegenüber. Als der auf seinen fehlenden Arm hinweist, sagt sie nur: "Arm ist ja nun leicht übertrieben, es ist ja lediglich die Hand, die fehlt."

Die Nebenfiguren, ebenso wie die Hauptrollen grandios besetzt, machen Arthurs Gesetz zu einem Gesamtkunstwerk. Die Prostituierte Jessie (Cristina do Rego), die Sängerin werden will, ist naiv und herzensgut. Als ihr Arthur erzählt, wie er mit seiner abgeschnittenen Hand fast verblutet wäre, aber dann von seinem Freund gerettet wurde, antwortet sie ehrlich erleichtert: "Gott sei dank, ich dachte schon, du stirbst!" Und dann ist da noch die lokale, unfähige Drogen-Gang um Holger (David Bredin), rechte Hand eines geheimnisvollen Chefs, die im Tattoo-Studio "Tattoo Taataa" residiert und sich gegen die Konkurrenz der "Allbanner" behaupten will.

Anke Greifeneder, geschäftsführende Produzentin bei Turner, hat bereits die preisgekrönten Serien Weinberg und 4 Blocks entwickelt und damit Seriengeschichte geschrieben, auch, weil es Mystery- und Gangsterserien in Deutschland zuvor nicht gab. Arthurs Gesetz lotet zwar kein nie da gewesenes Genre aus, aber hebt die deutsche Comedy noir auf internationales Niveau.

Obwohl die Serie abgeschlossen ist, kann man sich bei TNT Comedy eine zweite Staffel dieser bislang teuersten Eigenproduktion der Sendergruppe vorstellen. "Wenn uns der Ansatz überzeugt", sagt Anke Greifeneder. Der Pay-Sender will die Serie Mitte Dezember zeigen. Auch klassische Fernsehsender sollen Interesse haben. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen würde sie wohl nach 23 Uhr laufen. Und das ist ein Kompliment.

Arthurs Gesetz, von Freitag an bei Entertain TV.

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