Comedian Oliver Polak über Depression "Da kann ich nur sagen: Fickt euch!"

Polak stand mit Programmen wie "Jud Süss Sauer" unzählige Auftritte Male auf der Bühne, nahm das Lied "Lasst uns alle Juden sein" auf. Und witzelte im Fernsehen.

War Humor im deutschen Fernsehen früher wärmer?

Schauen Sie sich mal alte Sendungen an: Peter Alexander, Hans-Joachim Kulenkampff oder Hans Rosenthal waren witzig und großartige Unterhalter. Und sie gaben den Zuschauern manchmal auch das Gefühl, in den Arm genommen zu werden. Rudi Carrell war auch ironisch - er konnte das besser als Schmidt - aber er war gleichzeitig heimelig, er war gemütlich. Der letzte, der dieses Gefühl heute noch vermitteln kann, ist Thomas Gottschalk. Aber auch der wird nicht mehr so oft gebucht. Weil die Deutschen inzwischen etwas anderes wollen. Auch das hat mich - neben anderen Komponenten - krank gemacht.

Trägt eine dieser Komponenten den Namen "Antisemitismus"?

Meine Depression hat viele Quellen. Aber eine davon ist der Hass und die Ablehnung, die Juden in Deutschland entgegenschlägt. Da sind einerseits meine persönlichen Erfahrungen: In Papenburg gab es außer meiner Familie keine anderen Juden. Dort fand - wie in weiten Teilen des ländlichen Deutschlands - keine richtige Entnazifizierung statt. Entsprechend wurde ich drangsaliert als Jugendlicher. Neonazis bedrohten mich, als ich Kartenabreißer im Kino war, in der Schule tippte man mich an und schrie dann: "Iiiih, jetzt habe ich Judenaids".

Polak fragt den Interviewer, ob er sein Buch gelesen habe. Hat er nicht vollständig. Das wurmt Polak sichtlich, aber nur kurz. Er ist gnädig. Den Inhalt seiner Coladose teilt er brüderlich.

Seit zehn Jahren leben Sie in Berlin ...

... wo's besser ist! Aber als im Sommer der Nahostkonflikt eskalierte, zeigte sich offen, dass ein großer Teil der Deutschen nicht wirklich aus der Vergangenheit gelernt hat.

Sie meinen, weil es dort Demonstrationen gab, auf denen Israelfahnen verbrannt und Juden ins Gas gewünscht wurden?

Nicht nur das. Sondern, dass so wenige nichtjüdische Deutsche den Mund aufmachen gegen offen zur Schau gestellten Judenhass. Dass sich deutsche Comedians mit muslimischem Hintergrund zu dem Konflikt in einer Art und Weise äußern, dass mir schlecht wird. Und in ihren Facebook-Accounts schreiben die Leute, was sie gerne mit Juden anstellen würden - und diese Postings werden nicht gelöscht. Ich muss mit diesen Comedians im Fernsehen auftreten. Da kann ich nur sagen: Fickt euch! Besonders jämmerlich fand ich Dieter Hallervordens Statement, dabei mochte ich den gern als Kind.

Was hat er getan?

Der schrieb - auch bei Facebook -, dass er von einem Deutschland träume, in dem man Israel kritisieren kann, ohne als Antisemit zu gelten. Das ist so irre wie die Behauptung, dass irgendjemand nach 1945 geborene Deutsche als "schuldig" bezeichnet.

Werden Sie oft konfrontiert mit dem Nahostkonflikt und Ihrem jüdischen Hintergrund?

Immer, jetzt erst wieder bei einer Taxifahrt. Der türkischstämmige Fahrer denkt, ich wäre Türke und fragt, wo ich herkomme.

Ich sage ihm: "Vater deutsch, Mutter Russin, jüdische Wurzeln."

Da sagt er: "Ah, die Juden, denen gehören all die großen Geschäfte und Banken."

Ich: "Ja, auch die Taxiunternehmen."

Er: "Ja, hab ich oft gehört."

Ich werde auch immer wieder auf den Nahostkonflikt angesprochen. Warum gerade ich? Ich halte Netanjahu für einen Schwachkopf und Israels Siedlungspolitik für eine Katastrophe, jeder Mensch, der durch den Konflikt getötet wird, ist ein Toter zu viel. Aber warum kommt man damit immer zu mir? Warum muss ich mich rechtfertigen für die Politik der israelischen Regierung? Warum wird nicht differenziert zwischen Juden und Israel, Israelis und der israelischen Regierung?

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Überlegen Sie, Deutschland zu verlassen?

Klar. Ich plane, für einige Zeit nach New York zu gehen und dort ein Buch zu schreiben.

Kommen Sie wieder?

Es ist echt schwer, sich hier niederzulassen und einfach zu entspannen. Aber ich liebe viele Dinge an und in Deutschland. Zum Beispiel Frankfurt.

Ihr Buch ist tragisch und lustig und ernst. Und endet mit einer Liebeserklärung an eine Frau.

An Sunny. Sie ist gerade in Kanada.

Was würden Sie jetzt machen, wenn Sunny zur Türe hereinkommt?

Ich würde mit ihr ins Chairs gehen, Schnitzel bestellen und den Kellner bitten, Nina Simones Song "Night song" aufzulegen. Und anschließend mit Sunny am Main entlangspazieren und Zuckerwatte essen.

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