Comedian Oliver Polak über Depression:"Es ging gar nichts mehr"

Lesezeit: 5 min

Oliver Polak

Wieder da: Kabarettist und Autor Oliver Polak.

(Foto: Gerald von Foris)

Als einziger jüdischer Comedian Deutschlands wurde Oliver Polak bekannt - dann ging er in die Psychiatrie. Bei einer Cola erzählt Polak von krank machendem Antisemitismus und seiner Wut auf Dieter Hallervorden.

Interview von Oliver Das Gupta

Frankfurt am Main, piekfeines Hotel. Anzugträger und Frauen in Kostümchen schreiten durch die Lobby, Stewardessen einer US-Airline ratschen lautstark. Mitten drin auf einem Sofa: Ein Mann wie ein Bär, Vollbart, wunderbar wüster Haarschopf, Jogginghose und dunkle Bomberjacke. Oliver Polak, 1976 in der niedersächsischen Provinz geboren, derzeit wohl einziger jüdischer Spaßmacher im deutschsprachigen Raum (Georg Kreisler ist ja tot).

Irgendwann wurde er krank, psychisch krank. Über seine schwere Depression und seine Genesung hat er das Buch "Der jüdische Patient" (KiWi, ISBN: 978-3-462-04704-2) geschrieben.

SZ.de: Herr Polak, in einem Satz: Um was geht es in Ihrem Buch?

Oliver Polak: Um meine Depression, um Humor - und um Deutschland.

Fangen wir mit der Krankheit an. Wie geht es Ihnen hier und jetzt?

In Frankfurt blühe ich auf. Wenn Frankfurt eine Frau wäre, würde ich sie daten und mit ihr ins Chairs gehen in Bornheim, Schnitzel bestellen und den Kellner bitten, Nina Simones Song "Night song" aufzulegen. Und anschließend am Main entlangspazieren und Zuckerwatte essen. Frankfurt ist Deutschlands beste Stadt, sie ist so echt. Tradition und Popkultur, Nutten und Banker ...

Ein geschniegelter Mann im Anzug geht vorbei, sein Blick trifft Polaks Blick, der Mann nickt, lächelt und grüßt mit der Hand, Polak sagt "Hi".

Noch leben Sie in Berlin, dort sind Sie in die Psychiatrie gegangen. Was war passiert?

Eine schwere Depression ist über mich hereingebrochen. Sicher, man hat immer mal wieder Phasen im Leben, wo man sich nicht so gut fühlt. Aber bei mir kamen diese Phasen immer häufiger und wurden schließlich zum Dauerzustand.

Welche Rolle spielte Ihre Arbeit bei Ihrer Erkrankung?

Eine starke Komponente. Ich bin immer wieder auf Tour gegangen, das war anstrengend und nicht immer erfüllend.

Was lief beruflich schief?

Oberflächlich formuliert, bin ich vor "falschem" Publikum aufgetreten.

Wie meinen Sie das?

Ich wurde als Comedian gebucht wegen meines jüdischen Hintergrunds. Die Leute dachten, da klettert Woody Allen aus meinem Bauch mit einem Lachsbagel in der Hand und spielt Klarinette. Viele waren sauer und enttäuscht, weil sie einen Kuscheljuden erwartet hatten. Meine Art von Humor geht offensichtlich mit der in Deutschland vorherrschenden Haltung zu Humor oft nicht gut zusammen. Inzwischen habe ich mir mein Publikum erspielt.

Aber zuerst gab es eine Menge Frust.

Oh ja. Ich habe mich immer mehr schuldig gefühlt. Wegen eines Antidepressivums nahm ich 40 Kilogramm zu, ich konnte vier Pizzen hintereinander essen. Mein Sexualtrieb war tot. Dann kamen die Panikattacken, auftreten konnte ich nicht mehr, ich hing nur noch zu Hause herum. Irgendwann habe ich mir Hilfe geholt, aber bis dahin war es ein langer Weg.

Klingt nach einer großen Überwindung.

Es ging gar nichts mehr, ich musste es tun. Warum das so lange dauerte? Vielleicht auch, weil in unserer deutschen Gesellschaft das Thema Depression nach wie vor tabuisiert wird. Gerade im ländlichen Raum, dort, wo ich herkomme, ist es ein No-go, eine Therapie zu machen oder in die Psychiatrie zu gehen. Da heißt es dann: "Der ist verrückt." Das gilt auch für andere Krankheiten. Vor Jahren, als ich Hodenkrebs hatte, erzählte mir mein Arzt, dass viele Männer erst zu ihm kommen, wenn ihre Hoden so groß wie Pampelmusen sind. Weil ihr Schamgefühl sie daran hindert.

Glauben Sie, dass in anderen Gesellschaften diese Scham weniger ausgeprägt ist?

Das behaupte ich nicht. Aber Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, ist in Deutschland etwas sehr Schwieriges.

Gilt das auch für deutsche Comedians?

Leider ja. Denken Sie an das Fernsehen der letzten Jahre. Harald Schmidt kann nur Ironie. Da ist kein warmer Gedanke, er strahlt nur Stärke und Souveränität aus. Der war bis zuletzt eiskalt.

"Da kann ich nur sagen: Fickt euch!"

Polak stand mit Programmen wie "Jud Süss Sauer" unzählige Auftritte Male auf der Bühne, nahm das Lied "Lasst uns alle Juden sein" auf. Und witzelte im Fernsehen.

War Humor im deutschen Fernsehen früher wärmer?

Schauen Sie sich mal alte Sendungen an: Peter Alexander, Hans-Joachim Kulenkampff oder Hans Rosenthal waren witzig und großartige Unterhalter. Und sie gaben den Zuschauern manchmal auch das Gefühl, in den Arm genommen zu werden. Rudi Carrell war auch ironisch - er konnte das besser als Schmidt - aber er war gleichzeitig heimelig, er war gemütlich. Der letzte, der dieses Gefühl heute noch vermitteln kann, ist Thomas Gottschalk. Aber auch der wird nicht mehr so oft gebucht. Weil die Deutschen inzwischen etwas anderes wollen. Auch das hat mich - neben anderen Komponenten - krank gemacht.

Trägt eine dieser Komponenten den Namen "Antisemitismus"?

Meine Depression hat viele Quellen. Aber eine davon ist der Hass und die Ablehnung, die Juden in Deutschland entgegenschlägt. Da sind einerseits meine persönlichen Erfahrungen: In Papenburg gab es außer meiner Familie keine anderen Juden. Dort fand - wie in weiten Teilen des ländlichen Deutschlands - keine richtige Entnazifizierung statt. Entsprechend wurde ich drangsaliert als Jugendlicher. Neonazis bedrohten mich, als ich Kartenabreißer im Kino war, in der Schule tippte man mich an und schrie dann: "Iiiih, jetzt habe ich Judenaids".

Polak fragt den Interviewer, ob er sein Buch gelesen habe. Hat er nicht vollständig. Das wurmt Polak sichtlich, aber nur kurz. Er ist gnädig. Den Inhalt seiner Coladose teilt er brüderlich.

Seit zehn Jahren leben Sie in Berlin ...

... wo's besser ist! Aber als im Sommer der Nahostkonflikt eskalierte, zeigte sich offen, dass ein großer Teil der Deutschen nicht wirklich aus der Vergangenheit gelernt hat.

Sie meinen, weil es dort Demonstrationen gab, auf denen Israelfahnen verbrannt und Juden ins Gas gewünscht wurden?

Nicht nur das. Sondern, dass so wenige nichtjüdische Deutsche den Mund aufmachen gegen offen zur Schau gestellten Judenhass. Dass sich deutsche Comedians mit muslimischem Hintergrund zu dem Konflikt in einer Art und Weise äußern, dass mir schlecht wird. Und in ihren Facebook-Accounts schreiben die Leute, was sie gerne mit Juden anstellen würden - und diese Postings werden nicht gelöscht. Ich muss mit diesen Comedians im Fernsehen auftreten. Da kann ich nur sagen: Fickt euch! Besonders jämmerlich fand ich Dieter Hallervordens Statement, dabei mochte ich den gern als Kind.

Was hat er getan?

Der schrieb - auch bei Facebook -, dass er von einem Deutschland träume, in dem man Israel kritisieren kann, ohne als Antisemit zu gelten. Das ist so irre wie die Behauptung, dass irgendjemand nach 1945 geborene Deutsche als "schuldig" bezeichnet.

Werden Sie oft konfrontiert mit dem Nahostkonflikt und Ihrem jüdischen Hintergrund?

Immer, jetzt erst wieder bei einer Taxifahrt. Der türkischstämmige Fahrer denkt, ich wäre Türke und fragt, wo ich herkomme.

Ich sage ihm: "Vater deutsch, Mutter Russin, jüdische Wurzeln."

Da sagt er: "Ah, die Juden, denen gehören all die großen Geschäfte und Banken."

Ich: "Ja, auch die Taxiunternehmen."

Er: "Ja, hab ich oft gehört."

Ich werde auch immer wieder auf den Nahostkonflikt angesprochen. Warum gerade ich? Ich halte Netanjahu für einen Schwachkopf und Israels Siedlungspolitik für eine Katastrophe, jeder Mensch, der durch den Konflikt getötet wird, ist ein Toter zu viel. Aber warum kommt man damit immer zu mir? Warum muss ich mich rechtfertigen für die Politik der israelischen Regierung? Warum wird nicht differenziert zwischen Juden und Israel, Israelis und der israelischen Regierung?

Überlegen Sie, Deutschland zu verlassen?

Klar. Ich plane, für einige Zeit nach New York zu gehen und dort ein Buch zu schreiben.

Kommen Sie wieder?

Es ist echt schwer, sich hier niederzulassen und einfach zu entspannen. Aber ich liebe viele Dinge an und in Deutschland. Zum Beispiel Frankfurt.

Ihr Buch ist tragisch und lustig und ernst. Und endet mit einer Liebeserklärung an eine Frau.

An Sunny. Sie ist gerade in Kanada.

Was würden Sie jetzt machen, wenn Sunny zur Türe hereinkommt?

Ich würde mit ihr ins Chairs gehen, Schnitzel bestellen und den Kellner bitten, Nina Simones Song "Night song" aufzulegen. Und anschließend mit Sunny am Main entlangspazieren und Zuckerwatte essen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB