Comeback als Sängerin Gainsbourg, mon amour

Mit ihrer Anmut hypnotisiert sie nicht nur Franzosen: Zum ersten Mal seit 24 Jahren singt Charlotte Gainsbourg wieder vor Publikum. Ein Konzertbesuch in Brüssel.

Von Julia Amalia Heyer

Es gibt diesen Moment im Film von Agnès Varda über Jane Birkin, da bittet die Regisseurin die damals 15-jährige Charlotte, etwas über ihre Eltern zu erzählen. Über ihren Vater Serge zum Beispiel, der seiner Beziehung zur Tochter erst im Jahr zuvor, 1986, mit "Charlotte For Ever", ein recht verwegenes Denkmal gesetzt hatte. Mit dem sie gerade, nicht minder verwegen, gemeinsam das Duett "Lemon Incest" aufgenommen hatte. Das Video zeigt Vater und Tochter halbnackt auf einem riesigen schwarzen Ehebett. Charlotte, damals schon sehr besonders, reckt den eigensinnigen Kiefer, blickt aus dunklen Mandelaugen unverwandt in Vardas Kamera und erklärt rotzig, dass sie auch schon überhaupt keine Lust habe, über ihre Eltern zu sprechen.

"Ich bin nicht sehr geschwätzig", spricht Charlotte Gainsbourg bei ihrem Konzert ins Mikrofon. Das muss sie auch nicht sein - ihr Charisma beeindruckt das Publikum von ganz alleine.

(Foto: rtr)

24 Jahre später steht Charlotte Gainsbourg auf der Bühne des Cirque Royal in Brüssel und blickt genauso unverwandt ins Publikum. "Ich bin nicht sehr geschwätzig", spricht sie ins Mikrofon, nicht entschuldigend, eher um die Fakten zu klären. Und fügt dann trotzdem hinzu, dass dies ihre erste Konzertreise in Europa sei. Von Januar bis Juni ist sie durch die USA getourt; jetzt sei sie finalement, so sagt sie, glücklich darüber, hier aufzutreten. Bis zu diesem Jahr hat sie sich nicht getraut, öffentlich zu singen - eine Art Trauergelübde für den 1991 verstorbenen Vater, mit dem sie zum letzten Mal als Teenager auf der Bühne stand.

Hinter Gainsbourg implodiert auf sechs kleinen Bildschirmen der farbige Querschnitt eines menschlichen Gehirns; der gleichnamige Titelsong des im vergangenen Jahr erschienenen Albums "IRM" ist der Auftakt ihres Konzerts an diesem Samstagabend. IRM ist das französische Akronym für Kernspintomographie; 2008 wäre Gainsbourg beinahe an einer Hirnblutung gestorben. Dass sie so viele Jahre nicht auf der Bühne stand, merkt man der 39-Jährigen nicht an, könnte man gar nicht, so sparsam sind ihre Bewegungen. Allein ihr Charisma beeindruckt, die Sängerin wirkt so rätselhaft, wie es sich für eine Independent-Ikone gehört. Wenn man, noch dazu als vielfach ausgezeichnete Schauspielerin, Lieder von Beck und Air, Jarvis Cocker und Neil Hannon interpretiert, turnt man nicht frivol über die Bühne.

Charlotte Gainsbourg steht meist sehr aufrecht und sehr ruhig vor dem Mikrofonständer und singt, haucht vielmehr, ihre Lieder. Nur manchmal, zum Beispiel beim leicht an die Rubber-Soul-Beatles erinnernden "Heaven can wait", greift sie sich zwei Sticks und prügelt auf die neben ihr montierte Bassdrum ein. Als nehme das Böse seinen Ursprung im Trommelbauch. Dabei ähnelt sie ihrer Rolle der besessenen Exorzistin in Lars von Triers Film "Antichrist". Vor der konventionell-hübschen Harmlosigkeit einer französischen Pop-Sirene weiß sie sich jedenfalls zu hüten. Live tritt nun an die Stelle des ätherisch-somnambulen Klangs ihres ersten Albums "5.55", das ungleich strengere Diktat des Rhythmus. Streicher und Synthesizer haben auf Gainsbourgs Bühne nicht mehr die akustische Vorherrschaft inne - die hat nun das Schlagzeug übernommen.

Bei ihrer Ode an die Nacht "Voyage", wird das Becken mit dem Tambourin bearbeitet und die Snare mit Rasseln. Zwei Bässe, eine verstärkte Bratsche, die manchmal auch als etwas schrammeliger Wah-wah-Verzerrer herhalten muss, tun ihr übriges. Ein bisschen Harmonika, ein bisschen Gitarre, à la limite, ist alles um der Melodie auf die Sprünge zu helfen.

Die anbetungswürdigste unter den Dynastien

Dass Gainsbourgs Stimme nur schwach zu vernehmen ist, liegt nicht nur an der Abmischung. Denn eines steht ziemlich schnell fest an diesem Abend, es ist weder Charlotte Gainsbourgs Stimme noch ihr Gesang, die diesen Auftritt beherrschen; es ist die Präsenz dieser zierlichen Person, die nicht zuletzt auch die von Beck sorgfältig zusammengestellte Band ungerechterweise zu Instrumentalstatisten verblassen lässt. Man spürt sofort die Faszination des Publikums, das sich wie gebannt auf die fragile Frau in schwarzen Lederhosen konzentriert. Wenn sie sich nach einem Lied im Lichtkegelspiel den Pony aus den Augen streicht, wird selbst der Applaus zum retardierenden Moment. Man starrt so angestrengt.

Gainsbourg ist eben mehr als nur eine singende Schauspielerin, sie ist ein ästhetisches Phänomen. Als Muse des Balenciaga-Designers Nicholas Ghesquière plakatiert ihr Konterfei die ganze Welt; in ihrer Heimat ist gerade ein Bande Dessinée, ein Comic, erschienen mit dem Titel: "Charlotte Gainsbourg, mon amour". Darin karikiert der Autor sich und ihre Fans als von Gainsbourgscher Anmut hypnotisierte Lemuren. Frankreich verehrt seine Dynastien - auch abseits von Élysée und Matignon. Und der Chansonnier, Dichter, Maler, kurz: das Genie Serge Gainsbourg hat, zusammen mit Jane "Blow up" Birkin die wohl anbetungswürdigste begründet. Kunst, Bohème und Beauté, dass auf Charlotte Gainsbourgs internationale Filmerfolge nun auch internationale Bewunderung folgt, wundert nicht.

Und sie, die Tochter, mittlerweile mehr Königin als Prinzessin, weiß diesem legendären Erbe zu huldigen, auch an diesem Abend im verregneten Brüssel. Dankbar sei sie, sagt sie zart ins Mikrofon, für die großartige Zusammenarbeit mit Künstlern wie Beck oder Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel von Air - aber "Le meilleur, le plus beau", den besten, den schönsten, habe sie selbst im Repertoire, "einfach so": ihren Vater. Sie setzt sich auf einen Hocker und singt zuerst, begleitet nur von einer Westerngitarre, Bob Dylans "Just Like A Woman". Und dann schließlich, endlich, Serge Gainsbourgs "Hôtel Particulier". Just like a little girl.

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