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Colum McCanns Roman "Apeirogon":John Kerry lächelt

Colum McCann

Auf die Friedenstaube konnte er nicht verzichten: Colum McCann im Jahr 2016.

(Foto: Steven Senne/AP)

Colum McCann erzählt in seinem Roman "Apeirogon" die wahre Geschichte eines Palästinensers und eines Israelis, die gemeinsam für Frieden werben. Ein sympathisches Projekt, aber leider kein guter Roman.

Von Burkhard Müller

Zwei Väter: Der Israeli Rami entwirft als Designer Wahlplakate; der Palästinenser Bassam hat als junger Mann wegen eines Angriffs auf israelische Truppen sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Beide Väter haben eine Tochter: die 13-jährige Smadar, Tochter Ramis, und die 10-jährige Abir, Tochter Bassams. Smadar stirbt, als ein palästinensischer Attentäter sich auf einer belebten Straße in die Luft sprengt; Abir, als ein Gummigeschoss aus einem vorbeifahrenden Jeep der israelischen Armee ihr den Schädel zertrümmert.

Zwei parallele Schicksale, die dazu veranlassen, über die Zustände in jenem verschlungenen Doppelgebilde nachzudenken, das aus dem Staat Israel und den palästinensischen Gebieten besteht und das seit mehr als fünfzig Jahren nicht zusammen-, aber auch nicht auseinanderkommt.

Bassam und Rami durchlaufen jeweils dasselbe Fegefeuer der Emotionen: Fassungslosigkeit, Schmerz, Hass - und gelangen schließlich zur Erkenntnis, dass Hass mehr als den Gehassten den Hassenden selbst zerstört. Sie schließen sich einer Organisation an, die "Parents Circle" heißt und deren Mitglieder Eltern sind, die in diesem ewigen Konflikt Kinder verloren haben, Israelis und Palästinenser.

Bassam ist erst Terrorist und studiert später den Holocaust

Ansonsten gibt es kaum echte Kontakte zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Bassam und Rami werden die Stars dieser Initiative, sie gehen miteinander auf internationale Vortragsreisen und sprechen vor Zuhörern, die ihnen teils freundlich, teils feindlich gesinnt sind, aber immer heftig reagieren.

Den längeren Weg legt dabei Bassam zurück, der verurteilte Terrorist, der sogar ein Stipendium erhält, um ein Jahr lang in Großbritannien den Holocaust zu studieren, während in Ramis Familie schon vor dem tödlichen Anschlag eine gewisse Skepsis gegen die israelische Politik herrschte. Kaum überraschend, werden beide vom je eigenen Lager als Verräter geschmäht und mit Morddrohungen überhäuft; aber Angst haben sie nach dem, was ihnen passiert ist, endgültig nicht mehr.

Ein durch und durch sympathisches Projekt also, von dem Colum McCann in seinem Roman "Apeirogon" spricht. Und dennoch ist daraus kein gutes Buch geworden. Das hat zwei Gründe.

Die Fiktion ist der schwächste Teil des Romans

Zum einen hat sich McCann für eine Form entschieden, die er selbst als "Hybrid-Roman" bezeichnet: Die Personen Bassam Aramin und Rami Elhanan gibt es wirklich, ihre aufrüttelnde Mission ist ausführlich von den Medien dokumentiert worden. Was könnte der Schriftsteller dem noch hinzufügen? Nur was seine Imagination über die verbürgten Tatsachen hinaus zuwege bringt.

Das meint wohlgemerkt nicht den bekannten Vorwurf, dass ein westlicher Autor oder Reporter am Feuer des fremden Elends sein eigenes Süppchen kocht, sich also parasitär zu seinem Gegenstand verhielte. Vielmehr muss die Erfindung, die bei einem Roman unentbehrlicherweise hinzutritt, deswegen der schwächste Teil der Erzählung sein, weil deren Kraft eben darin besteht, dass sich alles wirklich so und nicht anders ereignet hat.

McCann hat lange Gespräche mit seinen beiden Protagonisten geführt und die Erlaubnis bekommen, mit ihren Worten und Lebensgeschichten frei umzugehen oder sie zu verändern. Er hoffe, sagt er, ihre Erfahrungen trotzdem "wahrheitsgetreu wiederzugeben".

Die Figuren ehren Gandhi, aber hilft er ihnen wirklich weiter?

Doch was ist Wahrheit? Diese Frage wurde in Jerusalem, dem Ort, der im Mittelpunkt von McCanns Roman steht, vor zweitausend Jahren schon einmal gestellt. Ganz gewiss gehört zur Wahrheit in diesem Fall eine starke Affektlage. Doch stützt sie sich auf einen Sachverhalt, in den man nicht beliebig mit Stimmungsbildern und erfundener Figurenrede hineinschnörkeln darf, wenn er seine Wucht bewahren soll.

Noch aus einem zweiten Grund muss man die Entscheidung für die Form des Romans als verfehlt bezeichnen. Ein Roman muss seiner Anlage nach immer die privaten Verhältnisse ins Zentrum stellen, während sein Personal sich zur Politik nur reaktiv und leidend verhalten kann. Die Lage in Israel-Palästina aber ist eine primär politische, so tief sie auch ins Privatleben der Bewohner einwirkt.

Was die beiden Väter tun, ist mutig, vielleicht sogar vorbildlich. Aber vorbildlich für wen? Sie ehren den gewaltlosen Widerstand Gandhis, analysieren jedoch niemals, in welcher Situation er zum Erfolg geführt hat, nämlich als eine winzige herrschende Elite, zusätzlich geschwächt durch zwei Weltkriege, ohnehin schon mit einem Fuß draußen war; sie konnte einfach gehen.

Selbst die Gewalt hätte eine intelligentere Kritik verdient

Die zwei verwaisten Väter beeindrucken durch die Authentizität ihres Auftritts. Aber wenn ihre Botschaft lautet, Gewalt sei sinnlos, dann ist sie falsch. Gewalt ist niemals sinnlos. Gewalt hat immer Sinn für den, der sie verübt, sonst täte er es nicht. Dass sie sich dabei über privaten Verlustschmerz hinwegsetzt und ebenso über private Reue die Achseln zuckt, stellt keinen Einwand dar, sondern ihre Voraussetzung.

Wer die Gewalt kritisieren will, sollte sich schon ein bisschen mehr anstrengen, als indem er bloß die Hände ringt und Bilder von Picassos Friedenstaube zeigt. (Das Buch tut es auf Seite 204.) Der Zusammenhang des Politischen und des Privaten sieht so aus, dass die Politik sich des Mittels der Gewalt bedient und dazu die privaten Energien des Hasses einsetzt, der Hass aber stets reiche Nahrung an den Taten der Politik findet.

Bassam (das ist der Höhepunkt seiner Missionsreise) wird von John Kerry empfangen, US-Senator und demokratischer Präsidentschafts-Kandidat. Er schleudert ihm entgegen: Sie haben meine Tochter getötet! Kerry lächelt und erwidert, er wisse genau, was Bassam meine. Dann nimmt er ein Foto der getöteten Abir entgegen und stellt es auf seinen Schreibtisch. Das Politische vermag das ihm scheinbar widerstreitende Private in sich zu integrieren, während umgekehrt das Private vor dem Politischen in Ohnmacht verharrt.

Frieden gibt es nur für alle, ob sie guten Willens sind oder nicht

Welche Aufgabe also erfüllt das Buch, mit oder wohl mehr noch gegen den Willen seines Autors? Man tut ihm kein Unrecht, wenn man antwortet: die des Alibis. In einer zum Stillstand verkeilten politischen Situation, deren gefährliche Unhaltbarkeit gleichwohl jeder spürt, bietet es Teilhabe an einem Wunschbild der Harmonie, wie nur Menschen als Menschen sie bewirken können.

Friede den Menschen guten Willens! Aber Friede ist ein Zustand, der nur dann eintritt, wenn er für alle gilt, ob guten Willens oder nicht, und sich darum niemals durch Gesinnungen allein erreichen lässt, sondern entweder durch einen Sieg oder durch Ausgleich der Interessen.

Colum McCann: Apeirogon. Roman. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt, Hamburg 2020. 603 Seiten, 25 Euro.

Die gerührte Hervorhebung des Exemplarischen soll bemänteln, wie schmal der Rücken der wenigen ist, hinter dem eine breite Mehrheit weniger zur Gefolgschaft antritt, als vielmehr ein Versteck und eine Ausrede sucht. "Apeirogon" heißt das Buch nach einer geometrischen Figur, die eine "abzählbar unendliche" Menge von Facetten aufweist, was nichts als einen verschrobenen Ausdruck bedeutet für: Jeder hat ja so recht! Und wenn man ihm bloß zuhören wollte, wäre alles halb so schlimm.

Man mag an dieser Rezension vermissen, dass sie auf die Kritik von Stil, Figurenzeichnung etc. verzichtet. Das wäre aber fehl am Platz bei einem Buch, dem man letztlich nur bescheinigen kann, dass es besser und ehrlicher unterblieben wäre. McCann sagt es nicht, aber er weiß es. Sein letztes Wort (nach einer Danksagungsliste, die sich liest wie der Abspann der "Titanic") besteht darin, dass er die Spendenadressen für den Parents Circle und einige ähnliche Organisationen angibt. Wer spenden will, darf gern die vorangegangenen 600 Seiten überspringen.

© SZ/fxs
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