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Ballett:Der Star von nebenan

Colleen Scott in München, 2011

Warmherzige Mentorin: Colleen Scotts als Ballettmeisterin am Bayerischen Staatsballett.

(Foto: Catherina Hess)

Zum Tod der Tänzerin Colleen Scott

Von Dorion Weickmann

In einem Interview hat Münchens ehemaliger Ballettchef Ivan Liška einmal erzählt, wie er und seine Frau Colleen Scott sich früher nach jeder Aufführung nachhause schleppten, um ihre Blessuren zu verarzten. Die beiden Söhne sahen die Eltern allabendlich mehr oder minder lädiert und bandagiert ins Bett fallen. Trotz aller Erschöpfung verbuchte es das Tänzerpaar - er Tscheche, sie Südafrikanerin - doch als großes Glück, dass es bei Erich Walter in Düsseldorf ins Engagement gestartet und danach zu John Neumeier nach Hamburg gewechselt war.

Denn dort reiften beide zu großartigen Charakterdarstellern - und Colleen Scott überdies zu einer ungemein gewitzten, neugierigen und klugen Ballerina. Die zierliche Tänzerin war der Star von nebenan: nahbar, vielseitig interessiert, nie auf Wirkung, stets auf Wissen bedacht.

1945 im südafrikanischen Durban geboren und zunächst dort ausgebildet, zog es die junge Colleen Scott bald nach London, an die Royal Ballet School. Der britisch verfeinerte Stil prägte ihr Tanzen auch noch, als sie auf kontinentalen Erfolgskurs ging. Zunächst am Rhein, dann an der Elbe entwickelte sie sich zu einem Blickfang auf der Bühne. Sie verlieh zahllosen Neumeier-Figuren von "Dornröschen" über "Don Quixote" bis zur "Artus-Sage" ergreifende Tiefe. Ihre Blanche Dubois in "Endstation Sehnsucht" bleibt unvergessen: ein Wesen mit entblößter Seele im Ringen um Liebe, Welt und eigenes Ich.

Zweite Karriere: Ballettmeisterin

Als Ivan Liška 1998 die künstlerische Leitung des Bayerischen Staatsballetts übernahm, begann Colleen Scotts zweite Karriere: als Ballettmeisterin, Coach und warmherzige Mentorin. Wer immer ihren Rat suchte, dem lieh sie das Ohr. Ganz maßgeblich ist ihr die Rekonstruktion der Bohner-Fassung des "Triadischen Balletts" zu verdanken. Aber darum machte sie so wenig Aufhebens wie um die Tatsache, dass sie ihr immenses Knowhow und ihre kreative Energie ohne Abstriche weitergab, zuletzt an das Bayerische Junioren Ballett. Vollkommen überraschend ist Colleen Scott am 9. Mai in München im Alter von 75 Jahren den Folgen eines Unfalls erlegen. Feinfühlige Frau, feinsinnige Künstlerin - so wird sie in Erinnerung bleiben.

© SZ/nvh
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