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"Collection Night" in Berlin:Mal dich als Torte!

Bildbeschreibung: Joyce Pensato Silver Clown II, 2013 courtesy haubrok foundation.

(Foto: Jason Mandella)

Vielleicht muss man sich langsam anfreunden? In Berlin laden private Kunstsammlungen für eine "Collection Night" in ihre Räume ein. Das ist neu - die Kunst-Metropole fremdelte lange mit Sammlern.

Weggeworfenes Spielzeug, zerrupfte Elmo-Puppen, farbbekleckerte Simpsons- und Disney-Figuren waren das Arbeitsmaterial der New Yorker Malerin Joyce Pensato. Kritiker sahen darin oft eine Art Konsum- und Unterhaltungskulturkritik, die Künstlerin selbst teilte diese Lesart jedoch nicht. Sie sah das, was sie in ihrem Atelier in Brooklyn machte, eher als liebevolle Vertiefung der flachen Charaktere. Nur bei ihr konnten sich die Niedlichen auf der Leinwand zu dunklen Dämonen im Großformat auswachsen. Als Hommage an Pensato, die Mitte Juni diesen Jahres im Alter von 78 Jahren starb, wird nun in Berlin anlässlich der ersten "Collection Night" am 23. August einen Abend lang in einem Ladenlokal in der Nähe der Volksbühne die Installation "Big ang Takeover" aus dem Jahr 2018 zu sehen sein, die ein wenig an das kreative Chaos erinnert, dass zu Lebzeiten in ihrem Atelier herrschte. Gezeigt wird die Installation vom Kunstsammlerpaar Barbara und Axel Haubrok, die gemeinsam mit elf weiteren Privatsammlungen in einer konzertierten Aktion das Publikum zum abendlichen Rundgang einladen.

Meist darf man die privaten Sammlungen nur nach Voranmeldung besichtigen

Ziel der konzertierten Veranstaltung ist es, die Kunst ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, erklären die beiden Initiatorinnen der Sammlungsnacht, Juliet Kothe und Julia Rust. Dass das öffentliche Interesse sich oft genug auf die schillernden Sammler- und Sammlerinnenpersönlichkeiten beschränkt, wissen beide aus nächster Anschauung: Kothe arbeitet als Direktorin der Stiftung des gut vernetzten Medienunternehmers Christian Boros, der in Berlin-Mitte einst einen alten Nazi-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg auf spektakuläre Weise in ein Ausstellungshaus für seine Sammlung umbauen ließ. Rust hingegen ist die Direktorin der Sammlung des Mediziners und Wella-Erben Thomas Olbricht, der sich vor ein paar Jahren ein eigenes Ausstellungshaus in der Auguststraße in Berlin-Mitte, gleich neben den Kunst-Werken (KW) errichtete. Beide Direktorinnen teilen eine Leidenschaft für die Kunstvermittlung. Das Konzept der Veranstaltungsnacht erinnert deshalb wohl nicht ganz zufällig an Formate wie die "Lange Nacht der Museen". Mit einem entscheidenden Unterschied: Anders als bei den öffentlichen Institutionen ist es oft viel schwieriger und meist nur nach persönlicher Voranmeldung möglich, Privatsammlungen zu besichtigen. In Berlin kann man aber jetzt sogar einen Blick in die Zukunft werfen. So gewährt der aus Herford stammende Unternehmer Heiner Wemhöhner anlässlich der Sammlungsnacht zum ersten Mal eine Vorschau auf seinen zukünftigen festen Ausstellungsraum in der Hauptstadt, der im Frühjahr 2021 eröffnen soll. In einem alten, bislang noch nicht renovierten Ballhaus aus dem späten 19. Jahrhundert in Kreuzberg wird die Videoarbeit und Buñuel-Hommage "Deep Gold" des Berliner Künstlers Julian Rosefeldt gezeigt.

Das wiedervereinigte Berlin galt schnell als neue Künstler- und Galerienmetropole, aber lange nicht als Sammlerstadt. Doch die geballte Anwesenheit von Künstlern und Galerien machte die Hauptstadt über die Jahre dann offensichtlich doch auch für Sammler attraktiv. Und die Übergänge sind fließend. Jochen Kienzle etwa kam einst Ende der Neunziger nach Berlin um eine Galerie zu eröffnen. Mittlerweile ist die von ihm seit rund zehn Jahren betriebene Kienzle Art Foundation in der Charlottenburger Bleibtreustraße für ihr anspruchsvolles Ausstellungs- und Publikationsprogramm berühmt. In der Szene gilt er als der entdeckungsfreudige, themeninteressierte und konzeptuell orientierte Sammler mit Spürsinn für unterbewertete und zu Unrecht übersehene Kunst.

"Ich muss eher die Ränder der Kunstgeschichte betrachten." Was eben gerade nicht heißt, sich mit unbedeutenden Positionen zu beschäftigen. Kienzle besitzt unter anderem Werke von Jack Goldstein, Anna Oppermann oder Franz Erhard Walther, Leihgaben aus seiner Sammlung tragen derzeit etwa gerade wesentlich zur Vervollständigung der Jack Whitten-Retrospektive im Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof bei, das zur Berliner Nationalgalerie gehört. In seinen eigenen Räumen stellt er hingegen gerade die beiden jungen Künstler Malte Frey und Julian Reiser aus, die in ihrer großen Malerei-Installation "Sisyphos Gluecklich" wie in einer großen spielerisch-humorvollen Versuchsanordnung den Prozess der künstlerischen Ideenfindung und den der Kunst innewohnenden Produktionsimperativen untersuchen.

Warum nicht gemeinsam ein Kunstlager mit Schauräumen anmieten?

Über den Zeitraum eines halben Jahres erteilten sich die Künstler wie bei einem Ping-Pong-Spiel gegenseitig kurze Malanweisungen, wie zum Beispiel "Male Dich selbst als Torte" oder "Male ein schlechtes Bild gut" und produzierten so insgesamt 120 kleinformatige Gemälde. Die Unterstützung von jungen Künstlern - auch das gehört zu Kienzles Sammlungsphilosophie. Mit der "Collection Night" demonstrieren die Berliner Sammler bei allen individualistischen Unterschiedlichkeiten also auch Gemeinsamkeit. Das ist vielleicht sogar ausbaufähig. Jochen Kienzle etwa wirbt für die Bündelung der Kräfte in einem "Cluster-Modell". Ihm schwebt ein von verschiedenen Sammlungen gemeinschaftlich betriebenes Kunstlager mit Ausstellungsmöglichkeiten vor. Axel Haubrok wünscht sich ein zentrales Verzeichnis, in dem man freie Ausstellungsflächen - auch temporäre - melden und recherchieren kann.

Dass Berliner Sammlungen nicht unbedingt auch in Berliner Museen landen scheint hingegen einer gewissen Gleichgültigkeit der hauptstädtischen Institutionen gegenüber der lokalen Szene geschuldet zu sein. Anfang 2018 wurde etwa bekannt, dass die in bereits seit Ende der Neunziger Jahre in Berlin-Mitte beheimatete, rund 1200 Kunstwerke umfassende Sammlung Hoffmann bedingungslos an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt wurde. Dort darf man sich zukünftig an der Kunst von Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Bruce Nauman, Sigmar Polke oder Tracey Emin erfreuen.

Die Sachsen bauten der Sammlung ein eigenes Haus. Und stellten Personal ein

Die Sammlerin Erika Hoffmann beschenkte Anfang diesen Jahres zudem auch das Museum Abteiberg in Mönchengladbach mit Werken von Isa Genzken, Mike Kelley, Gordon Matta-Clark, Steve McQueen sowie einer Gemeinschaftsarbeit von Felix Gonzalez-Torres und Christopher Wool. Nach Dresden ging zuvor auch schon das umfangreiche Archiv des Berliner Sammlers Egidio Marzona mit 1,5 Millionen Objekten zur Erforschung der Kunst der klassischen Avantgarde, obwohl Marzona zuvor auch schon Kunst an die Berliner Staatlichen Museen geschenkt hatte. Die Sachsen boten dem Sammler mit dem Schwerpunkt Konzeptkunst und Minimal Art ein eigenes Haus und Personal zur wissenschaftlichen Aufbereitung der Bestände an, das dort nun als das "Archiv der Avantgarden" weiter entwickelt wird. Aktuell darf sich das Kölner Museum Ludwig über eine Schenkung des Berliner Galeristen und Sammlers Alexander Schröder freuen, der unter anderem Arbeiten von Kai Althoff, Cosima von Bonin, Lukas Duwenhögger oder KP Brehmer an die Institution in der Rheinmetropole verschenkte.

Collection Night Berlin, 23.8., Alle Orte und Programme: www.berlincollectors.com