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Collage:Mit zersetzender Wirkung

(Foto: Courtesy the artist, Deborah Schamoni and Higher Pictures)

Wie umgehen mit den Trillionen Bildern, Videos, Zitaten, die wir konsumieren, herstellen und verbreiten? Die amerikanische Künstlerin und Aktivistin AL Steiner setzt die Schere an. Für sie sind Collagen Widerstand gegen jede Autorität.

Die Bilder laufen zart ineinander und so steigt der schwarze Rauch von den brennenden Autos auf dem Highway hoch bis zu den schweren Stiefeln der Polizisten, die sich Klima-Aktivisten entgegen stellen. Die Collage, die von der amerikanischen Künstlerin AL Steiner digital zusammen gefügt wurde, erscheint auf dieser Seite zum ersten Mal auf Papier. Eigentlich wartet sie im Computer noch auf eine Ausstellungswand; dann wird das Werk mit dem langen Titel "ExxonMobil CEO: Ending Oil Production 'Not Acceptable for Humanity'" (2019) mehr als zwei Meter hoch ausgedruckt werden.

Die meisten der Motive hat die Künstlerin selbst aufgenommen, bei Fahrten durch Kalifornien am Rand des Joshua Tree Parks oder in einem italienischen Museum. "Es sind Trillionen von Bildern, die wir konsumieren, herstellen, verbreiten", sagt AL Steiner, die seit Jahren als Multimedia-Künstlerin gehandelt wird, obwohl das womöglich zu positiv klingt, spricht aus ihrer Arbeit doch vor allem auch eine große Skepsis gegenüber Bildern. Collage sei für sie die Möglichkeit "in visueller Form Widerstand gegen Hierarchien" aufzubauen, sagt die im Jahr 1967 in Miami geborene Tochter einer Galeristin. Früh war sie nicht nur mit Meisterwerken, sondern auch mit einer Kunst vertraut, die lieber die Schere ansetzt: den zusammen geklitterten Zeitungsbildern von Hannah Höch oder John Heartfield beispielsweise. AL Steiners Tätigkeitsfeld umfasst aber inzwischen auch mit großer Selbstverständlichkeit die Gründung der Band Chicks on Speed oder - gemeinsam mit der Malerin Nicole Eisenman - des Kuratorinnenkollektivs "Ridykeulous", das Ausstellungen queerer und feministischer Kunst fördert.

Der lange Titel der hier abgebildeten Collage ist gleichfalls wie mit der Schere ausgeschnitten und angeklebt. Die Zeile überschrieb vor etwa drei Jahren einen Bericht des britischen Guardian über Rex Tillerson, den Vorstands-Chef des Ölkonzerns ExxonMobil, und sein konfrontatives Vorgehen gegen Aktivisten und sogar die eigenen Aktionäre, die beim Jahrestreffen in Dallas gefordert hatten, der Ölgigant solle mehr gegen den Klimawandel unternehmen. Tillersons Ansage ist inzwischen genauso Vergangenheit, wie seine spätere Karriere als Außenminister. Aber die Text-Bild-Kombination soll nicht Sinn stiften, sondern zersetzend wirken, ein Akt des Widerstands in einer von Fotografien, Videos, Zitaten und Behauptungen durchpulsten Welt.

© SZ vom 25.01.2020
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