Clubkultur in der Corona-Krise:"Berlin stirbt für junge Leute aus"

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Etwa hundert Jobs hängen am Berliner Club "Wilde Renate". Der von Benedikt Bogenberger gehört dazu. (Foto: privat)

Seit der Corona-Krise ist die Berliner Clubkultur auf finanzielle Hilfe vom Senat angewiesen. Wann es erstmals wieder einen normalen Clubabend geben könne, erklärt Benedikt Bogenberger, DJ und Sprecher des Berliner Clubs "Wilde Renate".

Interview von Max Müller

Kaum eine Branche wird so hart von den Corona-Folgen getroffen wie Clubs und Diskotheken. Benedikt Bogenberger, 37, ist Resident-DJ, Booker und Sprecher der "Wilden Renate", einem der bekanntesten Berliner Clubs. Im Interview erzählt er, warum er seit Corona mehr schläft, ob eine Party mit Masken und Abstand funktioniert - und wie lange die Berliner Clubs noch durchhalten können.

SZ: Der Kultursenator Klaus Lederer hat gesagt, wenn er an die Berliner Clubs denkt und die Dinge vom Ende her betrachtet, könne er nachts nur noch schwer einschlafen. Wie schlafen Sie aktuell?

Benedikt Bogenberger: Ich bin DJ, da schläft man eigentlich ziemlich wenig. Seit Corona schlafe ich viel mehr als vorher! Große Sorgen mache ich mir trotzdem.

Den Berliner Clubs geht es schon immer schlecht. Jetzt mussten Sie noch ein halbes Jahr Corona verkraften. Wie geht das?

Ein paar kleinere Clubs mussten bereits aufgeben. Die großen haben bisher durchgehalten. Das funktioniert aber auch nur, weil unsere Clubs in Berlin stehen.

Warum?

Der Berliner Senat trägt unsere laufenden Kosten. In ein paar Tagen steht die nächste Finanzierungsrunde an. Wir hoffen, dass wir weitermachen können. Wenn unser Club in München wäre, hätten wir bereits aufgeben müssen.

Wie viele Jobs hängen an der "Wilden Renate"?

100 sind das bestimmt, wenn man bedenkt, wer hier alles arbeitet: Türsteher, Barpersonal, DJ`s.

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Die Beziehung zwischen der Politik und den Berliner Clubs war immer schwierig. Jetzt ist die Szene abhängig von dem Geld des Senats. Fühlt sich das falsch an?

Das fühlt sich auf jeden Fall sehr komisch an, auch wenn unsere Beziehung immer besser war als die von anderen Clubs. Es geht einfach nicht anders, wir sind auf das Geld vom Senat angewiesen.

In vielen Lebensbereichen kommt die Normalität Stück für Stück zurück. Nur die Clubs bleiben dicht. Ist Hedonismus nicht systemrelevant?

Das ist ein Aspekt, der lange nicht beachtet wurde: Das Berlin für junge Leute stirbt aus. Feiern ist mehr als Hedonismus. Es ist eine Möglichkeit auszubrechen und sich voll auszuleben. Das geht nicht, wenn man eine Maske trägt oder den Abstand einhalten muss.

Genau das sind ja aber gerade die Bedingungen.

Das wird auch eingehalten. Zwar machen wir gerade keinen normalen Partys, sondern öffnen nur unseren Außenbereich, aber da kontrollieren die Leute sich sehr gut gegenseitig. Wir waren da vorher alle ein bisschen nervös, ob das wirklich klappen kann. Aber das hat sich alles reguliert, mehr als fünf Menschen haben nicht vor dem DJ-Pult getanzt, alle haben den Abstand eingehalten.

Bald ist der Sommer vorbei, Partys als Open-Air-Veranstaltungen gehen dann nicht mehr. Wie soll es dann weitergehen?

Das weiß keiner so genau. Wir wollen unsere Räume auf jeden Fall nutzen, wir haben zum Beispiel schon über einen Weihnachtsmarkt nachgedacht. Aber ehrlich gesagt planen wir aktuell nicht länger als zwei Wochen, alles andere würde sowieso keinen Sinn machen.

Viele Clubs öffnen ihre Räume für Veranstaltungen. In der wilden Renate ist gerade "Overmorrow" zu sehen, eine Ausstellung, wie die Welt nach Corona aussehen könnte. Sind diese Einnahmen wichtig?

Sie halten uns auf jeden Fall nicht am Leben. Wir machen das, um Künstlern eine Bühne zu geben und so können sie wenigstens ein paar Euro verdienen. Um es klar zu sagen: Alles, was kein normaler Clubabend ist, ist für uns kein finanzieller Faktor. Und einen normalen Clubabend in unserem Indoor-Bereich wird es frühestens in einem Jahr geben, wenn überhaupt. Oder erst, wenn es einen Impfstoff gibt.

Können Sie so lange durchhalten?

Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Vielleicht ist es gut, dass wir nicht so denken. Die Ausstellung haben wir ja auch nicht gemacht, um Geld zu verdienen. Wir wollten endlich mal wieder so etwas wie Leben im Club spüren.

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