"Cloudy Mountain" im Kino:Pathos am wütenden Berg

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"Cloudy Mountain" im Kino: Gehetzt von Naturgewalten: Chinesische Rettungskräfte in "Cloudy Mountain".

Gehetzt von Naturgewalten: Chinesische Rettungskräfte in "Cloudy Mountain".

(Foto: Plaion Pictures)

Wenn die Lockdown-gequälten Chinesen Drama und haarsträubende Action wollen, schauen sie Filme wie "Cloudy Mountain". Hollywood sieht im Vergleich blass aus.

Von Doris Kuhn

Ja, es gibt anfangs Momente der Ruhe. Einen Flug über ein schroffes Gebirgsmassiv, eine Autofahrt über eine Brücke, die so hoch ist, als würde sie bei den Göttern enden. Stattdessen führt sie in einen Tunnel, zehn Jahre lang von Menschen gebaut, um die staatliche Schnelltrasse für Züge zu komplettieren. Das Werk steht vor der Vollendung, es fehlt nur noch ein Kilometer zum Durchbruch. Damit ist das Thema etabliert: Ingenieurskunst in menschenfeindlicher Umgebung.

Leider macht der Berg gerade Sperenzchen, die Erde bebt, Wasser bricht durch eine Felswand und flutet den Tunnel, sodass die Arbeiter tauchen müssen, um einen Abfluss freizusprengen. Im anschließenden Geschrei erscheint der Titel im Bild, es ist Minute vier des chinesischen Katastrophenfilms "Cloudy Mountain".

In dem Tempo wird es weitergehen. Zackig lernt man die Hauptfiguren kennen, jede mit Konfliktpotenzial: Frau Ding, die Bauleiterin, die sich gegenüber Partei und Arbeitern gleichzeitig rechtfertigen muss. Den jungen Ingenieur Yizhou und dessen Geologenfreundin Xiaojin, die beide das Verhalten des Berges vorhersagen sollen. Den Vater von Yizhou, zu Besuch angereist, Ingenieur auch er, ein "Eisenbahnpionier" aus früheren Zeiten.

Der Eisenbahnpionier und sein Sohn sind sich nicht sonderlich zugetan. Der altmodische Vater hält nichts von neuer Technologie, es kommt zwischen ihm und Yizhou zu Kompetenzgerangel, im Grunde geht es immer um die Frage, wer von beiden mutig genug ist, um Verantwortung zu übernehmen. Die Antwort darauf ist allerdings Aufgabe des ganzen Films, der mit ordentlich Kitsch zeigen wird, dass eigentlich jeder das kann, auf dieser Baustelle: Solidarität erwacht in der Gefahr, ohne Rücksicht auf den Druck von Projektleitung oder Finanziers.

Aber meistens passiert zu viel für solche Betrachtungen, der Berg wird immer wütender. Tief reißt der Boden auf, etliche Gipfel wackeln, Steinschlag, Erdrutsch, neue Überflutungen, es trifft auch die unvorbereitete Bevölkerung in der Umgebung, denn es gibt hier immerhin eine farbenfrohe Stadt samt Arbeitersiedlung. All das wird von Vernichtung bedroht, sofern die Helden keinen Ausweg finden.

Hollywood versteckt Patriotismus hinter Witzeleien - die Chinesen eher nicht

Diese Helden wiederum treibt der Film auseinander, damit er die einzelne heroische Tat besser würdigen kann. Der Vater taucht mit hilflosen Zivilisten durch unterirdische Höhlen, der Sohn klettert kopfunter ohne Seil über senkrechte Felswände, seine Freundin kümmert sich um versprengte Kinder, und Frau Ding stärkt die Moral.

Die Mechanik des Actionthrillers wird trotzdem eingehalten. Die verschiedenen Ebenen spielen zusammen, gerade weil jede für sich allein bewunderungswürdig übersteigert ist. Falls man dabei die Glaubwürdigkeit wirklich thematisieren will, kann man gern den Vergleich mit Hollywood heranziehen.

Wenn ein US-Actionheld, etwa John Wick, womöglich nur mit einer schlechten Frisur und einer Hundeleine bewaffnet, massenhaft Gegner außer Gefecht setzen kann, warum sollte dann ein chinesischer Actionheld nicht Freeclimbing oder Apnoetauchen können? Da liegen die Chinesen vorn, selbst wenn sie ihr Handeln stetig mit Patriotismus begleiten. Was, übrigens, im US-Kino genauso vorkommt, nur besser hinter Witzelei versteckt.

Jun Lee, der Regisseur von "Cloudy Mountain", setzt bei aller Turbulenz auch auf großes Melodram. Tief im Berg inszeniert er Liebe, Verzweiflung und Tragik im Licht starker Taschenlampen. Zwar rutscht das Pathos gegen Ende oft ins Komische ab, andererseits ist das natürlich eine Frage der Wahrnehmung. Wenn Frauen entschlossen ihre Karriere ignorieren, wenn Männer nach zehn Jahren Schuften ihr Lebenswerk opfern, wenn alle dabei erst weinen und dann singen, dann könnte man, statt zu spotten, genauso gut mitsingen - weil man weiß, man sieht gerade pures, fremdes Unterhaltungskino.

Feng Bao, China 2021. Regie: Jun Lee. Mit Zhu Yilong, Huang Zhizhong, Jiao Junyan. Plaion Pictures, 116 Minuten. Kinostart: 01. 12. 2022.

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