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"Cloud Atlas" im Kino:Eindruck der Gleichzeitigkeit

Und die Besetzung ist dann ein ziemlich genialer Coup. Nicht, weil Tom Hanks und Halle Berry und Hugh Grant mitspielen, sondern weil sie es - diverse Figuren verkörpernd - in den verschiedenen Zeitebenen tun: Tom Hanks ist ein verbrecherischer Arzt 1849, ein Ziegenhirte in der Zukunft, ein Wissenschaftler, ein Gangster. Auch Berry und Broadbent, Ben Wishaw, Susan Sarandon und Hugh Grant transformieren sich immer wieder, über die Zeit und sogar über ihre Hautfarben hinweg. Die Menschen sind keine Inseln in dieser Geschichte, sondern Teile eines nicht enden wollenden Stroms aus Ideen und Gefühlen, aus Verfehlung und Erkenntnis, aus Genen und Gedanken.

Dass der Schnitt, das Verweben kleiner Episodenschnipsel, dann den Eindruck der Gleichzeitigkeit erweckt, ist eine wunderbare Lösung: Die Geschichte kennt keinen wirklichen Fortschritt in "Cloud Atlas", schon bei Mitchell nicht, sie ist ein sich ewig wiederholender Kampf um Freiheit.

Die Zivilisation bäumt sich auf zu einem hochtechnologisierten, gefühlskalten Superkapitalismus und fällt dann zurück ins Stadium der Jäger und Sammler. Die Menschen sind wieder Buschmänner, die ein fürchterliches Kauderwelsch sprechen und von Neuem herausfinden müssen, dass man seine Nachbarn nicht mit einer Keule erschlagen sollte. Der Höhepunkt menschlicher Zivilisation ist für Mitchell jener, in dem sich ein freier, reicher Mann gegen die Versklavung seiner Mitmenschen auflehnt - 1849.

Das ist ein großartiger Stoff für ein großes Filmepos - und das ist "Cloud Atlas" auch geworden. Aber dieses Epos widersetzt sich dann doch übersichtlichen Erklärungsversuchen. Die Seelenwanderungstheorie, die die Filmemacher propagieren, geht jedenfalls zeitlich nicht auf, es sei denn, dass ihren Figuren die Seelen bisweilen bei lebendigem Leib abhandenkommen - wandelt der vorherige Eigentümer seelenlos auf Erden, oder kriegt die nächste Figur, die dieser Schauspieler übernommen hat, erst mit zwanzig eine Seele?

Es ist aber auch gar nicht nötig, dem Zusammenhang zwischen den Figuren auf den Grund zu gehen. Es geht ums Menschsein, und wenn es eine Seele gibt, etwas Metaphysisches, Unzerstörbares, was uns ausmacht - dann wird es den Code, mit dem man das entschlüsselt, nie geben.

Wir hoffen noch, wo es nichts zu hoffen gibt

Letztlich sind das vielleicht keine bahnbrechenden Erkenntnisse: Dass wir uns selbst zugrunde richten und dass wir noch hoffen, wo es nichts zu hoffen gibt. Und jene wunderschöne These, dass jeder Mensch dann doch für sich zählt, denn "was ist der Ozean, wenn nicht ein Meer von Tropfen?"

Mitchell wollte kein Enigma schaffen, dass wir auseinandernehmen sollen, bis wir den Code entschlüsselt haben. Der Mann unserer Gegenwart in seinem Roman ist der Verleger Cavendish, und der sagt einmal: Examensarbeiten über Postmoderne und Chaostheorie gehören in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts.

Cloud Atlas, D 2012 - Regie und Buch: Lana Wachowski, Tom Tykwer, Andy Wachowski. Basierend auf dem Roman von David Mitchell. Kamera: Frank Griebe, John Toll. Mit: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Ben Wishaw, Susan Sarandon, Hugh Grant. Warner/ X Verleih, 172 Min.