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Claus Peymann wird 80:"Er nennt es Leidenschaft"

Claus Peymann wird 80

Claus Peymann wird 80

(Foto: dpa)

Claus Peymann wird 80 Jahre alt. Freunde, Kollegen, Weggefährten gratulieren dem Ausnahmeregisseur.

Claus Peymann geht an niemandem spurlos vorüber. Seine Inszenierungen, seine Skandale, seine Ausfälle haben Theatergeschichte geschrieben. Zum 80. Geburtstag erinnern sich Kollegen und Zeitgenossen an den Regisseur.

Im Sommer trug er dicken Pulli und Wollschal, im Winter dafür nur das bloße Hemd - das war c-pey aus der Klasse 12 s/a des Bremer Hermann-Böse-Gymnasiums. Wir gehörten in den Fünfzigerjahren zur selben Clique und arbeiteten bei der Schülerzeitung Elefant, Peymann schrieb unter dem Namen c-pey. Er fiel mit beißenden Sprüchen auf. Einmal spazierten wir mit Händen in den Hosentaschen über den Pausenflur, die Aufsicht raunzte: "Daumen raus!" c-pey darauf: "Herr Dr. Ringewitz, ich schreibe einen Roman über die Schule, und Sie kommen darin vor!" Im Sommer 1956 sind wir nach Holland getrampt, um uns Rembrandts "Nachtwache" anzusehen. Auf dem Rückweg hatten wir keinen Pfennig mehr und schliefen im Freien. Am nächsten Morgen nahm uns hinter Arnheim ein alter VW Käfer mit. Ich schlief sofort ein, c-pey quatschte ununterbrochen mit dem Fahrer. Als wir in Düsseldorf abgeladen wurden, sagte Peymann: "Meensch, Harald, das war Heinrich Böll."

Harald Weinacht wurde Pastor in Bremen und hat Peymann nie mehr getroffen.

Tagsüber saßen wir zusammen im Oberseminar "Faust II", nachts versuchten wir, die Wächter zu bestechen, damit wir im Auditorium Maximum proben konnten. Zehn Jahre studierten wir immer weniger und spielten immer mehr Theater. Wir nannten uns "studiobühne an der universität hamburg", Kleinschreibung war uns wichtig. Einmal kaufte Peymann nach einer durchfeierten Nacht auf dem Fischmarkt ein lebendes Huhn und verkündete, sich mit ihm die Wohnung zu teilen. Nach einer Woche brachte er es heimlich zurück, es pickte dauernd seine Bibliothek an. Er hatte die feste Absicht, irgendwann das Hamburger Schauspielhaus zu übernehmen. Wir haben gelacht, er zwirbelte an seinem Schnurrbart und sagte: "Ihr werdet das alle noch erleben."

Horst-Dieter Ebert gehörte zu Peymanns Studiobühne, einer der besten des Landes. Später wurde er unter anderem Kulturredakteur des "Spiegel".

Ilse Ensslin hat niemals an Peymann geschrieben, um Geld für eine Zahnbehandlung ihrer Tochter Gudrun zu sammeln. Im Brief von Ilse Ensslin an Peymann ging es ausschließlich um die Zahnbehandlung von Jan Carl Raspe, der in Westdeutschland keine Angehörigen hatte. Die Zahnbehandlung von Jan Carl Raspe hat Dr. Maurer, der Zahnarzt der Familie Ensslin, übernommen. Die Quittung dafür war, dass Dr. Maurer auf seinem Tennisplatz nicht mehr spielen durfte.

Christiane Ensslin, Schwester von Gudrun Ensslin. Peymann hatte 1977 als Intendant des Stuttgarter Theaters einen Brief der Mutter der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin ausgehängt. Er spendete 100 Mark, wurde als Sympathisant beschimpft. Viele forderten seine Entlassung. Peymann blieb.

Claus Peymann "Er erscheint mir immer noch im Schlaf"
SZ-Magazin
Mit Claus Peymann an Thomas Bernhards Grab

"Er erscheint mir immer noch im Schlaf"

In vielen Stücken Thomas Bernhards taucht der Theatermann Claus Peymann auf. Die beiden verbindet eine besondere Beziehung - auch über Bernhards Tod hinaus.

1986, bevor Peymann ans Wiener Burgtheater ging, fragte er Autoren, deren Werke unter seiner Intendanz in Bochum uraufgeführt wurden, ob sie ihm zum Abschied etwas schreiben würden. Thomas Bernhard war der Erste, der etwas schickte. Ich machte den Umschlag auf, las, dass im ersten Akt ständig Peymann und ich vorkamen. Ich war nicht glücklich über dieses "Fräulein Schneider", Peymann fand sich und das Stück großartig. Am letzten Tag seiner Intendanz wurde ab elf Uhr auf allen Bühnen gespielt, zum Schluss Bernhards Dramolett "Claus Peymann verläßt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien", Peymann inszenierte natürlich selbst. Er wurde von Martin Schwab, ich von Kirsten Dene gespielt. Kurz vor der Premiere schickte mich Peymann nach Hause, ich sollte genau die Kleider anziehen, die Kirsten Dene trug (wie immer Jeans, Hemd, Pullover), er hatte natürlich schon sein weißes Sakko und eine seiner schwarzen Leinenhosen an, genauso sah Martin Schwabs Bühnenkostüm aus. Am Ende, als das Licht ausging, zog Peymann mich erbarmungslos auf die dunkle Bühne. Das Licht ging an, und da standen die beiden Originale. Jubel brach los. Kirsten und Martin kamen dazu. Der Zuschauerraum tobte. Es war ein großer Moment der Zugehörigkeit. Ich verstand plötzlich, warum man sich dem Theater mit einer Ausschließlichkeit, Radikalität und Hingabe verschreibt. Peymann verlangt das bis heute von seinen Mitarbeitern, entzieht man sich dem, kann er unangenehm und ungerecht werden, verlässt man ihn, wird man verflucht. Er nennt es Leidenschaft.

Christiane Schneider, Leiterin des Suhrkamp Theater Verlages, war 18 Jahre lang enge Mitarbeiterin Claus Peymanns.