Süddeutsche Zeitung

Claudio Magris: "Gekrümmte Zeit in Krems":Späte Leichtigkeit des Seins

Lesezeit: 3 min

Einer, der auf die Zumutungen des Alters nicht mit Geschwätzigkeit reagiert: Claudio Magris' Erzählungsband "Gekrümmte Zeit in Krems" ist ein schmales Spätwerk von ungeheurer Weite.

Von Kristina Maidt-Zinke

Hier ist der deutsche Titel ausnahmsweise mal ein Glücksfall. "Gekrümmte Zeit in Krems" wurde schlicht aus dem Italienischen übersetzt und wirkt doch viel kraftvoller als das Original, "Tempo curvo a Krems": Durch Alliteration und Konsonanz scheinen der Name des Donaustädchens und der Begriff aus der Relativitätstheorie wie füreinander geschaffen. Mitteleuropa, das große Thema des Triestiners Claudio Magris, trifft die Raumzeitkrümmung, jene Entdeckung Einsteins, die bei aller Kompliziertheit umso interessanter wird, je mehr das Ende des eigenen Lebens ins Blickfeld rückt. Vermag sie doch die abenteuerliche Fantasie zu nähren, dass wir womöglich nicht unentrinnbar an die lineare Zeitachse gekettet sind, dass Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung nur in unserer begrenzten Sicht der Dinge gnadenlos aufeinanderfolgen, kurzum: dass die Gesetze des Universums uns mehr Spielraum lassen könnten, als wir uns vorzustellen wagen.

Um dieses Thema kreist die Titelgeschichte in Magris' Erzählungsband, bei dem schon das schmale Format wie ein Statement anmutet: Der 1939 geborene Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gehört nicht zu jenen, die im Alter immer mitteilsamer werden. Als Melancholiker reagiert er auf die Zumutungen der letzten Lebensphase mit Wortkargheit und Verknappung, führt geradezu ostentativ vor, dass das Interesse an ausgreifenden Fiktionen dem Streben nach Vervollkommnung der gedanklichen und sprachlichen Contenance gewichen ist. Und dass, wer dem Erzähler Magris begegnen will, auch in der kurzen Form den Essayisten mit in Kauf nehmen muss, weil keine Zeit mehr darauf verschwendet werden kann, die beiden voneinander zu trennen.

Mit zunehmender Dringlichkeit beschäftigt ihn der schrittweise, möglichst würdevolle Rückzug

Die Protagonisten der fünf Geschichten sind alte Männer, Italiener mit bürgerlichen oder intellektuellen Biografien, geprägt durch die Verwerfungen des frühen 20. Jahrhunderts, durch Kriege, Rassenverfolgung, Flucht und Migration. Vier von ihnen leben in Triest, der fünfte hat im Piemont sein letztes Domizil gefunden. Sie sind keine Altersgenossen von Magris, denn ihre Jugend fand zum Teil noch in der Habsburgerzeit statt. Es ist, als habe der Autor sie vorausgeschickt, um sie erkunden zu lassen, was ihn selbst mit zunehmender Dringlichkeit beschäftigt: der schrittweise, möglichst würdevolle Rückzug, der auf die "große Verabschiedung von der Wirklichkeit" hinausläuft.

Die Erzählungen verdichten dieses Lebensgefühl in Momentaufnahmen, in Szenen, die den Hauptfiguren einen Anlass zur Retrospektive geben, ihnen vor Augen führen, was ihnen widerfahren ist, was sie erreicht oder versäumt, erlitten oder zu spät erkannt haben. So unterschiedlich wie die Bilanzen ist das Ausmaß an Kraft, die das Individuum jeweils aufwenden muss, um sich von Vergangenem zu lösen.

Ein Industrieller gönnt sich nach dem Verkauf seiner Firmen das Vergnügen, in einer seiner Immobilien inkognito als Portier zu arbeiten

Am besten gelingt das dem reichen, einst aus Mähren eingewanderten Industriellen, der sich nach dem Verkauf seiner Firmen das Vergnügen gönnt, in einer seiner Immobilien inkognito als Portier zu arbeiten. Er, der ehemalige Despot und Stratege, muss nun keine Befehle mehr erteilen und fühlt sich plötzlich frei, "nur noch neugierig und nicht mehr von den Dingen bedrängt". In der stillen Portiersloge eines Gebäudes aus den Vierzigerjahren entzieht er sich auch den Ansprüchen seiner Familie, genießt die unverbindlichen Begegnungen mit den Hausbewohnern oder dem Briefträger und verrichtet kleine Handwerksarbeiten. "Nun war die Welt", heißt es, "ein Hund, der ihn nicht mehr beißen konnte, sondern mit ihm herumtobte und spielte." Und Claudio Magris schildert diese späte Leichtigkeit des Seins vor dem Hintergrund der alten Stadt am Meer so anziehend, dass man etwas wie Sehnsucht nach einem solchen Lebensabend zu spüren glaubt.

Schwieriger ist die Situation des greisen jüdischen Schriftstellers, der im piemontesischen Lu Ferrato in einer ärmlichen Pension lebt und bei Literaturpreis-Events als Ehrengast und "genius loci" auftreten darf. Oder die des pensionierten Musiklehrers, der vor dem Zweiten Weltkrieg als Sohn polnischer Juden nach Triest gekommen und später, nach einer Odyssee über Palästina und Amerika, dorthin zurückgekehrt war: Die Wiederbegegnung mit seinem Geigenschüler, einem zu Virtuosenruhm gelangten Spross der reichen Triestiner Gesellschaft, der eine "Hommage an die jüdische Tragödie" komponiert hat, weckt peinvolle Erinnerungen. Ein Literaturwissenschaftler, Überlebender des Ersten Weltkriegs, wird bei den Dreharbeiten für die Verfilmung eines Romans, den sein Jugendfreund schrieb, mit schmerzlichen Reminiszenzen konfrontiert. Und der Kafka-Experte, dem auf einer Konferenz in Krems zugetragen wird, dass die von fern angebetete Geliebte seiner Schülerjahre eine reale Beziehung zu ihm gehabt haben soll, gerät durch Spekulationen über gekrümmte Zeit, Simultaneität und ewige Wiederkehr in "große Verwirrung".

Die Geschichten sind kurz, aber ihre Atmosphären und ihre subtile Ironie offenbaren sich immer stärker bei mehrmaligem Lesen, sodass man mit diesem Büchlein mehr Zeit verbringen könnte als mit manch einem Roman. Auch der Übersetzung hätte an manchen Stellen etwas mehr Zeit gutgetan. Doch wer noch nicht im Rückzug aus der Welt begriffen ist, erlebt Zeit vornehmlich als Beschleunigung, der man sich zu unterwerfen hat. Zur Relativitätstheorie gehört auch die Beobachtung, dass eine Uhr am Rand einer stark rotierenden Scheibe langsamer geht als eine, die sich nahe dem Zentrum befindet. Das lässt sich auf Magris' Figuren übertragen: Erst ganz am Rand, kurz vor dem Hinausgeschleudertwerden, stellt sich die Ruhe zur Reflexion ein. Diese eigenartige Spannung trägt das kleine Spätwerk, das überraschend weite Räume eröffnet.

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