Claudio Magris: "Blindlings":Zermahlenes Leben

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Und ist das Ich einmal zerborsten wie hier, so kann es mehrere Biographien in sich aufnehmen. Der klinische Begriff dafür mag Schizophrenie sein. Der literarische Sinn ist: eine Form des Erzählens zu finden, die dem von der Geschichte zersplitterten Ich die Illusion seiner Einheit erspart. Und dem Leser die Illusion, mit diesem Ich auf die Irrtümer der Vergangenheit von oben herabblicken zu können.

Claudio Magris

Claudio Magris.

(Foto: Foto: afp)

Die rote Fahne färbt sich in den Erzählungen Salvatore Cippicos mit dem Blut derjenigen, die sie schwenken. Im Spanischen Bürgerkrieg wie auf Goli Otok oder in den Lagern des Gulag sind es die Genossen selbst, die einander als Abweichler, Verräter, Spione verfolgen und vernichten. Über seinen Freund Ivo sagt Salvatore Cippico: "Ivo ist in Dachau umgekommen. Wenigstens hatte er das Glück, von der SS gefoltert und massakriert zu werden und nicht von den eigenen Genossen."

Seine Herkunft aus Tasmanien eröffnet Salvatore Cippico einen Echo- und Fluchtraum, der es ihm erlaubt, aus den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts in die noch junge Welt der europäischen Moderne, in die Napoleonische Ära zu emigrieren. Bei den Antipoden ist er auf die Lebensgeschichte des Dänen Jorgen Jorgenson gestoßen, der von 1780 bis 1741 lebte, für kurze Zeit 1809 eine Art republikanischer König von Island war, ehe er von den Engländern als Sträfling nach Port Arthur, Tasmanien geschickt wurde.

Dem Meer verpflichtet

Jorgen Jorgenson ist eine historische Figur, so wie die Lager von Goli Otok historische Realität waren. Die Identifikation Salvatore Cippicos mit dieser Gestalt der Verschränkung von Abenteuer, Revolution, Seefahrt und Sträflingsdasein treibt nicht nur das monologisierende Ich aus seinem Goli Otok-Trauma heraus.

Sie erlaubt zugleich dem Autor, Claudio Magris, die Zeitgeschichte zu verlassen und sich in jene Welt zu vertiefen, die seit je der Fluchtpunkt seines Erzählens ist: das Meer. Denn Claudio Magris blickt zwar, wie in dem Buch "Donau" (1988), von Triest aus auf das historische habsburgische Hinterland. Aber sein Mitteleuropa ist auf die Küste ausgerichtet, es ist mediterran und maritim orientiert. Gern zitiert er die mythische Geographie, derzufolge die Donau mit einem Arm womöglich in die Adria mündet.

Eine der Quellen dieser mythischen Geographie ist die Argonautensage. Sie ist, in der Verschränkung von Goldenem Vlies und roter Fahne, die älteste Hintergrunderzählung im Redestrom des Salvatore Cippico. Alle Metaphern des Scheiterns, alle Bilder für die Irrfahrten der Kommunisten, alle Bilder, in denen sich der Untergang der Liebe in der Politik spiegelt, sind in diesem Buch der mythischen Verbindung des epischen Erzählens mit dem Meer verpflichtet: die Stürme und die Schiffbrüche, die Hafenkneipen und die Seemannskapellen, die herrischen Kapitäne und die weiblichen Galionsfiguren, die als erste den herannahenden Schrecken erblicken.

Wie Salvatore Cippico aber von der Revolution hat sich Claudio Magris von seiner Leidenschaft für die Literatur des Meeres verführen lassen. Weil er keinen Faden Seemannsgarn aus der Hand legen mag, der in seine private Universalbibliothek eingesponnen ist, verliert er nicht nur den Zeitroman aus den Augen, sondern auch den roten Faden, an dem der Leser sich im Wellengang des Monologs orientiert. Etwas schmaler wäre dieser Abgesang auf das zwanzigste Jahrhundert noch reicher.

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