bedeckt München 25°

Claudia Durastantis Roman "Die Fremde":Nicht nur eine Heimat

Letterature International Festival in Rome 2019 - June 13th, 2019

Die Autorin Claudia Durastanti, 1984 in Brooklyn geboren.

(Foto: Getty Images/Mondadori Portfolio)

Claudia Durastanti erzählt in ihrem autofiktionalen Roman "Die Fremde" vom Aufwachsen als Kind gehörloser Eltern und vom Weg durch die Sprache ins Leben.

Von Francesca Polistina, München

Die Geschichte beginnt und endet am gleichen Ort, dem Ponte Sisto. Einer Brücke in Rom, die über den Tiber geht und die historische Altstadt mit dem Stadtteil Trastevere verbindet, eine der Brücken, die man laut Reiseführer gesehen haben muss. In diesem Roman ist sie aber nicht das Motiv einer pastellfarbenen Postkarte, sondern "eine gute Stelle zum Springen".

Auf der Brücke haben sich die Eltern der Autorin Claudia Durastanti zum ersten Mal getroffen, als er runterspringen und sie ihn retten wollte - zumindest will es die Legende so. Womöglich sind sie sich auch nicht auf der Brücke begegnet, sondern zwei Kilometer entfernt am Bahnhof Trastevere. Aber das sind Details, oder besser, verschiedene Versionen einer Familienmythologie. Jedenfalls ist der Ponte Sisto der erste einer Reihe von Orten, an denen die Familiengeschichte spielt, die Durastanti jetzt in ihrem autobiografischen Roman "Die Fremde" erzählt. "Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topographischen Karten als einem Roman", schreibt sie. Das stimmt umso mehr, wenn sie, wie in diesem Fall, von Migration handelt. Wenn jemand auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ist, sollte man jedenfalls da anfangen, wo alles begann.

Claudia Durastanti ist 1984 in Brooklyn geboren, ihre italienischen Eltern waren in den Sechzigerjahren eingewandert. Als sie noch ein kleines Mädchen war, trennten sie sich, und die Tochter zog mit ihrer Mutter zurück nach Italien, in ein abgelegenes Dorf in der süditalienischen Basilikata, jener Region, die zwischen Kampanien, Kalabrien und Apulien eingezwängt ist. "Ich kam aus dem Asphalt, und in diesem Ort gab es nur Steine", schreibt sie in "Die Fremde".

Sprache ist ein Gut, für das sie hart kämpfen muss

Ihre Reise geht rückwärts und gegen den Strom: Von der Zukunft der amerikanischen Metropole in die Vergangenheit eines archaischen Dorfes, wo die Sonne die Erde trocken brennt und Schinken, Knoblauch und getrocknete Peperoni an Haken von der Decke hängen, ganz nach der Tradition. In diesem Ort beweist der Dialekt die Zugehörigkeit, die Sechsjährige aber spricht keinen Dialekt, sondern nur die "kaputte Sprache" der Italoamerikaner in New York, die "Bruklì" sagen statt Brooklyn und "aranò" statt "I don't know". Ihre andere eigenartige Muttersprache ist die ihrer Eltern, die beide gehörlos sind, ihren Kindern aber nie die Gebärdensprache beigebracht haben, sondern in einer aus Gesten und immer wiederholten einzelnen Worten bestehenden Lingua franca kommunizieren. Italienisch lernt das Mädchen auf der Straße und vor allem aus Büchern, nicht systematisch, sondern wild liest sie alles von Micky Maus bis zu Jack Kerouac und F. Scott Fitzgerald. Jahre später wird ihre Leidenschaft für die Bücher zum Beruf.

"Die Fremde" ist der vierte und bisher erfolgreichste Roman von Claudia Durastanti. In Italien wurde "La straniera" - was auch "Die Ausländerin" bedeutet - gefeiert und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Die 1984 geborene Schriftstellerin, die selbst aus dem Englischen übersetzt, gilt spätestens seit ihrer Nominierung für den Premio Strega, Italiens wichtigsten Literaturpreis, als eine der innovativsten Stimmen der italienischen Literatur. Durastantis Romane spielen am Rande der Gesellschaft, sie erzählt von Marginalisierung und wie frustrierend es ist, immer gegen das Scheitern ankämpfen zu müssen. Sie experimentiert mit Sprache, verwendet Elemente der mündlichen Kommunikation und bedient sich an den Jargons der Pop- und Underground-Kultur. "Jedes einzelne meiner Privilegien habe ich dank der Sprache erworben und verloren", schreibt sie in "Die Fremde". Sprache dient Durastanti nicht nur der Verständigung, sie ist ihr ein wertvolles Gut, für das sie hart kämpfen musste, wie darum, sich zugehörig fühlen zu können. Die interessantesten Passagen in "Die Fremde", sind die, in denen die Autorin über Sprache nachdenkt.

Die Erzählerin verliert die Distanz und wird zur Protagonistin

Bis vor einigen Jahren hätte man dieses Buch in die Kategorie Memoiren eingeordnet, heute spricht man von Autofiktion - und meint damit eine Fiktion, die nicht erfunden ist, sondern die etwas wirklich Erlebtes literarisch nachkonstruiert. "Die Fremde" ist ein autobiografischer Text, der sich wie ein Roman liest - auch weil die Geschichte der Familie, von der er handelt, dramatisches Potenzial hat. Von den Großeltern und den Eltern werden nicht trockene historische Umstände erzählt, wie es manchmal in Autobiografien passiert, sondern sie entwickeln sich im Laufe des Textes zu großen Romanfiguren.

Die wichtigste ist die Mutter, die als Kind durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör verloren hat: ein melancholischer und zugleich unabhängiger Mensch. Sie wächst in einem von Nonnen geführten Internat auf, nachdem die Familie in die USA eingewandert ist und fängt früh an zu rebellieren. Als junge Frau ist sie verschlossen und rabiat, verbringt die Tage mit Nichtstun, liegt rauchend auf dem Bett und starrt an die Decke. Auch als Erwachsene lernt sie nie, mit Geld umzugehen, und wenn sie es schafft, ihre Alkoholprobleme zu überwinden und etwas zu leisten, dann verwandelt sich ihre Zufriedenheit schnell wieder in das Gefühl, sowieso von der Welt besiegt zu werden. Und dennoch geht sie ihren Weg.

Durastanti gibt Einzelheiten und Ereignisse nicht genau wieder, was zählt in ihrem Roman, sind die Erinnerungen und die Assoziationen, die sie auslösen. An vielen Stellen verliert die Erzählerin ihre auktoriale Distanz und wird zur Protagonistin pikaresker Episoden, um dann wieder nüchtern über soziale Schichten und das Brexit-Referendum zu reflektieren. Das passiert nicht ohne Reibung, aber genau das scheint Durastanti anzustreben: Sie springt von einem Gedanken zum nächsten, von der Poesie zur Prosa, von einer Überhöhung zu einer nüchternen Passage, als ob es unmöglich wäre, ihre Lebensgeschichte linear zu erzählen.

Claudia Durastanti: Die Fremde. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Zsolnay, Wien 2021. 304 Seiten, 24 Euro.

Es gibt in diesem Buch unzählige Themen, die den Roman dicht werden lassen, an manchen Stellen sogar so sehr, dass man seine Gegenstände nicht in aller Tiefe erfassen kann: Die Behinderung der Eltern, ihre Liebe und ihre Rebellion gegen das dominante Opfernarrativ. Die Immobilität des Alltags in der Basilikata und ein New York jenseits der Wolkenkratzer ("Die größte Attraktion unseres Viertels war die Autowaschanlage mit den riesigen Bürsten"). Die Migration, die Armut. Das bekannte Motiv der Bücher als Rettungsanker, schließlich das Leben im heutigen London, wohin die Erzählerin im Alter von 27 Jahren geht, um ihre Stimme als Schriftstellerin zu finden.

Das zentrale Gefühl in diesem Leben ist das Gefühl, fremd zu sein. Weil man die Sprache nicht beherrscht, weil man den Nagellack in Magenta trägt, während alle anderen eintönig herumlaufen, weil man Angst hat, jemand könnte die eigene Dickens-Kindheit erahnen: "Ich fürchtete, jemand könnte mich als das erkennen, was ich war: eine, die sich eingeschlichen hatte." Dieses Fremdsein ist nicht nur negativ konnotiert. Es bedeutet, wie Claudia Durastanti in einem Interview erklärt hat, auch die Freiheit, zwischen verschiedenen Heimaten wählen zu können.

Fremdsein ist außerdem das Gefühl, das Mutter und Tochter verbindet. Als Teenager ist Claudia Durastantis Erzählerin ein einsames Mädchen, die Lebensbedingungen ihrer Familie, ihre seltsame Mutter sind ihr peinlich. Erst mit der Zeit versöhnt sie sich. Wenn sie nun mit ihr unterwegs ist, gestikuliert sie jetzt und hebt die Labiallaute absichtlich hervor: "Ich möchte von den Passanten gesehen werden, es soll offensichtlich sein, dass ich mich nicht mehr für meine Mutter schäme, obwohl sie das jetzt nicht mehr interessiert." Das Verständnis der Tochter kommt zu spät.

© SZ/masc
Zur SZ-Startseite

SZ PlusGorman-Übersetzerin im Identitätsfokus
:Ausgrenzung allein garantiert noch keine schönen, starken Reime

Wer darf das Gedicht "The Hill We Climb" der schwarzen Poetin Amanda Gorman übersetzen? Warum diese Frage der Kunst schadet .

Von Catrin Lorch

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB