Comics:Von Peking aus gesehen

Cixin Liu - Wandernde Erde

Schon als Kind ist die spätere Wissenschaftlerin Yuanyuan von Seifenblasen fasziniert: Ausschnitt aus "Yuanyuans Blasen".

(Foto: Splitter Verlag)

Er hat die Science-Fiction in China erneuert, nun erscheinen die Cixin Lius Geschichten als Comics. Wie viel Propaganda steckt darin?

Von Nicolas Freund

In der Science-Fiction ist die Gegenwart schon so, wie man sich in Peking die Zukunft erhofft, nämlich sehr chinesisch. Das liegt vor allem an dem Autor Cixin Liu, der mit seiner "Trisolaris"-Romantrilogie über den Erstkontakt der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation einen solchen internationalen Erfolg landete, dass sogar Barack Obama die Bücher in seine berühmte Leseliste aufnahm und ihre Verfilmung bei Netflix von niemand Geringeren als den "Game-of-Thrones"-Machern verantwortet wird. Der Hype um die Romane ist ausnahmsweise gerechtfertigt, denn selten hat die Science-Fiction Werke hervorgebracht, die so klug und gebildet die Themen der Gegenwart in Raum und Zeit fortdenken, ohne dabei auf literarischen Anspruch zu verzichten. Vielleicht kam die Trilogie im Westen auch deshalb so gut an, weil hier ein anderes, ein faszinierendes und geradezu utopisches China zugänglich wurde, von einem womöglich sogar subversiven Autor. Denn wird nicht gleich am Anfang des ersten Romans "Die drei Sonnen" deutliche Kritik an den Grausamkeiten der Kulturrevolution geübt, und zeigen die vielen Referenzen auf westliche Kultur und Literatur nicht auch, dass sich hier jemand zum Dialog öffnet, anstatt das eigene Gesellschaftsbild durchsetzen zu wollen?

Im "New Yorker" verteidigte Cixin Liu die Unterdrückung der Uiguren

Umso irritierter wurden in den vergangenen Jahren diverse Aussagen Lius aufgenommen, in denen er seine Treue zur rigiden chinesischen Politik klarstellte, die man aus seinen Romanen so nicht unbedingt herausgelesen hätte. Im New Yorker verteidigte er die Unterdrückung und Internierung der chinesischen Minderheit der Uiguren. Demokratie würde in China nie funktionieren, der Weg der aktuellen Regierung sei der einzig richtige, fügte er hinzu. Im Interview mit der SZ sprach er sich für die Regulierung des Internets durch den Staat aus. Diese Haltung wird seitdem diskutiert. Sagt Liu nur, was die chinesische Regierung von ihm hören möchte? Wurden seine so weltoffen wirkenden Werke missverstanden? Oder geht es ihm, wie er auch immer wieder betont, gar nicht so sehr um die Politik? In einem Essay über Science-Fiction in China schrieb er 2014 schon von Welt-Science-Fiction, in Anlehnung an Goethes Ideal einer Weltliteratur, als einer Art universeller Literatur, die über nationale Grenzen hinweg bedeutsam ist.

Comics: Cixin Liu, Christoph Bec, Stefano Raffaele: Die wandernde Erde. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Maximilian Schlegel. Splitter-Verlag, Bielefeld 2021. 128 Seiten, 25 Euro.

Cixin Liu, Christoph Bec, Stefano Raffaele: Die wandernde Erde. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Maximilian Schlegel. Splitter-Verlag, Bielefeld 2021. 128 Seiten, 25 Euro.

Als Beweis zumindest für einen globalen Erfolg kann man werten, dass nicht nur mehrere Werke Cixin Lius derzeit verfilmt werden oder es schon wurden, sondern nun eine ganze Reihe seiner Kurzgeschichten als Comics erscheinen, auch in deutscher Übersetzung. Einer der ersten Bände basiert auf der Kurzgeschichte "Die wandernde Erde" und zeigt leider gleich, dass Liu das Niveau seiner "Trisolaris"-Romane nicht durchhält. Es geht darin um die durchgeknallte Idee, dass die Menschheit die Erde mit gigantischen Triebwerken ausstattet, um sie vor einer drohenden Explosion der Sonne in Sicherheit zu bringen. Die Geschichte wurde schon von Netflix zu einem hysterischen Film verarbeitet, und obwohl man das Szenario mit viel gutem Willen als Metapher auf den durch den Klimawandel immer kleiner werdenden Lebensraum der Menschheit lesen kann, wirken die darin beschriebene totalitäre Gesellschaft und die irritierende Gefühlskälte der Figuren im Kontext der chinesischen Politik doch eher unheimlich. Die Sci-Fi-Welt, die der Comic visualisiert, sieht zwar gut aus, aber auch wie aus dem Roland-Emmerich-Katastrophenfilm-Baukasten zusammengeklaut. Am interessantesten an dieser untergehenden Welt sind die weitergedachten Probleme der Gegenwart, wenn zwar nicht der Klimawandel, aber die menschengemachte Bewegung der Erde zu Fluten, kochendem Regen und glühenden Temperaturen führt.

Comics: Wie politisch ist seine Science Fiction? Der chinesische Autor Cixin Liu.

Wie politisch ist seine Science Fiction? Der chinesische Autor Cixin Liu.

(Foto: Niu bo - Imaginechina)

Eine außer Kontrolle geratene Umwelt ist auch der Hintergrund für den zweiten, wesentlich gelungeneren Band "Yuanyuans Blasen", den Valérie Mangin (Text) und Steven Dupré (Zeichnungen) liebevoll in warmen Farben und mit klug komponierten Seiten stimmig umgesetzt haben. Besonders beeindruckt, wie die Emotionen der Figuren dargestellt werden: Mit ihrer Mimik und indem diverse Ort- und Zeitebenen, die die Figuren beschäftigen, auf einer Seite collagiert werden. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Wissenschaftlerin Yuanyuan, die seit ihrer Kindheit in der unter schlimmer Dürre leidenden Stadt Silk Road City von Seifenblasen fasziniert ist. Als Erwachsene entwickelt sie eine Lösung, die es ermöglicht, fast unerstörbare Wasserblasen zu erschaffen. Als sie aus Versehen ihre Heimatstadt in einer riesigen Blase einschließt, kommt es fast zur Katastrophe, denn die Blase ist nicht luftdurchlässig und kann auch nicht zerstochen werden. Man muss warten, bis sie verdunstet. Die Panne hat dann doch keine schlimmen Folgen, und die Möglichkeiten der von Yuanyuan entwickelten Technologie werden erkannt: Mithilfe der superleichten Blasen lässt sich Wasser auch in die trockensten und entlegensten Gegenden der Welt transportieren.

Comics: Cixin Liu, Valérie Mangin, Steven Dupré: Yuanyuans Blasen. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Maximilian Schlegel. Splitter-Verlag, Bielefeld 2021. 72 Seiten, 17 Euro.

Cixin Liu, Valérie Mangin, Steven Dupré: Yuanyuans Blasen. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Maximilian Schlegel. Splitter-Verlag, Bielefeld 2021. 72 Seiten, 17 Euro.

"Yuanyuans Blase" ist ein wunderbar gezeichneter, warmherzig erzählter Sci-Fi-Comic über wissenschaftlichen Fortschritt. So unpolitisch, wie sie vielleicht erscheinen mag, ist die Geschichte allerdings nicht. Wie nebenbei wird erwähnt und gezeigt, dass die Blasen unter anderem in kilometerlangen Anlagen im Südchinesischen Meer hergestellt werden. Dass der Comic in China spielt, wird zwar nicht eindeutig gesagt, Namen wie Silk Road City und andere Details legen aber nahe, dass die Geschichte im China der Gegenwart oder einer nahen Zukunft verortet ist. Und das Südchinesische Meer ist nun gerade kein anerkannter Teil Chinas, sondern umstrittenes Gebiet, das von Peking durch den Bau militärischer Anlangen und die unrechtmäßige Annektierung von Inseln nach und nach faktisch eingenommen wird. In den vergangenen Jahren kam es deshalb immer wieder zu Konflikten mit den anderen Staaten in der Region sowie den USA und europäischen Ländern, die den Gebietsanspruch Chinas nicht anerkennen. In dem Comic erscheint es jedoch als die größte Selbstverständlichkeit, dass China in diesem umstrittenen Gebiet riesige Anlangen errichtet. Während chinesische Ortschaften und naturwissenschaftliche Begriffe in den Comicbänden im Anhang und in Fußnoten erklärt werden, findet sich zu diesem Aspekt nichts. Dabei wäre an dieser Stelle mindestens eine Fußnote nötig gewesen, die das Gezeigte politisch einordnet und kommentiert.

Ist das Weltliteratur, wie es Cixin Liu behauptet, oder nationale Propaganda?

Der deutsche Verlag erklärt auf Nachfrage, man verstehe sich nicht als Verlag Lius, sondern als Verlag der deutschen Übersetzungen der Comic-Adaptionen. Diese seien auf Grundlage der englischen Version entstanden. Allerdings wird in dieser und im chinesischen Original, das frei im Internet zu finden ist, auch explizit das Südchinesische Meer erwähnt. Der Verlag betont außerdem, dass die Geschichte völlig unpolitisch zu lesen sei, da sie außer der Erwähnungen des Meeres keinen Bezug zu aktuellen politischen Konflikten herstelle. Das ist zwar richtig, im Kontext der chinesischen Politik und der Äußerungen Lius ist diese Lesart aber kaum durchzuhalten.

Es ist denkbar, dass diese kleinen politischen Kommentare auch dazu dienen sollen, den Autor und seine Geschichten gegen Kritik von chinesischer Seite zu immunisieren. Aber auch wenn sie sehr subtil ist und den Geschichten nicht unbedingt schadet, widerspricht diese nationale Propaganda der Idee einer Welt-Science-Fiction, einer Weltliteratur, wie sie von Cixin Liu behauptet wird.

© SZ/knb
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