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Ciullis Flüchtlingsdrama:Hilflose Engel

Mülheim Boat Memory

Die Gerichtsmediziner finden nur Spuren des Todes im Wrack.

(Foto: Knut Maron)

Roberto Ciullis kompromisslose Uraufführung "Boat Memory / Das Zeugnis" im Theater an der Ruhr ist Requiem und Anklage zugleich.

Von Cornelia Fiedler

Es ist sein wertvollster Besitz: Der etwa 14-Jährige aus Mali trägt sein Schulzeugnis fest in Plastik verpackt, in seine Jacke eingenäht bei sich. Dort entdeckt es die Mailänder Forensikerin Cristina Cattaneo. Der Junge ist tot. Er ist einer von mehreren Hundert Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, als ihr Boot 2015 vor der Küste von Lampedusa kenterte. Dieser Junge, sein Zeugnis und seine Hoffnung auf ein Europa, in dem gute Noten etwas wert sein könnten, sind für den Regisseur Roberto Ciulli der Ausgangspunkt seines Theaterstücks "Boat Memory / Das Zeugnis". Es ist ein intensiver, trauriger Abend, Requiem für die Toten und Anklage gegen eine europäische Außenpolitik, die wissentlich über Leichen geht.

Auf der Bühne des Mülheimer Theaters an der Ruhr waten acht Gerichtsmediziner durch flaches, schwarzspiegelndes Wasser, um ein Bootswrack, das aussieht wie ein Skelett. Sie fischen eine Brille, ein Trägershirt, einen Flipflop, ein Portemonnaie, einen Kinderschuh aus dem Wasser. Die Hinweise auf das Leben der Ertrunkenen sammeln sie auf zwei leuchtenden Objekttischen.

Die Toten jedes Schiffsunglücks, jedes Flugzeugabsturzes weltweit werden geborgen und identifiziert. Darf es zwei Klassen geben, wenn es darum geht, Verstorbenen ihre Namen und Geschichten zurückzugeben? Mit diesem Argument gelang es Cattaneo 2013 staatliche Förderung zu erhalten, um die Toten von Lampedusa zu identifizieren. Seither ist die Stimmung in Europa gekippt, sogar die zivile Seenotrettung wird kriminalisiert. Cattaneo arbeitet weiter, eine Einladung ans Theater habe sie aber abgelehnt. Sie erhalte Drohungen und trete nicht mehr öffentlich auf, berichtet Ciulli in seiner Einführung.

Diese Anklage ist Selbstanklage, sie verbirgt die Verzweiflung nicht

"Boat Memory / Das Zeugnis" umkreist das Grauen mit den Mitteln der Poesie. Düster ironisch flammt anfangs über dem einsamen Wrack die Projektion eines Renaissancegemäldes auf: "Die drei Erzengel und Tobias" von Francesco Botticini. Tobias ist der Schutzheilige der Reisenden. Mit ihren rotblonden Perücken wirken die Forensiker darunter, als wäre sie direkt aus dem Bild gefallen. Sie versuchen ungelenk hilflos, ihre Engelsposen im neuen Job anzuwenden, bergen Objekte aus dem Wasser, betrachten sie und setzen, als würden sie von ihnen ablesen, biografische Schlaglichter zusammen: Sie erzählen vom Leben, von Wettrennen am Strand, von einem Liebespaar, von Musik, von Dürre, von einem schweigsamen Kind und einem redseligen Vater. Und sie erzählen vom Sterben, vom Gebrüll der Wellen, den Planken, an die sich Ertrinkende klammern, vom Meer als Ausweg und als Grab.

Die Texte zu den Fundstücken stammen unter anderem aus dem Drama "Wassergeräusch" von Marco Martinelli und aus "Gestrandet" von Youssouf Amine Elalamy, einem vielstimmigen Roman über zwölf auf der Flucht Ertrunkene. Das letzte Objekt, das geborgen wird, ist die Jacke des Schülers aus Mali, sein Zeugnis wird vollständig vorgelesen. Ein bitterer, berührender Schlusspunkt, denkt man.

Doch dann schwenkt der Blick der Inszenierung auf die Seite der Täter, der ideologischen Wegbereiter und derjenigen, die nichts tun. Ciulli tritt an ein Pult, der 85 Jahre alte Gründer des Theaters an der Ruhr, ein Künstler, der "wie kein anderer für Diversität und eine offene Gesellschaft" steht, so brachte es die Jury zu Verleihung des "Faust"-Preises im November auf den Punkt. Er setzt eine Kappe mit Eselsohren auf und liest vor. Er liest verquaste Gedanken über Europa, Wörter wie "Volkskörper" und "arische Intelligenzrasse" perlen ins Mikrofon. Ciulli lauscht ihnen nach, überlegt wie abwesend, liest weiter. Es ist Hitlers "Mein Kampf", leicht abgewandelt, doch bald klar zu erkennen. Deutlicher kann man nicht hinweisen auf die Wurzel und auf das Ziel jeglicher Einteilung von menschlichem Leben in lebenswert und lebensunwert.

Diese Anklage ist Selbstanklage, sie verbirgt die Verzweiflung nicht. Seitenweise NS-Propaganda, das ist die künstlerische Ultima Ratio angesichts der letalen europäischen Flüchtlingspolitik und einer unmenschlich trägen Zivilgesellschaft. "Boat Memory / Das Zeugnis" ist ein kompromissloser Abend, der keine Ausreden gelten lässt, der keine Erleichterung und kein Lachen erlaubt, und der gerade deshalb so gut ist.

© SZ vom 31.12.2019
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