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"Citizen Kane":Gruß aus der Vergangenheit

CITIZEN KANE ORSON WELLES Date: 1941. Strictly editorial use only in conjunction with the promotion of the film. Credit

Die Einfachheit der Exzentrizität geopfert? "Citizen Kane" von Orson Welles gilt vielen als bester Film aller Zeiten. Aber nicht allen.

(Foto: RKO Radio Pictures/Mary Evans Picture Library/imago/Ronald Grant)

Wie eine Filmkritik von "Citizen Kane" aus dem Jahr 1941 den Filmklassiker jetzt einholt.

Von Kathleen Hildebrand

Das berühmte Rätsel im Herzen von "Citizen Kane" ist die Frage, was "Rosebud" bedeutet - das letzte Wort, das der Titelheld, ein einstmals märchenhaft reicher Zeitungsmagnat, auf seinem Sterbebett spricht. Gelüftet wird es nicht, oder nur für den Zuschauer: Der Holzschlitten mit dem Markennamen "Rosebud" wird in der letzten Szene des Films zusammen mit anderen Habseligkeiten von Kane verbrannt. Er war eine Erinnerung an Kanes Kindheit zu Hause bei seiner Mutter. "Rosebud" ist ein Gruß aus der Vergangenheit.

Ganz ähnlich wie dem verbrannten Schlitten wäre es womöglich einer Filmrezension ergangen, die die Chicago Tribune 1941, im Erscheinungsjahr von "Citizen Kane", gedruckt hat. Hätten nicht Mitarbeiter des Archivprojekts von Rotten Tomatoes, neben Metacritic die wichtigste Filmbewertungsseite im Internet, sie wieder ausgegraben. Die Rezension ist etwas Besonderes, denn: Sie ist negativ.

"Citizen Kane" gilt vielen Kritikern, Filmemachern und Filmwissenschaftlern als bester Film aller Zeiten. Die Kamera, die Effekte, die Darsteller, für alles wird er gelobt. Die Entstehungsgeschichte des Drehbuchs erzählt der Film "Mank", der gerade für neun Oscars nominiert war und zwei davon gewann. Damals wie heute heißt es, "Citizen Kane" habe den Film revolutioniert. Und: Seit Bestehen von Rotten Tomatoes, dem Portal, das für den Film 116 Filmkritiken gesammelt und dann einen Durchschnittswert errechnet hat, hatte er den perfekten Wert von 100. Weil niemand je dem Lob widersprochen hat. Bis jetzt.

Das Schattenspiel gilt als ikonisch. Der Rezensent aber hat sich "gegruselt"

Beziehungsweise bis damals. Der Autor oder die Autorin, der oder die 1941 mit dem nicht unüblichen Pseudonym "Mae Tinée" zeichnete - wenn man das laut ausspricht klingt es wie Matinée, die Vormittagsvorstellung -, war nämlich, wie man heute sagen würde, unterwältigt. "Sie werden viel über diesen Film gehört haben", steht da, "und ich lese, dass viele Experten ihn für den besten halten, der je gemacht wurde." Dann kommt er, der Schlag: "Ich tue das nicht. Er ist interessant. Er ist anders. Tatsächlich ist er absurd genug, um es ins Museum zu schaffen. Aber die Tatsache, dass er die Einfachheit der Exzentrizität opfert, beraubt ihn seines Ranges und seiner Unterhaltsamkeit." Das ikonische Spiel mit Schatten habe den Rezensenten "gegruselt". Ständig habe er gehofft, dass jemand endlich etwas Sonnenschein in diesen Film lasse. Einzig Hauptdarsteller Orson Welles besteht vor dem Urteil der Chicago Tribune als "kühner und effektiver Performer".

Wegen dieser einen Rezension steht nun also eine schrecklich unperfekte "99" auf der Rotten-Tomatoes-Seite von "Citizen Kane" und, was für viele Filmnerds vielleicht noch schwerer erträglich ist: Ausgerechnet der für viele beste Film aller Zeiten ist nicht mehr Mitglied im Klub der 100er. Filme wie "Before Sunrise", "Toy Story", "Der Terminator" und "Paddington 2" sind nun nach dem Standard des Kritikenaggregators die "besseren" Filme.

© SZ/hert
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