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Chronologie: Römer vs. Germanen:Bis einer heult

Um Kopf und Kragen gekämpft: Lange fand die Geschichtsschreibung, die Niederlage des Feldherrn Varus gegen die Germanen markiere das Ende aller römischen Eroberungsträume. Bis jetzt.

Noch auf dem Schlachtfeld nahm sich der Geschlagene das Leben. Der römische Statthalter Varus verlor im Jahr 9 nach Christus innerhalb von vier Tagen drei römische Legionen (à ca. 4.000 bis 6.000 Mann) inklusive Hilfstruppen und Tross. Der Freitod erschien ihm wohl weniger furchterregend als die Rückkehr in Schimpf und Schande nach Rom.

So eine Schlacht gegen die Barabaren ist kein Zuckerschlecken: Davon kann auch Russell Crowe als "Gladiator" im gleichnamigen Film ein Lied singen.

(Foto: Foto: Dreamworks Pictures)

Die nach ihm benannte Varusschlacht, die in der heutigen Fundregion Kalkriese am Wiehengebirge im Osnabrücker Land verortet wird, markiert eine der gravierendsten Niederlagen des Römischen Reiches und das Ende der römischen Bemühungen, das Herrschaftsgebiet bis weit nach Germanien hinein auszuweiten. So zumindest die bisherige Annahme.

Ins Verderben marschiert

Die siegreichen Germanen ließen es sich nicht nehmen, den abgetrennten Kopf des Varus nach Rom zu schicken, wo Kaiser Augustus beim Anblick des "Präsents" ausgerufen haben soll: "Quintili Vare, legiones redde!" ("Quinctilius Varus, gib die Legionen zurück!").

Dabei war der bemitleidenswerte Varus wohl mehr Bürohengst als Feldherr: Als "Fachmann für römisches Militär- und Verwaltungswesen" sollte er den barbarischen Germanen in den schon römisch beherrschten Gebieten das römische Recht und insbesondere das römische Steuerrecht nahe bringen.

So verwundert es auch nicht, dass er der Intrige seines späteren Gegners auf dem Schlachtfeld, Arminius, viel zu spät gewahr wurde und mitsamt seinen Truppen blindlings ins Verderben marschierte. Der listige Arminius, der in Jugendjahren seinen germanischen Wurzeln im Stamm der Cherusker entrissen, als Geisel nach Rom gebracht und dort zum Offizier ausgebildet worden war, lockte Varus und Konsorten in einen Hinterhalt, als die sich in bislang unbekanntes Gebiet vorwagten, um einen regionalen Aufstand niederzuschlagen. Trotz Warnungen hatte Varus an die Treue und Loyalität des Bundesgenossen Arminius geglaubt, der sogar den Rang eines römischen Ritters innehatte.

Das Debakel der Varusschlacht schockte die römische Führung wohl nachhaltig und weitere Eroberungszüge in das heutige Norddeutschland gab es nicht. Dachte man. Der nun bekannt gewordene Fund eines römisch-germanischen Schlachtfelds (wohl aus dem 3. Jahrhundert nach Christus) am Harzhorn bei Kalefeld gibt nun Zeugnis einer fortdauernden Expansionspolitik der Römer gen Germanien und wirft ein neues Licht aus bislang vernachlässigte Quellen.

Weitergeträumt

Nach diesen Quellen haben die Römer trotz ihrer Niederlage in der Varusschlacht weitere Feldzüge nach Germanien unternommen. Kaiser Maximinus Thrax, der das Römische Reich in wechselhaften Zeiten zwischen 235 bis 238 nach Christus regierte, soll es sich sogar zum Ziel gemacht haben, die Germanen bis hin zur Nordsee zu unterwerfen - wofür er sich höchstselbst in das germanische "Barbaricum" gewagt haben soll. Für seine Bemühungen bekam er den Beinamen "Germanicus Maximus" verliehen.

Details dieser ambitionierten Feldzüge sind allerdings nicht überliefert, entsprechende archäologische Beweise fehlen. Wohl auch deshalb wurden entsprechende Quellen von Historikern als Propaganda kaiserlicher Chronisten abgetan.

Im Allgemeinen ging man davon aus, dass die Römer nach der Varusschlacht nicht mehr als maximal 60 Kilometer von Rhein und Main in germanisches Gebiet vorgedrungen waren. Doch wie die sensationellen Funde der vergangenen Monate aus Kalefeld-Oldenrode belegen, waren es offenbar mehrere hundert Kilometer. Auch nach der Schlappe des Varus hatten die Römer demnach ihre Träume von einer Eroberung Germaniens noch nicht aufgegeben und versuchten diese, rund 200 bis 300 Jahre länger, als bisher angenommen, kriegerisch in die Tat umzusetzen.

© sueddeutsche.de/ddp/afp/jb
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