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"Chroniken eines Übergangs":Körper zur Zeit

Vom real existierenden Heterosexualismus: Der spanische Philosoph Paul B. Preciado mobilisiert Geschlechterfluidität gegen eine Politik der Abschottung.

Von Samir Sellami

October 16 2018 Barcelona Catalonia Spain The philosopher and feminist Paul B Preciado born

Neu geboren am 15.11.2016: der spanische Philosoph und Autor Paul B. Preciado in Barcelona.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Im Jahr 2016 war Paul B. Preciado wahnsinnig viel unterwegs. Als Kurator des öffentlichen Programms der Documenta reiste er von Biennale zu Biennale, traf Künstler und Intellektuelle in Kiew, Beirut und Buenos Aires, Migrationsforscher und Aktivisten auf Lesbos, streunende Hunde in Istanbul und seine Mutter in Burgos. In Paris, wo der spanische Philosoph und Queer-Theoretiker seit Jahren lebt, sieht man ihn selten, dafür umso häufiger in Athen, wo ein Jahr später die vierzehnte Kasseler Kunstmesse eröffnet wird.

Als Preciado dort ankommt, liegt das moderne Athen schon in Trümmern, gebeutelt von den Folgen europäisch verordneter Sparpolitik. Und doch ist die Stadt auch Schauplatz von Revolte und Aufruhr, trotzigen Bürgerinitiativen und mikropolitischen Experimenten. Athen wird Preciado vom bloßen Arbeits- zum Sehnsuchtsort und damit zum Dreh- und Angelpunkt der Kolumnen, die nun unter dem charmanten Titel "Ein Apartment auf dem Uranus" und in der eleganten Übersetzung von Stefan Lorenzer in einem einzigen Band zu entdecken sind.

Preciados "Chroniken eines Übergangs", zwischen 2013 und 2018 größtenteils für die französische Zeitung Libération entstanden, sind zart und brutal, leichtfüßig und manieriert, verschwenderisch und selbstverliebt. Sie handeln vom permanenten Unterwegssein, von Verwandlung und Revolution, vom Bewegen und Bewegtwerden, Davonlaufen und Desertieren. Als Uranismus bezeichnete der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs die gleichgeschlechtliche Liebe, und ausgerechnet auf dem Uranus also, dem kältesten Planeten unseres Sonnensystems, wollen diese Texte ein Apartment beziehen. Man muss es sich wahrscheinlich ein wenig so vorstellen, wie Preciados erdseitige Wohnungen. Ein Schreibtisch, ein einfaches Bett, Notizbücher und Bücherstapel - Klosterzellen, wo kein Koffer ausgepackt und kein Nagel in die Wand geschlagen ist.

Der eine Übergang, der als Prisma für alle anderen dient, ist Preciados Gendertransition. Nachdem er, der damals noch Beatriz hieß, jahrelang an seiner Identität als radikale politische Lesbe gefeilt hatte, begann er um die Jahrtausendwende mit Testosteron zu experimentieren. Die Chronik "Vornamen: Paul Beatriz, Antrag 34/2016" dokumentiert, wie die schon lange körperlich, mental und kulturell angestoßene Transition nun auch rechtlich besiegelt wird. Zur neuen Stimme, dem neuen Körpergefühl und der neuen Wirkung auf die Umwelt tritt der neue Name hinzu - wie das Uranus-Apartment erst im Traum, dann in der Wirklichkeit - der "lächerlich banale" und erzkatholische Name Paul. Preciados alte Geburtsurkunde, so will es das spanische Recht, wird zerstört, er erhält eine neue und einen Eintrag in der Regionalzeitung von Burgos, wo ihn die schockierte Mutter mitsamt neuem Geburtsdatum (15. 11. 2016) in der Spalte der Neugeborenen findet.

Leben bedeutet, "Zeuge eines Zeitalters zu sein"

Und doch schreibt Preciado gleich in der Einleitung: "Ich bin nicht gekommen, um Ihnen zu sagen, was ein Transsexueller ist." Was das spanische Gericht bestätigt, ist nicht der trennscharfe Wechsel von der weiblichen Identität in die neue Männlichkeit, sondern lediglich die Ablösung einer Rechtsfiktion mit dem Namen Beatriz durch eine andere Rechtsfiktion mit dem Namen Paul. "Ich bin kein Mann, keine Frau, nicht heterosexuell, nicht homosexuell, nicht bisexuell. Ich bin ein Dissident des Geschlechtersystems." Das ist Preciados wirkungsvolle, wenn auch nicht immer gleichermaßen überzeugende Methode: Der im permanenten Übergang begriffene eigene Körper wird zum Ausgangspunkt einer radikalen politischen Vision, die von der Vielfalt des Lebendigen zehrt. Transsein wird mobilisiert für einen Frontalangriff nicht nur auf den real existierenden Heterosexualismus, sondern gegen jegliche Politik, die sich auf Reinheitsfantasien und Abschottung stützt. "Was daher in eine Transition eintreten muss, ist der gesamte politische Raum."

Daher liegt ihm, dem Genderdissidenten und Gendermigranten, das Schicksal der Flüchtlinge besonders nahe am Herzen. In den Straßen von Athen, wo Preciado mittlerweile ein Apartment bezogen hat, drängen sie sich zu einem politischen Ornament zusammen, das den Ruf nach einer neuen demokratischen Ordnung verkörpert. Es ist nicht die schlechteste Pointe: Ausgerechnet die griechische Hauptstadt, die Wiege der bröckelnden europäischen Zivilisation, wird Preciados Uranus-Ersatz. Ein lebensfeindlicher Ort, der zugleich die Hoffnung einer politischen Neugeburt in sich trägt.

Und dann kam das Virus. Am elften März fing Preciado zu husten an, und als er eine Woche später aus dem Bett stieg, war die Welt eine andere. Wie die meisten seiner Zunft - Schriftsteller, Intellektuelle, Philosophen - gab auch Preciado der Versuchung nach, über Corona zu schreiben. Es ist ein Glück, dass beide Texte der deutschen Ausgabe als Postskriptum angehängt sind, auch wenn sie mit herausragenden Texten wie "Die Kugel" oder "Unsere Bisons" nicht ganz mithalten können. Das Glück, schreibt Preciado anderswo, hat damit zu tun, "dass leben bedeutet, Zeuge eines Zeitalters zu sein." Es ist bezeichnend, dass diese Chroniken immer dann am besten sind, wenn sie ihr Zeitalter mit der Unangepasstheit eines Körpers bezeugen, der im ständigen Übergang begriffen ist.

So handelt der beste Corona-Abschnitt dann auch nicht von den psychologischen Folgen der Quarantäne, sondern vom "wichtigsten Magazin der USA" und dessen Chefredakteur. Lange vor dem Aufstieg der Videokonferenz zur dominanten Kommunikationsform einer gelähmten Gesellschaft hatte sich der Zeitschriftengründer Hugh Hefner in seinen lückenlos verkabelten Plüschparadiesen verschanzt, um von dort pedantisch die Geschicke des Playboy zu leiten.

In der "total mit den neuen Kommunikationsmodellen vernetzten Junggesellenwohnung" Hefners sieht Preciado ein beängstigendes Modell unserer Zukunft, wo Zoomkonferenzen, Pornos in Dauerschleife und die Ernährung mit Butterfinger-Riegeln die emotionale und soziale Verlotterung beschleunigen. Umso dringlicher erscheint dieser Ruf vom Uranus nach einer neuen Gesellschaft, die das Leben und den lebendigen Körper in den Mittelpunkt stellt, auch wenn ein solcher Ruf Gefahr läuft, ungehört im leeren Kosmos zu verhallen.

Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 368 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 24.06.2020
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