Schauspielhaus Zürich:Aller Schuld

Lesezeit: 3 min

Schauspielhaus Zürich: Gefallener Herrscher: Patrycia Ziólkowska als König Ödipus in Nicolas Stemanns Inszenierung am Schauspielhaus Zürich.

Gefallener Herrscher: Patrycia Ziólkowska als König Ödipus in Nicolas Stemanns Inszenierung am Schauspielhaus Zürich.

(Foto: Philip Frowein)

Am Schauspielhaus Zürich inszeniert Nicolas Stemann Sophokles' "Ödipus" als spannende Diskussion mit zwei Schauspielerinnen, und Christopher Rüping erzählt von einer Troll-Frau.

Von Egbert Tholl

Du bist schuld, und du auch. Und wenn die Schauspielerin Patrycia Ziólkowska jemanden im Publikum erkennt, dann nennt sie dessen Vornamen, der ist dann auch schuld. Oder die. Das Erkennen der Zuschauer fällt ihr und ihrer Kollegin Alicia Aumüller leicht, sie stehen direkt vor dem Publikum, nicht oben auf der Bühne, die vom Eisernen Vorhang verschlossen ist, der sich nur ein paar Mal ein bisschen hebt, um eine kleine Nebelwolke auszustoßen, als rülpse das Orakel von Delphi mal kurz.

Nicolas Stemann, neben Benjamin von Blomberg Intendant des Zürcher Schauspielhauses, inszeniert "König Ödipus" von Sophokles, er hat den Text selbst neu übersetzt, nun heißt er "Ödipus Tyrann". Neben groß angelegten, theatralen Tableaus hat Stemann immer wieder ein Faible für kleine, konzentrierte Arbeiten. In diesem Fall reichen ihm zwei Schauspielerinnen, die er im Pfauen vor die Bühne stellt, beide in schlichten, schwarzen Kleidern. Sie reichen ihm für alle Rollen, für die Masse an Text. Und es reicht ihm letztlich eine Aussage, freigelegt aus Sophokles' Stück: Ödipus hat die Macht, also glaubt er auch, alles Recht zu haben. Und weil er in diesem Glauben seine eigenen Taten bis kurz vor Schluss nicht erkennen will, geht die Welt zugrunde. Im Stück ist es Theben, heimgesucht von Seuche und Dürre. Gemeint aber, und das insinuiert Stemann in den ersten Worten seiner Fassung, sind wir. Alle. Weil wir zu lange brauchten, um unser Tun zu begreifen, geht die Welt zugrunde.

Natürlich ist das ein bisschen arg simplifiziert, natürlich fehlen dabei viele Feinheiten des Stücks, die hier zwar vorkommen, aber konsequent dem Ziel der Aussage untergeordnet werden, natürlich kann man fragen, wie viel Schuld Ödipus wirklich hat, er wusste ja nicht, dass er seinen Vater erschlug. Allerdings bleibt dann immer noch die Frage, ob es ein verantwortungsbewusstes Verhalten ist, wenn man im Gebirge einfach jemanden erschlägt, weil er im Weg steht, Vater hin oder her.

Gibt man sich Stemanns zielgerichteter Geradlinigkeit hin, was an diesem Abend leichtfällt, dann ergibt sich eine ungeheuer spannende Aufführung einer altbekannten Geschichte. Denn was Aumüller und Ziólkowska mit dem Text machen, ist ziemlich fabelhaft. Sie sprechen im Dialog, sie nehmen sich den Text ein und derselben Figur als rhetorisches Ping-Pong-Spiel vor, sie sprechen den Chor, sie machen die vielen Figuren plastisch, was vor allem Ziólkowska mit den vielen Farben, die ihr im Sprechen zur Verfügung stehen, wunderbar gelingt. Sie werden emotional, und die lange Szene des Erkenntniskrimis, das Gespräch zwischen Teiresias und Ödipus, ist wirklich ein Thriller. Am Ende, wenn das schöne Lied "What He Wrote" von Laura Marling verklungen ist, springen die Zuschauer und Zuschauerinnen auf. Das großbürgerliche Publikum im Pfauen ist begeistert. Weil es gemeint ist.

Das Schweizer Publikum hat derzeit insgesamt ein Faible für klare Aussagen. Zum Abschluss des Premierenreigens zum Saisonbeginn am Schauspielhaus Zürich adaptiert Christopher Rüping im Schiffbau den Film "Border" des schwedischen Filmemachers Ali Abbasi. Botschaft: Besser ist es anzuerkennen, dass Menschen und Lebewesen überhaupt unterschiedlich sind. Und man ihnen diese Unterschiedlichkeit zugesteht.

Schauspielhaus Zürich: Wiebke Mollenhauer als Tina, die Troll-Frau in "Border".

Wiebke Mollenhauer als Tina, die Troll-Frau in "Border".

(Foto: Orpheas Emirzas)

"Border" (2018) erzählt in einem wilden Genre-Mix von Tina, einer Troll-Frau, die beim schwedischen Zoll arbeitet, weil sie riecht, wenn jemand Unerlaubtes schmuggelt. Trolle können das. Der Film taucht dann im weiteren Verlauf in dunkle Mythenwelten ab, von denen Rüping die für ihn entscheidenden Motive ans Licht holt. Doch erst einmal steht Maja Beckmann ganz allein auf der völlig leeren Bühne und flirtet mit dem Publikum, was sie kann wie kaum sonst jemand. Sie nimmt Abschied von Zürich (wird dort aber weiterspielen), zieht nach Hamburg, weil da ihre Leute sind und sie in den drei Jahren in der Schweiz nicht heimisch wurde. Beckmann ist irre freundlich, weiß um ihre Privilegien als fest angestellte Schauspielerin, aber es geht nicht. Sie hatte nie das Gefühl dazuzugehören. Zu "Time to Say Goodbye" macht sie rhythmische Sportgymnastik, ein grandioser Pathosmoment.

Beckmanns Monolog ist teils wahr, teils erfunden, ist schriftlich fixiert, und doch spricht sie, als fiele es ihr im Moment ein. Aus diesem riesengroßen Charme heraus stellt sie Tina (Wiebke Mollenhauer) vor, die Troll-Frau, deren erschnüffelte Erfolge in der Zeitung dokumentiert sind. Echt. Dann wird der Bühnenboden aufgerissen, der Waldboden darunter freigelegt, auch ein kleiner Teich, die Planken stehen herum wie Stämme, und ein Elf erscheint. Benjamin Lillies kann sprechen wie Legolas in "Herr der Ringe" und erklärt Mollenhauer, wer ihre Figur ist, wie die Menschen die Trolle aus den Wäldern holten, ihnen die Kinder wegnahmen, sie ins Menschenleben pressten, wobei einige starben, aber auch ihre Fähigkeiten ausbeuteten, siehe Zoll.

Das Tolle an dieser klugen, auch mit enormem Schauwert ausgerüsteten Aufführung ist, wie Rüping die völlig freien, grandiosen Schauspielerinnen Beckmann und Mollenhauer in ihrem Tun miteinander verschleift, wie die Erzählung von einem Wesen, das seine Märchenhaftigkeit nicht ausleben darf, verwoben wird mit einem Nichtankommen im Alltag. Vielleicht sollten wir alle mehr Trolle sein, weniger Mainstream, dann geht es auch der Natur besser. An diesem Abend ist das Publikum von dieser Idee begeistert.

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