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Nachruf auf Christopher Plummer:Traurigkeit war alles für ihn

Christopher Plummer gestorben

Unverschämt sexy und smart: Christopher Plummer als Agent in "Triple Cross / Der Spion zwischen zwei Fronten" aus dem Jahr 1966.

(Foto: Fotoreport/dpa)

Man hatte sich so an den aufrechten alten Christopher Plummer gewöhnt, dass es verblüfft, ihn in frühen Rollen zu sehen. Doch schon als jungem Mann gelangen ihm magische Auftritte.

Von Fritz Göttler

"Ich war wütend", hat er gern erzählt, wenn er auf "The Sound of Music" angesprochen wurde, den größten Musicalerfolg im Hollywoodkino (deutsch: "Meine Lieder - meine Träume"). Wütend, weil er gehofft hatte, er dürfe singen in diesem Film. Aber natürlich hatte man, anders als bei seiner Partnerin Julie Andrews, längst einen richtigen Sänger engagiert, der ihn doubeln sollte. Die Geschichte der Trappfamilie aus Salzburg in den Vierzigern: Er ist der verwitwete Kapitän von Trapp, Julie Andrews eine verhinderte Nonne, die sich um diese Kinder kümmern und das Herz des Kapitäns gewinnen kann. Es war Christopher Plummers erfolgreichster Film, 1965, er selber fand ihn simpel und sentimental. Sein Kapitän von Trapp hatte die Traurigkeit mancher deutschen Nachkriegsakteure, aber auch eine britische innere Leere, die einem nichts als Haltung lässt.

Diese britische Aura hat er in den letzten zwanzig Jahren vielen seiner Rollen geschenkt, über zweihundert in Film und Fernsehen, dazu jede Menge Theater, in etwa siebzig Jahren. Geboren aber ist er in Toronto, am 13. Dezember 1929, kurz nach der Geburt ließen die Eltern sich scheiden und er wuchs bei der Mutter auf, englisch- und französischsprachig, nahe Montreal. Dort fing er auch an, Theater zu spielen, 1953 ging es beim Fernsehen los, kurz darauf hatte er seine erste Rolle am Broadway.

1956 spielte er erstmals in Stratford Shakespeare, "Henry V" und "Hamlet", 1958 hatte er seine erste Kinorolle, in Sidney Lumets "Stage Struck", neben Henry Fonda. Kurz darauf machte er erst mal sechs Jahre Pause vom Kino, spielte viel Shakespeare, aber auch Modernes von Anouilh, Tschechow, Brecht. In Peter Shaffers Stück "The Royal Hunt of the Sun" spielte er den spanischen Eroberer Francisco Pizarro, in der Verfilmung von Irving Lerner dann dessen Gegenspieler, den Inkaherrscher Atahualpa. Eine magische Performance, bronzene Schönheit mit blasierter Dekadenz.

Man hat in den letzten Jahren so viele Filme mit dem aufrechten alten Christopher Plummer gesehen, dass man verblüfft ist, wenn man ihm auf der Leinwand als jungem Mann begegnet. In "Wind Across the Everglades / Sumpf unter den Füßen" von Nicholas Ray und Budd Schulberg ist er ein junger Lehrer, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts an einem kleinen Ort in Florida seine Stelle antreten soll. Er ist aber ein früher Naturschützer und rupft gleich bei der Ankunft den Damen die prächtigen Federn aus ihren Hüten.

In den Sümpfen treibt sich Gesindel herum, das auf Vögel Jagd macht und die Händler mit den Federn versorgt. Cottonmouth heißt ihr Anführer, der großartige Burl Ives. Plummer geht in die Sümpfe und nimmt den Kampf gegen sie auf, und in seinem kindlichen Gesicht ist alles zu lesen, Naivität, Entschiedenheit, Erschöpfung, Verzweiflung, eine Lektion über die grausame Unschuld des Paradieses. Als römischer Kaiser Commodus kehrte er nach der Pause auf die Leinwand zurück in Anthony Manns "Untergang des römischen Reiches".

FILE PHOTO: Cast member Plummer poses for a portrait while promoting the movie 'All the Money in the World' in Los Angeles

Christopher Plummer im Dezember 2017 - hier längst mit dem Image des aufrechten alten Mannes.

(Foto: Mario Anzuoni/Reuters)

In den kommenden Dekaden schien er alles versuchen zu wollen und zu können, in "Die Dornenvögel" mit Barbara Stanwyck oder "Star Trek VI" (mit William Shatner, dem Captain Kirk, hatte er in der Jugend in Montreal Theater gespielt), als Philosoph Aristoteles in Oliver Stones "Alexander", neben George Clooney im Politthriller "Syriana", in Terrence Malicks "The New World". Nicht eben britisches Fairplay zeigte er, als er sich von Ridley Scott überreden ließ, J. Paul Getty im Film "Alles Geld der Welt" zu spielen, den Ölmilliardär, dessen Enkel entführt wurde und der sich weigerte, Lösegeld zu zahlen. Der Film war abgedreht mit Kevin Spacey als altem Getty, aber dann kam Spacey durch die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in die Schlagzeilen und wurde aus dem Film geschnitten. Plummer sprang ein, knapp vor der Premiere.

Es gibt einen kleinen Clip im Internet mit dem jungen Christopher Plummer, da improvisiert er am Klavier - in seiner Jugend hatte er eine Ausbildung zum Konzertpianisten angestrebt. "Sadness", sagt er da versonnen, "sadness ist alles für mich, Betrübnis, Melancholie. Sie bringt die Komödie hervor wie die Tragödie. All Beauty is sadness ..."

Immer wieder hat er im Kino große historische Figuren verkörpert, Rommel in "Die Nacht der Generale", Wellington, Erzherzog Ferdinand, Kipling, den Fotografen Alfred Stieglitz, Roosevelt, Cäsar, Tolstoi, John Barrymore, Kaiser Wilhelm II., J. Paul Getty. Vielleicht bewirkte gerade diese Fülle, diese Diversität, dass er lange auf einen Oscar warten musste. Als er ihn 2012 endlich doch für die Rolle in "Beginners" bekam, er war 82, merkte er sarkastisch an: "Du bist zwei Jahre älter als ich, Darling, wo hast du mein Leben lang gesteckt?"

Etwa fünfzig Jahre früher, 1966, spielte Plummer in dem Film "Triple Cross / Der Spion zwischen zwei Fronten" einen Agenten. Er war Eddie Chapman, ein Einbrecher, der gern mit Sprengstoff werkelt, auf der Insel Jersey verhaftet wird und sich den Deutschen im Weltkrieg als Spion andient. Seine deutsche Führungsoffizierin ist die junge Romy Schneider. Plummer hat natürlich nur die eigenen Interessen im Sinn, aber einmal kommt Romy zu ihm ins Zimmer und ins Bett, und es gibt einen hinreißenden Kuss in Großaufnahme. Ja, Plummer erinnert tatsächlich an Sean Connery, der eben als Bond Karriere machte. Terence Young hat den Film gedreht, nach seinen drei Bondfilmen, und Claudine Auger, die wir in "Feuerball" erlebten, ist eine junge Frau in der Résistance. Plummer ist unverschämt sexy und smart, und da ist diese sadness in seinen Augen. Am Freitag ist Christopher Plummer im Alter von 91 Jahren gestorben.

© SZ
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