Süddeutsche Zeitung

Christopher Lee zum 90.:Herr der Sonne

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Kaum ein anderer Schauspieler wird so eng mit einer Rolle in Verbindung gebracht. "Dracula" alias Christopher Lee wird neunzig. Mehr als 250 Filmrollen machten ihn außerdem zur Mumie, zum James-Bond-Schurken und zum Jedi-Ritter. Die liebste Rolle des Briten war aber die in einem Kultfilm seines Heimatlandes.

Fritz Göttler

The terrifying lover, so wurde er angekündigt. Damals auf den Plakaten in den Fünfzigern, als die britische Horrorfilmfirma Hammer die klassischen Genrefiguren wiederbelebte. Mit dem lover war Dracula gemeint, der grausame und ein wenig egomane Vampirfürst. Der Horror wurde unheimlich sexy in diesen Filmen, in diesen Feiern von Eros und Tod.

Dracula, das waren Segen und Fluch für Christopher Lee, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, darin gleicht sein Karrieregeschick dem seiner Kumpel aus dem Horrorgenre. Dem von Peter Cushing etwa, seinem Buddy, der Frankenstein und Van Helsing spielte. Lee und er waren in subalternsten Rollen in Laurence Oliviers "Hamlet" dabei. Auch dem von Boris Karloff und Vincent Price.

Dracula machte Christopher Lee weltbekannt und versorgte ihn mit über zweihundertfünfzig Rollen, das ganze Horrorregister natürlich, von der Pharaonen-Mumie bis Rasputin, dazu noch jede Menge Exzentrisches. Es gibt einige Rollen, die er gern gespielt hätte, aber nicht bekam, den Sam Loomis vor allem in John Carpenters "Halloween", oder auch den Dr. No, in der ersten Verfilmung eines Romans seines Groß-Cousins Ian Fleming - erst Jahre später durfte er, mit einem neuen Bond, den "Mann mit dem Goldenen Colt" spielen.

Manchmal spielte man miese Tricks, um ihn in ein, zwei Szenen und seinen Namen auf den Plakaten zu einem Film zu haben - sogar in einem Softporno tauchte er unversehens auf. Beruhigend dagegen die Verehrung und Treue, die junge Filmemacher ihm bezeugen.

Tim Burton etwa, mit dem er fünf Filme machte - auch im letzten, "Dark Shadows" ist er zu sehen. Oder Martin Scorsese, der auf Lee in seinem Kino-Lobgesang "Hugo" nicht verzichten mochte. Was noch bliebe, so hat er neulich in einem Interview bekundet - einen Film mit Clint Eastwood zu drehen. Der ja auch diverse Exkursionen ins Mythische und Okkulte hinter sich hat.

Britische Archetypen sind im Kino seine Spezialität gewesen, auch den transsylvanischen Vampirgrafen hat er very british indeed gestaltet, dann kamen der Herr von Baskerville und Sherlock Holmes, der Saruman der "Herr der Ringe"-Trilogie und der Graf Dooku in George Lucas' Star-Wars-Saga - dessen Jedi ja in bester Brit-Tradition agieren. Sein Lieblingsfilm ist "The Wicker Man", 1973, da spielt er den Lord Summerisle, den Herren eines so hippie-esken wie grausamen Sonnen-Fruchtbarkeitskults, den er in merkwürdiger Verkleidung, singend und tanzend, anführt.

Er ist, von Dracula bis Summerisle, der große Andere, der dominiert und dem sich zu unterwerfen und auszuliefern die reine Lust ist. Nur logisch, dass er schließlich Mycroft spielte in Billy Wilders "The Private Life of Sherlock Holmes" - Sherlocks Bruder, der die Lage nicht nur perfekt analysiert, sondern, im Dienste Ihrer Majestät, auch manipuliert. Ich werde euch etwas ganz Besonderes vorsetzen, begrüßt er einmal Holmes und Watson: Einen sehr alten Madeira, Jahrgang 1814. Es gibt nur noch sechs Flaschen davon. Zwei habe ich, um die dritte verhandle ich gerade.

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SZ vom 26.05.2012/mahu/pak
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