Zum Tod von Christoph Schlingensief:Der Applaus hat Schlingensief nie korrumpiert

Das Schöne an diesem Prozess war, dass der Applaus Schlingensief nie korrumpiert hat, seine Arbeit nicht weichspülte, und er selbst dann, als er durch zahlreiche Talkshowauftritte zu Everybody's Darling geworden war, seine persönliche Eitelkeit mit Ironie und freundlichen Augen zu zügeln wusste. Schlingensief war ein warmherziger, direkter Mensch, der einfach die ganze banale Schaustellerei der deutschen Öffentlichkeit, die Heuchelei und Verlogenheit, die Schutzmechanismen der Macht nicht ertragen konnte, und deswegen früh einen Angriffsreflex ausbildete, den er auf alles bezog: das politische Tagesgeschehen wie das zwischenmenschliche Zwangsverhalten, die Verdrehung der Wirklichkeit durch Medien, aber auch die Schlaumeierei von neunmalklugen Berufskritikern.

File photo of German film and theatre director Christoph Schlingensief

Christoph Schlingensief: Die Kunst verlor ihren tollsten Jungen.

(Foto: REUTERS)

Wie kaum ein anderer Künstler hat sich Christoph Schlingensief alles zugetraut, und damit am Ende Recht behalten. Vom wirren Experimentalfilm seiner Jugendzeit zur Großen Oper in Bayreuth ist Schlingensiefs Arbeit weniger ein kontinuierliches Reifen, als ein gereiftes Ausgreifen gewesen. Schlingensief-Kunst funktionierte im Theater so gut wie im Hörspiel, in Ausstellungshallen wie in performativen Installationen im öffentlichen Raum, selbst in Fernsehformaten ließ sich nicht verbiegen, was die Moral dieses freundlichen Missionars blieb: Ein kreatives Ringen um Wahrhaftigkeit mit der Methode der mutigen Infragestellung. Die Skepsis hat nie einen glücklicheren Parzifal gehabt.

Als Christoph Schlingensief dann 2008 die Diagnose erhielt, er habe Lungenkrebs, fühlten alle, die ihn kannten, dass sich diese Krankheit nie so geirrt hat, wie mit dieser Strafe. Wie er bald damit begann, schonungslos seine Angst vor dem Tod zum Zentrum seiner Arbeit zu machen, aber vor allem, wie er dabei weder seinen Humor, noch seine Aufrichtigkeit und Poesie verlor, das machte diese Selbstbetrachtung zu einer der intensivsten und fruchtbarsten Auseinandersetzungen mit dem Sterben, die je unternommen wurden. Dass am Ende dieses Streits der Tod auf ihn warten würde, war sicher. Dass er so bald kommen würde, wollte sich niemand vorstellen. Heute verlor die Kunst ihren tollsten Jungen. Und die Welt den vielleicht herzlichsten Querulanten, den es je gab.

Christoph Schlingesief verstarb an diesem Samstag, an dem Tag, an dem seine neueste Produktion "S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken" bei der Ruhtriennale Premiere hätte haben sollen.

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