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Zum Tod von Christoph Meckel:Die Leere bewohnbar machen

Schriftsteller Christoph Meckel; Schriftsteller Christoph Meckel

Der Sehnsucht eine Form geben: Christoph Meckel, Dichter, Erzähler und Grafiker im Jahr 2016.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Er lebte und schrieb als Malerpoet, in seinen Gedichten spürte man eine ungestüme Sehnsucht nach Ferne und Weite: Der Dichter und Grafiker Christoph Meckel ist tot.

Als Christoph Meckel in die deutsche Literaturlandschaft kam, hatte das etwas ungewöhnlich Leichtfüßiges, Spielerisches. Es war mehr ein Tänzeln und Hüpfen, es waren die Bewegungen eines Gauklers und Herumtreibers, und das erschien Mitte der Fünfzigerjahre wie aus einer anderen Welt. Meckel, der 1935 in Berlin geboren wurde, wo sein Vater, der Schriftsteller Eberhard Meckel in der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz lebte, begann schon früh, Gedichtbände zu veröffentlichen, angefangen mit "Tarnkappe" 1956, gefolgt von "Hotel für Schlafwandler", "Nebelhörner" und "Wildnisse" - vagabundierende Verse voller Lebenslust. Lange vor seinem dreißigsten Lebensjahr wurde Meckel als Dichter bewundert.

Aber er war nicht einfach nur ein Dichter, er lebte, schrieb und zeichnete als Malerpoet, führte eine romantische Existenz, deren grafische Zyklen und lyrische Bilder verzaubern wollten. Zusammen mit seiner Freundin Lilo Fromm wohnte Meckel im südlichen Markgräflerland, in getrennten Wohnungen und Dörfern. Die badische Landschaft prägte seine Verse und Prosa von Anfang an, und sie kehrte immer wieder, bis hin zu den Altersschwüngen seiner letzten Erzählungen. Elektrisierende Zeilen wie "Hinterm Tuniberg beginnt das Meer" kündeten von Aufbruch, von einer ungestümen Sehnsucht nach Ferne und Weite - der Tuniberg, ein kleiner Hügel südlich von Freiburg, konnte Meckel keineswegs den Blick verstellen.

Bis zum Schluss blieben solche Erlebnismomente des frühen Meckel entscheidende Lebens- und Literaturmotive. Programmatisch hat er sie einmal unter dem Titel "Es ist" beschworen: eine Anrufung, die dieser Autor immer wieder unternahm, im Geiste des Rimbaud'schen "Il y a", eine Selbstvergewisserung der eigenen Mythen: die Zeit als Knecht bei Bauern und Gastwirten in heute nicht mehr erahnbaren, aber damals entlegenen und malerischen Dörfern wie Oetlingen oder Egerten, oder die Landschaft und das Haus in der Drôme in Südfrankreich, das er jahrzehntelang im Sommer bewohnte - der Alltag des benachbarten Bauern, die Wege, die Pinien, die Raubvögel, der Stein.

Von Anfang an, seit er sich in südbadischen Refugien in Scheunen Grafikerwerkstätten eingerichtet hatte, war Meckel auch als bildender Künstler berühmt. Und in der Zeit der großen gesellschaftlichen Revolte Ende der Sechzigerjahre, war Meckel abschnittweise zwar in Westberlin mittendrin, schon das zweite "Quartheft" des wilden Wagenbach-Verlags stammte von ihm, aber dennoch blieb er der ungebundene Poet. Seine Texte hatten viel mit seinen Radierungen gemeinsam, er schrieb gerne Gedicht- und Prosazyklen, die den Themen seiner Radierungen entsprachen.

Die badische Landschaft prägte seine Verse und Prosa von Anfang an

Die Figuren waren dabei nie recht fassbar, sie waren Schrägstriche und wanderten in rhythmischen, suggestiven Bewegungen über das Blatt. Manchmal wirkten sie festgehalten wie in Trance; vorübergehende, magische Momente. Meckels Erzählungen erinnerten nur von fern an eine Handlung, waren märchenhaft und zeitlos, sie riefen etwas aus einer nicht genau zu umreißenden Vergangenheit hervor. So entstanden Traumbilder, die zwischen detailgenauem Realismus und märchenhaften Visionen changierten. Der Dichter wollte "die Leere bewohnbar machen".

Im Jahr 1978 erschien dann eine realistisch anmutende, für Meckel untypische Erzählung, "Licht", die ein großer Auflagenerfolg wurde. Es ging um eine ungestüme, freie Liebesbeziehung zwischen zwei ähnlich bohemienhaft agierenden Protagonisten, die in einer unbezwingbaren Konsequenz gerade deshalb, obwohl die gemeinsamen Erlebnisse wie für die Ewigkeit empfunden schienen, nicht von Dauer sein konnte. Und 1980 kam sein wohl bekanntestes Buch heraus: "Suchbild. Über meinen Vater". Es war der Höhepunkt einer ganzen Reihe von literarischen Versuchen, mit denen die nachfolgende Generation ihre Väter beschrieb: den autoritären Charakter, die Anpassung und die Mittäterschaft unter den Nazis. Wie der Autor hier in seinem Vater Eberhard Meckel, einem scheinbar unpolitischen Naturdichter, die deutsche Malaise erkannte, hatte etwas Allgemeingültiges.

Es ist nicht ohne Belang, dass schon Meckels Elternhaus durch und durch von Literatur geprägt war: der Vater, der zusammen mit den Freunden Peter Huchel und Günter Eich als Naturlyriker begann, sich dann aber im tagesjournalistischen Einerlei verlor, und die Mutter, die, wie Meckel in "Suchbild: meine Mutter" von 2002 beschrieb, Bücher las, statt dass sie lebte. Diesen Gegensatz von Literatur und Leben prangerte Christoph Meckel bei seinen Eltern in auffälliger Weise an - denn er, der Sohn, lebte die Literatur, er zog hinaus und identifizierte sich kokett mit dem Dienstmädchen Lucie. Er hob hervor, "dass nichts von Bürgerlichkeit ihr Wesen verfälschte. Dass sie Natur besaß und von unten kam." Meckel profitierte vom Kulturbürgertum seines Elternhauses, konnte sich aber spielend darüber erheben, das gehörte zu den Glückskonstellationen, die in seiner Generation möglich waren.

In den späteren Jahren wurde Meckels Ton spröder und schwärzer. Die frühen taugenichtsartigen Utopien verwandelten sich in apokalyptische Szenerien, für die der vielgereiste Meckel die neuen globalen Megacitys wie Bombay, Jakarta oder São Paulo als Vorlage nahm: "Babylon City". Aber es gibt auch immer noch die Reste von Natur, in denen die Meckel'sche Welt negativ gewendet wird, so in der eindringlichen Erzählung "Archipel" im Band "Einer bleibt übrig, damit er berichte" (2005).

Immer noch taucht irgendwann eine unbestimmbare Frau auf

Im Gebiet dieses Archipels wurde vor etlichen Jahren atomarer Müll versenkt, und durch Risse in den Behältern strömt Gift in das Wasser. Wir geraten mit der männlichen Figur in einen seltsamen Sog. Sie fährt mit dem Motorboot durch die leeren Gegenden, ankert an entfernten Stellen, die jenseits von Raum und Zeit eigene Inseln zu bergen scheinen - eine schwarze Poesie, in der Leerstelle zwischen endgültiger Zerstörung und einem in sich ruhenden, von den üblichen Machenschaften losgekoppelten Dasein. Und immer noch taucht irgendwann, so auch hier, eine unbestimmbare Frau auf, die eine solitäre Existenz führt. Es kommt jedes Mal zu einer fremden, intensiven Begegnung, die knapp umrissenen Personen lösen sich so schnell und organisch wieder voneinander, wie sie sich getroffen haben.

Aber in späten Erzählungen wie "Dreckiger Jakob, Frierender Franz" (im Band "Nachtsaison" von 2008) konnten auch die frei umherschweifenden Figuren des frühen Meckel wieder auftauchen. Das Leben erschien als ein schier endloser Reigen einzelner, unwiederholbarer Momente, die in den frühen Texten reine Glücksmomente waren und nun eine melancholischere Färbung angenommen haben.

Die Erzählung "Weiße Nacht" im selben Band, die leitmotivisch vom Reisen und Wandern handelt, endet stimmig mit der Formulierung eines Ideals: "Schön sind Geschichten ohne Pointe, Handlungen ohne Bedeutung, man weiß nicht, warum sie erzählt worden sind." Aber dass sie erzählt worden sind, bildet einen bleibenden Nachhall. Sein letztes Buch, der Prosaband "Eine Tür aus Glas, ganz offen," erscheint Ende April bei Hanser. Am Mittwoch ist Christoph Meckel im Alter von 84 Jahren in Freiburg gestorben.

© SZ vom 31.01.2020/tmh
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