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Christoph Heins neuer Roman "Guldenberg":Alle spielen ihre Rollen, aber nicht sehr gut

Christoph Hein

Seltsam hölzerne Dialoge: der Schriftsteller Christoph Hein.

(Foto: Regina Schmeken)

In einer ostdeutschen Kleinstadt eröffnet ein Asylbewerberheim: Christoph Heins neuer Roman "Guldenberg" hätte aus seiner Versuchsanordnung sehr viel mehr machen können.

Von Jörg Magenau

Christoph Hein ist von Hauptberuf Chronist. Kaum ein Beitrag über ihn, der ihn nicht als "Chronisten des deutschen Ostens" einordnet, und auch er selbst nimmt in Gesprächen diese Zuschreibung gerne an. Ein Chronist ist jemand, der die Zeitläufte genau beobachtet und sie mit kaltem Herzen protokolliert. Dabei urteilt er nicht, sondern stellt bloß dar - in der Hoffnung, die beschriebenen Missstände sprächen für sich.

Dieser zurückhaltende, archivarische Ansatz war in der DDR-Literatur verbreitet, wo direkte Gesellschaftskritik der Zensur zum Opfer gefallen wäre. "Ich kritisiere es nicht, ich beschreibe es bloß", hat Heins Kollege Volker Braun einmal gesagt, um sich so listig wie vergeblich gegen die Zensur zu verteidigen. "Chronist des deutschen Ostens" ist deshalb womöglich eine Tautologie, und wer wie Hein darauf beharrt, diese Rolle weiter auszufüllen, setzt darauf, dass der kritische Impuls auch in einer anderen, auf derbere Reize getrimmten Öffentlichkeit verstanden wird.

Der Ort, an dem Hein seine Chronik angesiedelt hat, heißt Guldenberg. Diese fiktive Kleinstadt an der Mulde, die schon in zahlreichen seiner Romane eine Rolle spielte, ist dem nordsächsischen Bad Düben nachempfunden, wo Hein 1944 geboren wurde. Obwohl er vor ein paar Jahren angekündigt hat, dass es nun genug sei mit Guldenberg, ist es nun sogar zum Titel und zum zentralen Gegenstand seines neuen Romans geworden. Denn wenn es im Geflecht des agierenden Personals eine Hauptfigur gibt, dann ist es die Stadt selbst.

Alle Institutionen der Stadt werden getreulich abgearbeitet

Ein auktorialer, allwissender Erzähler nimmt kapitelweise das Personal in den Blick: den anständigen, aber etwas hilflosen Bürgermeister. Den Pfarrer, der sich am liebsten versetzen ließe, dann aber doch seinen Mann steht. Den intriganten Vorsitzenden des Kirchengemeinderats. Den Unternehmer, der in seiner Fabrik dreirädrige Kleintransporter herstellt und damit viel Geld verdient, bis er von einem Rumänen übers Ohr gehauen wird. Den korrekten Polizeichef und seine abwiegelnden Mitarbeiter. Eine lästerliche Skatrunde in der Gastwirtschaft.

Vor allem aber ein paar Jugendliche aus Syrien und Afghanistan und ihre sorgenden, besorgten Betreuerinnen. Auf diese Weise werden die Institutionen der Stadt - Rathaus, Kirche, Polizei, Wirtschaft und Öffentlichkeit - getreulich abgearbeitet. Platz für Überraschungen oder auch nur ein Eigenleben der Figuren, das über ihre Funktion hinausreichen würde, gibt es nicht, ebenso wenig wie jemanden, der auch nur ein kleines bisschen Empathie erwecken könnte.

Die Geschichte ist einfach, und sie ist aus Medienberichten nur allzu bekannt: Die "unbegleiteten Jugendlichen" aus Syrien und Afghanistan erwecken den Argwohn vieler Einwohner, die keine Fremden im Ort dulden wollen. Also passiert all das, was zu befürchten steht und was kritisch darzustellen die gute Absicht des Romans ausmacht: In die Fenster der Unterkunft fliegen Ziegelsteine. Am Auto einer Betreuerin werden die Reifen durchstochen.

Ein junges Mädchen behauptet, vergewaltigt worden zu sein, kann aber keinen der Angreifer identifizieren. Und obwohl sich herausstellt, dass sie die Sache erfunden hat, weil sie von ihrem Freund schwanger ist und Angst hat, das zu gestehen, bleiben die Fremden in den Augen vieler Guldenberger verdächtig, weil der Verdacht die eigenen Ressentiments nährt und also unverzichtbar ist.

"Guldenberg" besteht vor allem aus Dialogen, die seltsam hölzern wirken

Hein interessiert sich dafür, wie Gerüchte entstehen, wie Vorurteile sich verfestigen, doch er kommt in seiner Darstellung nicht über Klischees hinaus. Er zeigt, wie Geschäfte gemacht werden und wie Politik vor Ort funktioniert, indem man auf kleine oder größere Gefälligkeiten setzt und gerne auch mal die Vergangenheit vergisst. Im deutschen Osten heißt das vor allem, einstige Parteimitgliedschaften und DDR-Opportunismen auf sich beruhen zu lassen. Das alles ist - und daran krankt diese Chronik - allzu bekannt. Hein steuert keine neuen Erkenntnisse oder Sichtweisen bei, auch wenn alles stimmt, alles sauber konstruiert ist und die Ereignisse erwartungsgemäß und folgerichtig ablaufen.

Christoph Hein: Guldenberg. Roman. Suhrkamp, Berlin, 2021. 284 Seiten, 23 Euro.

"Guldenberg" besteht vor allem aus Dialogen, die seltsam hölzern wirken, als habe Hein nicht wirkliche Menschen vor Augen gehabt, sondern Papiergestalten, die jargonfrei und immer etwas zu elaboriert sprechen, als wäre das Ganze kein Roman, sondern eine Drehbuchvorlage fürs ZDF-Vorabendprogramm. Dort wäre "Guldenberg" tatsächlich gut aufgehoben, mit Jan Josef Liefers als Bürgermeister, Thomas Thieme als Unternehmer und Dagmar Manzel als gute Flüchtlingsmutter.

Dann könnte man sich sorgenfrei zurücklehnen, weil die Wirklichkeit auf überschaubare Weise schlimm ist, genauso, wie es in jeder ordentlichen Tageszeitung steht. Aber wozu soll man dann noch einen Roman lesen? Vielleicht ist Literatur ja doch ein bisschen mehr als bloß das Abbild der Wirklichkeit. Und, schlimmer noch: Auch die Wirklichkeit ist ein bisschen mehr als nur die Summe von - wenn auch wahren - Klischees.

Christoph Hein: Guldenberg. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 284 Seiten, 23 Euro

© SZ/fxs
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