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Nachruf:Politischer Poet

CRISTOBAL HALFFTER El director de orquesta y compositor espanol Cristobal Halffter. The Spanish orchestra director and c

Meister im Verdichten: Christóbal Halffter, Komponist und Dirigent.

(Foto: JOSE AYMÃ/imago images/El Mundo)

Sein erstes Stück war ein Skandal, dennoch berief man ihn in Madrid zum Musikprofessor. Jetzt starb der Komponist und Dirigent Christóbal Halffter mit 91 Jahren im nordspanischen Städtchen Ponferrada.

Von Helmut Mauró

Natürlich konnte er auch mal wild rudern und am Dirigentenpult für einen Moment gleichsam explodieren, aber meist wirkte er dort so ruhig und abgeklärt, so vorsichtig und bedächtig, als fürchte er um jede einzelne Note, die falsch oder gar nicht erklingen könnte. Dann erschien der Dirigent Christobal Halffter wie ein Magier, dann spürte man, dass hier einer nicht nur mit den Orchestermusikern mitfieberte, sondern zuallererst mit dem Werk. Selbst als praktisch agierender Musiker blieb er im Grunde seines Herzens Komponist, bedächtiger Tonsetzer, Klangerzähler. Er liebte das Atmosphärische, aus dem sich das musikalisch Logische herausschälte wie aus einer reifen Frucht. In seinem Klavierkonzert kann man das deutlich erleben, aber auch in seiner großen Oper "Don Quichote", uraufgeführt 2000 in Madrid, die mit einem zarten Lamento der Holzbläser und hohen Streicher beginnt, bevor sich das Spektrum der Instrumentfarben ganz auffächert zu einem gewaltigen Klangraum. Ganz so, als wolle Halffter nicht nur das Orchester als Ganzes dem Gesang entgegenstellen, sondern jede einzelne Instrumentengruppe.

Das eigentlich genialische aber war Halffters Kunst des Verdichtens. Es entstanden Klangballungen von extremer Ausdrucksintensität, die dadurch möglich wurden, dass der Komponist nicht einfach aufeinanderschichtete, sondern fein strukturierte. Statt eines amorphen Klangklumpens entstand so ein komplex funkelndes Gebilde.

Halffter brachte beides zusammen: Emotionalen Aufruhr und kalte Logik, maximalen Ausdruck und strenge Disziplin, romantische Klangwucht und spröde Moderne. Dies zu erreichen erschien seine Ausbildung im Nachhinein geradezu ideal. Denn eines lernte er dort nicht kennen: die facettenreiche, zu großen Teilen aber auch extrem individualistische Moderne. Die musste sich Halffter selbst erarbeiten, neugierig erschnuppern, schließlich tatkräftig selber mitgestalten.

Halffter dachte auf eine verschlungene Art ahistorisch, als wolle er alle Kunstmöglichkeiten aller Stile und Epochen gleichwertig zur Verfügung haben. Eine Opernarie changierte da plötzlich zwischen Renaissance- und Barockgesang, während das Orchester gleich darauf wieder ins 20. Jahrhundert wechselt. Und manchmal überlappt sich beides zu einer herrlich hybriden Form überzeitlicher Ausdruckskraft. Dass dabei alles so frei und so wenig nachgemacht klang, verwies wiederum auf das Selbststudium der Moderne, allerdings auf der Grundlage einer soliden konservativen Musikausbildung, die er 1939 bis 1951 in Madrid erfuhr, unter anderem als Privatschüler des damals schon über 70-jährigen Komponisten und Geigers Conrado del Campo. Halffter war aber gleichsam familiär vorbelastet. Klavierunterricht erhielt er von der Mutter, und seine beiden Onkel Ernesto, Schüler von Manuel de Falla, und Rodolfo waren renommierte Komponisten, die auch sein Schaffen zumindest in jungen Jahren beeinflussten - etwa bei der Sonata für Klavier von 1951.

Halffter blieb immer auch ein politischer Musiker

Der spanische Bürgerkrieg zerstreute die kunstsinnige Familie in alle Welt, den sechsjährigen Christóbal führte es 1936 mit den Eltern ins westfälische Velbert, ins Land des Großvaters. Drei Jahre harrte die Familie dort der Rückkehr nach Madrid, währenddessen Christóbal einen deutschen Volksschulabschluss absolvierte. Auch das Abitur erfolgte an einer deutschen Schule, bevor Halffter seine eigentliche Ausbildung am Madrider Konservatorium begann. Seine Abschlussarbeit, ein Scherzo für Orchester, wurde mit dem Primer premio extraordinario de composición ausgezeichnet. Für die weitere Entwicklung erwiesen sich das Klavierkonzert von 1952 mit seinen rhythmisch fokussierten Ecksätzen bedeutsam, die drei Stücke für Streichquartett von 1955, Dos movimientos für Streichorchester ein Jahr später, die Introducción, fuga y final für Klavier von 1957, schließlich die Tres piezas für Flöte solo von 1959, in denen er die Zwölftontechnik adaptierte. Im konservativen Franco-Spanien war das ein Skandal. Halffter aber blieb dabei, erweiterte Arnold Schönbergs Atonalität um die Parameter der Tondauer und Lautstärke. Spätestens in den Cinco Microformas für Orchester von 1960 wird dies deutlich. Mehr und mehr verabschiedete sich Halffter von Tonalität oder gar der folkloristischen Tradition de Fallas und suchte den Anschluss an die Darmstädter Schule, die seinerzeit als Maßstab der Moderne galt.

Bei aller Abstraktion der Mittel, bei aller eigentümlichen Poesie, blieb Musik für Halffter aber primär ein Medium, das mit Menschen zu tun hatte, ein Kommunikationsmittel, und zwar ein politisches. Zum 20. Jahrestag der Proklamation der Menschenrechte schrieb er 1968 im Auftrag der Vereinten Nationen die Kantate "Yes Speak Out Yes", 1971 dann "Planto por las vicitmas de la violencia" sowie das "Requiem por la libertad imaginada", 1975 die "Elegias a la muerte de tres poetas espanoles", und auch noch später, etwa 1995 mit dem "Memento a Dresden" zum 50. Jahrestag der Bombardierung, widmete er sich politischen Themen.

Schließlich ist auch sein "Don Quichote" eine hochpolitische Figur rebellischen Denkens und realistischen Scheiterns. So gesehen kann man auch seine Bekenntnisoper "Lázaro" (2008) und selbst die "Schachnovelle" (2013) nach der Novelle von Stefan Zweig, uraufgeführt am Opernhaus von Kiel, politisch verstehen, aber nicht im aktuellen Sinn als moralisch überheblich oder propagandistisch.

Im Denken wie in seinem konkreten Klangschaffen blieb der Komponist seriös, humanistisch, menschlich. Vor genau 29 Jahren dirigierte Halffter im Münchner Herkulessaal sein Cellokonzert; der legendäre Boris Pergamentschikow hat die am Ende doch tröstlich anmutende Klage plastisch aufleben lassen. Die Ruhe am Ende klang noch lange nach. Überschrieben ist das Stück mit "No queda más que el silencio" - nichts bleibt übrig als die Stille, für viele Philosophen die Essenz aller Musik. Am 23.Mai verstarb Christobal Halffter nun 91-jährig im nordspanischen Städtchen Ponferrada.

© SZ/freu
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