Aktionskunst:Das letzte Geschenk

Aktionskunst: Normalerweise reicht ein kurzer Blick auf den von Verkehr umtosten Triumphbogen in Paris, dann ist man froh, das Denkmal hinter sich lassen zu können. Nach seiner Verhüllung durch Christo ist das nun ganz anders.

Normalerweise reicht ein kurzer Blick auf den von Verkehr umtosten Triumphbogen in Paris, dann ist man froh, das Denkmal hinter sich lassen zu können. Nach seiner Verhüllung durch Christo ist das nun ganz anders.

(Foto: Geoffroy van der Hasselt/AFP)

Es sind spektakuläre Tage hier in Paris - wo Christo einst zu sich selbst, zur Liebe und zu seiner Berufung fand. Mit der Verhüllung des Arc de Triomphe geht sein Wirken nun zu Ende. Über eine Stadt in Euphorie.

Von Nils Minkmar

Jérôme strahlt. Geduldig erklärt der Mann im orangefarbenen Overall seinen Job, für den sich heute Journalisten aus der ganzen Welt interessieren: Schwarzes Seil zum Arbeiten, rot-gelbes zum Sichern, es wirkt ganz einfach. "Endlich mal was anderes als immer nur Industriesachen, wo keiner hinsieht." Er plaudert und lacht noch kurz, dann verschwindet er hier oben hinter der Brüstung des Arc de Triomphe, wir befinden uns in 50 Meter Höhe, und er seilt sich nun ab. Für die Menschen unten auf den Champs-Élysées ist er nur noch als Punkt zu sehen. Heute macht der Fassadenkletterer Kunst mit den Mitteln des modernen Handwerks: Er muss helfen, die dicken, roten Schnüre um den Arc de Triomphe zu spannen, damit das alte Ding, auf dem wir stehen, aussieht wie ein nagelneues, wunderbares Geschenk.

Die Verhüllung des Bauwerks durch die Männer und Frauen des Christo-Projekts ist fast vollendet, aber eben noch nicht ganz. Oben auf der Terrasse gibt es zum Beispiel noch diese Falte. Der Stoff soll überall eng anliegen, aber an dieser einen Stelle wölbt sich eine Ecke. Anne Burghartz, die leitende Ingenieurin der deutschen Firma Schlaich Bergermann Partner, und ihr Kollege betrachten die störrische Ecke, raffen den Stoff testweise, suchen nach einer Lösung. Es ist wie kurz vor Weihnachten, bloß umgekehrt: Diese Verpackung soll nicht verbergen, sondern sichtbar machen. Und das Geschenk gehört den Beschenkten bereits, sie hatten es nur vergessen.

Der Arc de Triomphe ist kompliziertes Bauwerk. Die Triumphe, die hier begangen werden sollen, werden heute nicht mehr als solche empfunden. Es steht inmitten eines höllischen Verkehrs, der seit Corona noch zugenommen hat, denn viele Menschen meiden die Métro und die Busse. Nichts lädt hier zum Verweilen ein. Normalerweise reicht ein kurzer Blick und man ist froh, das Denkmal hinter sich lassen zu können. Es ist auch ein Grab: Seit hundert Jahren ruht hier die Leiche eines unidentifizierten Infanteristen aus dem Ersten Weltkrieg. Man fand damals, dass nicht nur Generäle und Feldherren monumental geehrt werden sollten. Allabendlich wird um halb sieben die Flamme am Grab neu entzündet, darum kümmert sich ein Verein. Die Christo-Baustelle hatte dann Pause. Es ist ein Ort, der Fragen aufwirft, deren Bearbeitung einen bedrücken muss.

Verhüllung Pariser Triumphbogen

Der Künstler Christo starb im vergangenen Mai. Die Verhüllung des Triumphbogens in Paris hatte er noch selber vorbereitet.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Heute, während unseres Besuchs, ist es anders. Durch die großen Flächen von reflektierendem, silbernem Material ist es auf dem hohen Bauwerk, das selbst auf einem Hügel steht, wie bei Sonne in den Bergen: So hell, so warm - man ist hier oben erfasst von einem alpinen Wahnsinn, einer Euphorie mitten in Paris.

Als Emmanuel Macron Christos Skizze sah, war er sofort begeistert und drängte alle zur Eile

Der Präsident des Zentrums der nationalen Bauwerke, Philippe Delaval, ein ernster Mann mit einer großen Verantwortung, erzählt oben freimütig von seinem ersten Treffen mit Christo, um dieses Projekt zu besprechen. "Ich war direkt einverstanden. Als er dann aus meinem Büro hinausging, drehte er sich noch mal um und fragte: 'Dann geben Sie einfach so ihr Okay?' Er war fast ein bisschen enttäuscht, dass es so schnell geht." Präsident Delaval, der mit seinem mausgrauen Anzug, weißen Haaren und verschmitztem Lächeln aussieht, wie vom großen Sempé gezeichnet, erzählt dann noch ein bisschen vom nächsten Schritt. Denn obwohl er viel zu sagen hat, hat er eben nicht alles zu sagen, nicht das berühmte letzte Wort, denn es geht immerhin um den Arc de Triomphe. Also ging Präsident Delaval zum Präsidenten Macron. "In meiner Jackentasche hatte ich Christos Skizze vom verhüllten Arc de Triomphe. Das legte ich ihm vor und wusste, jetzt ist es Kopf oder Zahl!" Aber auch Emmanuel Macron war sofort begeistert und drängte alle Beteiligten zur Eile. Es lag dann an Corona, aber auch an einem nistenden Falkenpärchen, dass sich die Eröffnung verschob, sodass Christo selbst sie nicht mehr erlebt hat.

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Mit Christos Kunst ist es wie an Weihnachten, bloß umgekehrt: Diese Verpackung soll nicht verbergen, sondern sichtbar machen.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

Christos Neffe Wladimir leitet das Projekt, ein Mann von beeindruckender Kraft und Energie. Er erinnert in der Pressekonferenz daran, dass Paris die Stadt war, in der sein Onkel zu sich selbst fand. Hier begann er Anfang der Sechzigerjahre, seine Werke mit "Christo" zu unterzeichnen, hier traf er Jeanne-Claude Denat de Guillebon, mit der er bis zu ihrem Tod 2009 lebte und arbeitete. In Paris fand auch ihre erste öffentliche Kunstaktion statt: Aus Protest gegen den Bau der Berliner Mauer stellten sie im Juni 1962 in der Rue Visconti 89 Ölfässer auf. Eine Genehmigung hatten sie für die mehr als vier Meter hohe Wand nicht, so endete die Aktion auf dem Kommissariat. Anklage wurde aber nicht erhoben.

1985 verpackten Christo und Jeanne-Claude in Paris ihr erstes historisches Bauwerk: den Pont-Neuf, eine der ältesten Brücken der Stadt

Viele Jahre später landet Christo in Paris den entscheidenden Coup seiner Karriere: Zehn Jahre brauchte es, um die Genehmigung zu bekommen, den Pont-Neuf, eine der ältesten Brücken von Paris, zu verhüllen. Im September 1985 war es dann so weit: Die Brücke wurde das erste von Christo und Jeanne-Claude verpackte historische Bauwerk. Damals waren große Teile der Politik, der Kunstkritik und der Presse skeptisch bis ablehnend, aber die Leute waren schon viel weiter und nahmen die ganze Sache mit Begeisterung auf. Drei Millionen Menschen besuchten den verpackten Pont-Neuf, eine neue Ära der kulturellen Modernität brach in Paris an. Sie gipfelte in den von Jean-Paul Goude inszenierten, waghalsig modernen Feiern zum zweihundertsten Jahrestag der Französischen Revolution 1989 - bis zum Fall der Berliner Mauer war Paris wieder die unangefochtene Hauptstadt der coolen Welt. Bei den heute amtierenden Politikerinnen und Politikern mag der Wunsch mitschwingen, dass Christos Genie auch diesmal solch einen Segen bringt.

Künstlerin Jeanne-Claude tot

Christo und Jeanne-Claude lernten sich in Paris kennen. Sie lebten und arbeiteten bis zu Jeanne-Claudes Tod 2009 zusammen.

(Foto: Roland Schlager/dpa)

Das Werk wirkt in seiner analogen Schlichtheit unwiderstehlich einladend. Man kann es berühren, die handwerkliche Umsetzung bewundern und sich an der Helligkeit und dem silbrigen Farbschimmer erfreuen. Die Botschaft von der Sichtbarmachung durch Verhüllung verstehen schon Kinder. Es ist Kunst auf Zeit, ein Fest, zu dem alle eingeladen sind. Und es schließt sich ein Kreis: Was Christo solo in seinem kargen Atelier ersonnen und gezeichnet hat, wird nun von mehr als tausend Menschen begeistert umgesetzt. Ingenieurinnen, Handwerker, Arbeiter - alle fair bezahlt - arbeiten an der Verwandlung des Projekts.

Es gibt keine Tickets, kein Zeitfenster. Man kommt und bleibt und bekommt sogar ein kleines Quadrat der Plane geschenkt

Der Zauber hat eine gut durchdachte materielle Basis, die gerade in einer für viele ihrer Bewohner so gnadenlos teuren Stadt wie Paris eine besondere Wirkung entfaltet: Es gibt keine Tickets, keine Zeitfenster, man kommt und bleibt und bekommt sogar ein kleines Quadrat der Plane geschenkt. Diese ökonomische Verfassung des Kunstwerks macht es so besonders: Für die Besucherinnen und Besucher ist alles umsonst, man wird auch nicht mit einem endlosen Sponsorenmosaik behelligt. Vielmehr wird, wie an Weihnachten und Geburtstag zusammen, die ganze Geldsache hinter den Kulissen geregelt.

Wie das genau funktioniert, zeigt der Dokumentarfilm "Christo - Walking on Water" aus dem Jahr 2018. Der bulgarische Regisseur Andrey Paounov begleitet darin ein anderes Christo-Projekt: Die 2016 realisierten, schwimmenden Piers auf dem italienischen Iseo-See. In einer verblüffenden Szene sieht man, mit welcher Geschicklichkeit Wladimir Jawaschew operiert, wenn es darum geht, die Kunstwerke seines Onkels gewinnbringend zu verkaufen. Ein italienischer Kunsthändler wird empfangen, der einige von den vierzig Werken zum Projekt erwerben möchte. Als er sich telefonisch erkundigte, wurden ihm noch recht niedrige Preise für die großen Formate genannt. Doch es sind schon viele Bilder verkauft worden, die Preise sind gestiegen. Waldimir versucht, dem Mann diese unerbittliche Marktlogik nahezubringen, aber der kann es einfach nicht fassen. Er ruft seine Frau an, um ihr Einverständnis einzuholen, nun viel mehr Geld für einen viel kleineren Christo auszugeben. Er schwitzt, ringt um Konzentration, legt A4-große Bilder nebeneinander, wo er doch etwas in Tischplattengröße erhofft hatte. Wladimir geht mit ihm vor die Tür, abseits der Kamera, kehrt wieder, berührt seinen Nacken, baut Druck auf und löst ihn wieder. Schließlich willigt der nun völlig blasse Anzugträger ein und zieht das Ende seiner Krawatte in die Höhe, als würde er sich aufhängen müssen, weil es so teuer ist. Die Reichen zahlen, die vielen freuen sich. Bei Christo steht der Kapitalismus kopf. Wichtig war ihm, dass seine Aktionen keinen Zweck erfüllen - totally useless ist das Motto seiner Kunst.

In Paris, wo die Luft wegen des nahenden Wahlkampfs noch politisierter ist als ohnehin schon, versucht man es dennoch. Die sozialistische Bürgermeisterin freut sich, dass der Platz um den Arc de Triomphe an den Wochenenden zur Fußgängerzone wird ­- und wird genau deswegen angefeindet. Darauf entgegnet sie sanft, als würde sie Ewiggestrige aufklären müssen: "Die Nutzung der Place de l' Étoile stammt ja noch aus einer Zeit, als man Städte um die Autos herumbaute. Die ist aber lang vorbei."

In der Pressekonferenz spricht dann noch die Kulturministerin Roselyne Bachelot, eine Veteranin der französischen Politik. Traditionell bekleiden Figuren mit intellektueller oder kultureller Ambition das Amt, das hat ihr noch niemand attestiert, aber sie ist mit viel Herzblut dabei. Bachelot trägt eine gut gearbeitete Rede vor, steigert sich dann richtig hinein. Als würde sie es von der Spitze des Arc des Triomphe in die ganze zivilisierte Welt rufen, wendet sie sich an den verstorbenen Christo, der als mittelloser Flüchtling aus Bulgarien nach Frankreich kam: "Danke für dein Genie. Danke für den Wahnsinn. Danke für die Poesie." Lächerlich eigentlich, aber man spürt, wie die Tränen in die Augen schießen, weil an Wahnsinn kein Mangel herrscht, aber von der falschen Sorte. Wird es so etwas je wieder geben? Vermutlich nicht. Aber erst mal beginnt jetzt das Fest.

© SZ/thba
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