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Christina Pareigis' Biografie von Susan Taubes:Überall im Exil

Susan Taubes

Welche Rolle kann die Religion in einer aus den Fugen geratenen Welt noch spielen? - Susan Taubes.

(Foto: Privatbesitz von Tanaquil Taubes und Ethan Taubes)

Ringen um die Notwendigkeit des eigenen Daseins: Die erste Biografie der Schriftstellerin und Philosophin Susan Taubes.

Von Johanna-Charlotte Horst

Susan Taubes promovierte über Simone Weil, war mit Hannah Arendt bekannt, mit Susan Sontag befreundet. Wäre ihr Werk zu Lebzeiten wahrgenommen worden, hätte sie in den schmalen Kanon der großen intellektuellen Frauen aufgenommen worden können. Ihr Leben ließe sich dann als Erfolgsgeschichte à la Susan Sontag erzählen. Christina Pareigis' im Wallstein Verlag erschienene Studie "Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie" unternimmt diesen Versuch. Sie stellt ihre Protagonistin als eine Denkerin vor, die die historischen Brüche ihrer Zeit verstehen wollte.

Taubes' Vater war ein jüdischer Psychoanalytiker, der allein mit der Tochter 1939 von Budapest in die USA auswanderte. Die dadurch entstandene Kluft zwischen einer jüdischen Herkunft und einem religionsfernen, bildungsbürgerlichen Leben beschäftigte Taubes ihr Leben lang. Sie fühlte sich radikal nicht-zugehörig, überall im Exil. Als ob sie dieser inneren Situationen einen äußeren Ausdruck geben wollte, war Taubes ständig auf Reisen. Und wo auch immer sie sich ein Zuhause einrichtete, entstand ein improvisierter Durchgangsort.

In ihrem autobiographisch gefärbten Roman "Divorcing" wird diese Ruhelosigkeit als Bewältigungsstrategie beschrieben: "This seemed the obvious way to deal with things: pack and unpack and pack again if you were travelling, and Sophie had been traveling all her life." Mit dem Leben zurecht zu kommen, heißt für sie: packen, auspacken, packen. Taubes bewegte sich aber nicht nur zwischen den USA, Israel und Europa hin und her, sondern auch zwischen der Philosophie, der Ethnologie und einer sehr ernst genommenen Passion für die Schauspielerei. Ihr Werk ist entsprechend zerstreut. Man muss es aus verschiedenen Zeitschriften und noch zu sichtenden Kisten auflesen.

"Liebling, rette mich aus dem Alptraum, den Männer Religion nennen."

Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere widmete Taubes sich der Tragödie: Das Tragische, so Taubes, stelle eine Art Übergangstadium dar und stehe zwischen liturgischem Ritual und einem Denken in Begriffen, seien es nun metaphysische oder psychoanalytische. Über die Tragödie kommt Taubes zu der existenziellen Frage, welche Rolle die Religion in einer aus den Fugen geratenen Welt noch spielen kann.

In ihrer Promotion "The Absent God" verbindet sie dieses Problem mit der Frage, wie es trotz Aufklärung zur Shoa kommen konnte. Damit tritt sie mit vielen anderen Denkerinnen und Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Arendt oder Adorno ins Gespräch. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht die Mystikerin Simone Weil. Weil konvertierte vom Sozialismus zum Mystizismus und vereinte in ihrem Denken Politik und Religion. Das Spannungsverhältnis dieser Sphären wird in "The Absent God" als Symptom einer Epoche entziffert, die auch Taubes' Gegenwart noch bestimmt.

Christina Pareigis: Susan Taubes - Eine intellektuelle Biographie. Wallstein, Göttingen 2020. 472 Seiten, 29 Euro.

So sehr man aber die intellektuellen Leistungen Taubes betont, müssen sowohl Pareigis als auch eine Rezensentin ihrer Biographie Susan Taubes' Ehe mit Jacob Taubes den Platz einzuräumen, den er im Leben nun einmal hatte. Zu den Alltagsproblemen eines gemeinsamen Lebens kam im Hause Taubes noch die Auseinandersetzung über die richtige Lebensform hinzu. Die Vorstellungen davon gingen weit auseinander. Da sie jedoch das Resultat existenziell-philosophischer Positionierungen waren, ließen sie sich kaum verhandeln. Letztendlich scheiterte daran die Ehe der Taubes. Das legt zumindest Pareigis nah, wenn sie feststellt, dass "in der Verständigung des Paars über Themen wie Gesetz und Gerechtigkeit, Geschichte und 'letzte Dinge' die Frage nach ihrem gemeinsamen Leben auf dem Spiel stand".

In einem frühen Brief an ihren Gatten schreibt Susan Taubes, wie traurig und hoffnungslos sie über die vielen Missverständnisse sei: "Liebling, rette mich aus dem Alptraum, den Männer Religion nennen." Wie auch immer Jacob Taubes' theologisches Programm auszubuchstabieren ist, er wollte ein frommer Jude sein und sich an die Regeln seiner Religion halten. Ein Alptraum für seine Lebenspartnerin. Sie bittet ihren Mann darum, eine Grenze zwischen Privatleben und seiner akademischer Arbeit über jüdische Religionsphilosophie zu ziehen. Wie so oft mangelte es offenbar auch dieser intellektuellen Ehe an derartigen Safespaces.

Nach einer längeren Europa-Reise und unmittelbar nach Erscheinen ihres Hauptwerks, dem Roman "Divorcing", nimmt Susan Taubes sich 1969 das Leben. Mit der Vollendung ihres Buches, so David Rieff, Susan Sontags Sohn, war die Notwendigkeit des eigenen Daseins abhanden gekommen. Er schreibt im Vorwort der 2020 erschienenen Neuauflage von "Divorcing": "Taubes Werk und ein großer Teil ihres Lebens waren Proben für ihren eigenen Tod." Um so unglücklicher, dass die deutsche Publikation des Buches in den Neunzigerjahren unter dem Kitsch-Titel "Scheiden tut weh" vor allem als Schlüsselroman gelesen wurde, in dem die dreckige Wäsche eines prominenten FU-Professors, der Jacob Taubes zu diesem Zeitpunkt war, gewaschen werde.

Pareigis beschreibt in ihrer Biografie mit großer Materialfülle ein Leben, das viel zu lange vom Schatten des Ehemanns verdeckt wurde. Man darf gespannt sein, in welche Richtungen das Nachdenken über die Philosophin und Schriftstellerin Susan Taubes in den kommenden Jahren gehen wird.

© SZ/crab
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