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Christian Kracht in Frankfurt:Aus purer Machtfreude - und aus Ästhetizismus

Das Trauma des Missbrauchs zieht sich durch Krachts gesamtes Werk, der Autor fächerte es in Frankfurt selbst auf: Es taucht auf in dem Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", wo der afrikanische Protagonist das Lesen von einem weißen, masturbierenden Priester lernt, und wo an entscheidender Stelle das Buch "The Reverend Keith Gleed's Entomology of Canadian Insects" auf einem Tisch liegt, nämlich kurz bevor der Protagonist erfährt, dass man ihn mit falschen Erinnerungen gefüttert hat. Es taucht auf in den traumatischen Internatserfahrungen des japanischen Ministerialbeamten Masahiko Amakasu, in Krachts jüngstem Roman "Die Toten". Es taucht auf in dem Roman "Imperium", in dem August Engelhardt, als er Geborgenheit sucht, ewig im Bett liegt und am Daumen nuckelt, genau wie es der junge Christian Kracht getan hat, als ihm niemand glauben wollte, dass er sexuell missbraucht worden war.

Und es taucht nicht zuletzt auf in der Beziehungsunfähigkeit all seiner Protagonisten, in ihrem Solipsismus, ihrer "ausschweifenden Unbarmherzigkeit", in ihrem "aggressionsgesättigten, sublimierten Inneren", in ihrem "Körperpanzer" und ihrem "sekundären Ich", die sie sich zur Angstabwehr zugelegt haben, in der "Fetischisierung und Totemisierung der zweiten Haut". Seine Charaktere erklärte Kracht in Frankfurt vor allem mit dem Vokabular, das der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit 1977 in seiner bahnbrechenden Untersuchung "Männerphantasien" entwickelt hat, um das faschistische Subjekt zu beschreiben.

Er habe sich lange gefragt, was Pastor Keith Gleed wohl dazu bewogen habe, den Kindern, die ihm anvertraut worden waren, in diesem Ausmaß Gewalt anzutun. Er habe sie sich geradezu herangezüchtet, sagte Kracht, abends sei er an ihre Betten getreten, habe vor dem Einschlafen hier eine Wange gestreichelt, dort eine Locke hinters Ohr geschoben, wohl auch, um herauszufinden, welcher der Jungen sich gegen solche Zärtlichkeiten nicht wehrt. Zwei Antworten habe er gefunden: Erstens die Freude daran, rohe, nackte Macht auszuüben. Zweitens ein gewisser Ästhetizismus.

Und das sind nun auch die beiden Pole, um die vom ersten Tag an Christian Krachts Schreiben kreist. Bei Kracht geht es immer um die Opulenz der Mitleidlosigkeit, um den seltsam überkompensatorischen Geschmackssinn der Massenmörder. In "Faserland" geht es um ein selbstvergessenes Westdeutschland, das schon wieder reich ist, Mercedes fährt und Hugo Boss trägt, obwohl die Spuren der Schoah kaum verweht sind. In "1979" bricht, während der Protagonist gerade auf einer ausschweifenden, homosexuellen Party in Teheran ist, die Islamische Revolution aus. In "Imperium" ist es der Kolonialismus und in "Die Toten" wieder der Faschismus, die Figuren das Leben zur Hölle machen, die im Grunde nur ihren Sinn für das Schöne und Vergängliche ausleben möchten.

Das Bewusstsein für die Vergänglichkeit aller Dinge, sagte Kracht in Frankfurt, wecke den Sinn für das Schöne und rufe sanfte Traurigkeit hervor. Sein eigenes Leben beschrieb er als eine "Suche nach Empfindlichkeit dem Ephemeren gegenüber, der Erkenntnis, dass das die Realität unseres Lebens ist." Er sprach vom Gewicht der Wackersteine, die Virginia Woolf sich in die Taschen gesteckt hat, bevor sie in den Fluss gegangen ist, von T. S. Eliot und Marguerite Duras. Er rezitierte "The Song of Wandering Angus" von William Butler Yeats und William Blakes "Jerusalem", die Hymne des Lakefield College, die die Schüler morgens in der anglikanischen Kirche gesungen haben, in der Keith Gleed jetzt das Taufbecken gewidmet werden sollte.

Das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Künstler war lange von der Frage geprägt, ob es sich bei seinen Texten und Auftritten lediglich um postmoderne Sprachspiele handelt, ernst konnte das schließlich niemand meinen: dieses Pathos, dieser hohe Ton. Kracht wurde als souveräner Dompteur aufgefasst, der das Publikum am hermeneutischen Zirkel durch die Manege führt. In Frankfurt stellte sich jetzt heraus: Ein Spiel ist es nie gewesen. Der Christian Kracht, der dort am Pult stand, hat noch nie einen ironischen Satz geschrieben. Es ging immer um alles, um den Menschen, den Humanismus. Jeder Roman, jede Erzählung war, so sieht es nach dieser großen Rede aus, einer einzigen Frage gewidmet: Der Frage, wie eine Kultur, die so viel Schönes hervorgebracht hat, gleichzeitig so grausam sein kann.

© SZ vom 17.05.2018/cag

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