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Nachruf auf Christian Broecking:Kosmischer Kenner

Christian Broecking, Jazz, Journalist 2010

Der Jazzkenner Christian Broecking beim Begeistern für die ihm liebste Musik.

(Foto: Roland Owsnitzki/imago images)

Der Enzyklopädist Christian Broecking nahm die Jazzer so ernst wie sie ihn. Jetzt ist dieser grandiose Kritiker, Forscher, Soziologe und Radiomann mit 63 Jahren gestorben.

Von Andrian Kreye

Christian Broecking ist gestorben, der den Jazz erforscht hat und für den die traditionellen Berufsbezeichnungen (Kritiker, Musikwissenschaftler, Soziologe, Buchautor, Radiomacher) nicht so recht greifen. Das passt zu der Welt, die er so gut verstand. Modern Jazz. Das originale Hip. Der Kosmos der Codes und Chiffren, in dem die Kriterien der bürgerlichen Welt an ihre Grenzen kommen. Broecking verstand seine Rolle als Mittler. Er konnte die Geschichte dieser so komplexen Musik genauso gut bei einer Vorlesung an der New Yorker Columbia University erzählen wie in einer Radiosendung oder einem Festivalbericht. Weil er aber wusste, dass die Analyse der Wissenschaft und des Journalismus dem Jazz nie gerecht werden kann, waren es seine Gespräche mit den Schöpfern selbst, die den Kern seiner Arbeit ausmachen. Und sie nahmen ihn ernst wie nur wenige, weil er einer war, der sie nicht nur ernst nahm, sondern verstand. Mit manchen verband ihn eine Freundschaft. Mit Wynton Marsalis zum Beispiel, der ihn daheim in Berlin besuchte, mit Ornette Coleman, der ihn zu sich nach Hause einlud.

Broeckings Erfahrung, sein Verständnis und Gespür waren ein ganzes Lebenswerk

Seine Laufbahn war im notorisch prekären Feld der Jazzpublizistik beeindruckend. In den großen deutschen Blättern war er eine wichtige Stimme, in der Zeit, der taz, der Berliner Zeitung, im Tagesspiegel und auch in der SZ. Zwölf Bücher hat er geschrieben. "Der Marsalis-Faktor", "Black Codes" und "Jeder Ton eine Rettungsstation" waren Grundlagenwerke. Gerade weil die Protagonisten selbst so ausführlich zu Wort kamen. Zuletzt erschien "Respekt! Die Geschichte der Fire Music", in der er gemeinsam mit Leuten wie Sonny Rollins, Archie Shepp und Tyshawn Sorey den sozialen und politischen Kontext des Jazz seit den Sechzigerjahren auffächerte. Viele seiner Werke erschienen in seinem eigenen Broecking-Verlag, in dem er Jazz- und Kunstbücher herausbrachte.

Und dann war da noch das Radio, weil sich Musik letztlich über Musik erschließt. 1994 gehörte er zu den Gründern des Jazzradio Berlin, das es in der Hauptstadt auf UKW zu hören gibt und im Rest der Welt im Netz. Von 2000 bis 2003 war er Redaktionsleiter beim Klassik Radio in Frankfurt.

Die letzten Jahre hatte er mit einer schweren Krankheit zu kämpfen. Am Freitag ist er zu Hause friedlich gestorben. Er war einer, dem man nicht ersetzen kann. Weil seine Erfahrung, sein Verständnis und Gespür ein ganzes Lebenswerk bildeten. Er wurde 63 Jahre alt.

© SZ/rjb
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