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Choreografin Crystal Pite in Paris:Männer zu Tode tanzen, ohne jede Lieblichkeit

(Foto: JULIEN BENHAMOU)

Die kanadische Choreografin Crystal Pite hebt im Pariser Palais Garnier mal wieder alle klassischen Ballett-Routinen aus den Angeln. Formidable!

Von Dorion Weickmann

Zwei Männer, gefangen in einer Todeszelle. Dämmerlicht fällt aus dem Bühnenhimmel des Pariser Palais Garnier in ihr beckettsches Verlies. Der eine Mann liegt bäuchlings, der andere steht. Nüchtern beschreibt eine Frauenstimme, was geschieht: "Figur Nummer 1 macht hundert Schritte. Links, rechts, links, rechts. Immer wieder. Die Hände berühren Kinn, Stirn, Brust." Minutenlang begleitet der Text die Szene aus dem Off, während die beiden Männer sich in einen handgreiflichen Konflikt verstricken: "Figur Nummer zwei holt Figur Nummer 1 ein und hält sie fest. Kampf". Das Duell endet tödlich, wird aber sogleich von einer militärischen Operation überrollt. Drei Dutzend Tänzer in Soldatenmänteln marschieren auf. Das Kollektiv verschluckt die beiden Kombattanten, um wenig später eine Frau auszuspucken und der Vernichtung preiszugeben. Wo sich gerade noch zwei Ebenbürtige an die Gurgel gingen, wird plötzlich jemand ausgelöscht. Ethnische Säuberung ist das Stichwort - nicht gerade ein traditioneller Topos des Balletts.

Aber die kanadische Choreografin Crystal Pite hat die klassischen Routinen längst aus den Angeln gehoben. "Betroffenheit" reagierte 2015 auf den Verlust eines Kindes, "Flight Pattern" zeichnete 2017 in Londons Covent Garden die Flüchtlingskrise nach. Mit dem Pariser Opernballett erkundet die 48-Jährige nun Aggregatzustände von "Body and Soul" zwischen Liebe, Hass und Zorn. In drei Akten bewegt sich das Stück vom alltäglichen Zwist- und Kriegsgeschehen zurück ins 19. Jahrhundert und in die romantische Hochphase des Balletts. Die seinerzeit in Paris uraufgeführtem Meisterwerke, etwa "La Sylphide" oder "Giselle", verzauberten das Publikum mit weiß verschleierten Geisterwesen, deren Mission es war, Männer zu Tode zu tanzen. Solchem Spuk treibt Pites schamanenhaftes Schlusstableau alle Lieblichkeit aus.

Das dreigliedrige Strukturprinzip spiegelt sich in jedem einzelnen Aufzug wie im Aufbau des Abends insgesamt. Architektonische Klarheit hat Pite bei William Forsythe gelernt, zu dessen Frankfurt Ballett sie ab Mitte der Neunziger gehörte. Wo Forsythe aber akademische Posen zitiert, zerlegt und neu aufbereitet, eliminiert Pite alles Abstrakte und entfesselt emotionale Dramatik. Das Ballett läuft bei ihr noch als Dynamo im Hintergrund, aber die erzeugte Energie ist radikal zeitgenössisch. Entsprechend strebt auch der Körper nicht mehr in die Vertikale, sondern orientiert sich an horizontalen und diagonalen Achsen. Ob Sprung, Schritt oder Spitzenposition - der Fuß wird katzenweich abgerollt, das Abwärts mehr betont als das Aufwärts.

Pites Ordnungsmuster schreiben menschliche Beziehungen in den Raum und setzen kinetische Kettenreaktionen in Gang. Sie schrauben Tänzerleiber ineinander, bis der Pulk wie eine Meereswelle emporschießt oder als vielköpfige Serpentine ins Nirgendwo wandert. Irgendwann stößt der Kollektivbauch dann zwei Menschen ins Dunkel, die sich im Streit zerfleischen oder in Sehnsucht verschlingen.

Drei Mal erklingt zunächst die Handlungsanweisung, die Crystal Pite geschrieben und Marina Hands auf Band gesprochen hat. Auf den Zweikampf folgt ein inniges Liebesduett und schließlich ein Inbild der Trauer: Eine Frau kauert am Boden, ihr zur Seite ein Mann - getötet, umgekommen, wie auch immer gestorben. "Links, rechts, links, rechts" - statt wie soeben der Krieger ratlos durch den Raum zu rasen, fasst die Frau verzweifelt die Schultern des Leichnams. "Links, rechts, links, rechts" - es ist der gleiche Text, die gleiche Matrix, aber zuletzt steht da nun eine Pietà. Ganz klar, was Pite mit dieser Dreifachvariation sagen will: Selbst wenn das Schicksalsskript festzustehen scheint, ist es immer noch unsere Entscheidung, was wir daraus machen.

Der zweite Akt verdichtet die psychologische Substanz in den Umrissen des 19. Jahrhunderts. Der Bühnenbildner Jay Gower Taylor räumt dafür den bis dato schwarz verhängten Bühnenkasten leer. Martha Argerichs Einspielung der Chopin-"Préludes" schlägt den Seelenton an. Hier geht es nicht mehr um Dekor oder narrativen Zierrat. Hier geht es nur um Befindlichkeiten, um Triebe und Antriebe menschlichen Handelns, wie sie Dumas, Balzac, Zola, Flaubert in die französische Literatur hineingeschrieben haben. Genau so gefühlsintensiv sind die Pas de deux und Gesellschaftsbilder, die Crystal Pite mit den Pariser Tänzern in das schmucklose Ambiente hineinmalt. Großartig auch, wie sie dabei die Duell-, Liebes- und Trauerepisode des Anfangs noch einmal aufnimmt und - ganz im Stil des Fin de siècle - als soziales Spektakel präsentiert.

Womit das Theater selbst ins Spiel kommt, dem der finale, dritte Aufzug gehört. Ein Düsterwald fährt aus dem Schnürboden herab, alienartige Gestalten quellen auf die Lichtung. Latex-Geschöpfe mit Spitzenschuhen, Flügelstummeln und Scherenhänden, die trefflich als Mordinstrumente taugen: schwarze Sylphiden, die Jagd auf Männer machen und eine Supershow veranstalten, genau wie ihre weißen Schwestern vor fast zweihundert Jahren. Knalliger Schlusspunkt einer Premiere, die ein Prädikat verdient hat: formidable!

© SZ vom 29.10.2019

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