Süddeutsche Zeitung

Chinesischer Thriller im Kino:Boney M. auf Neonsohlen

Diao Yinans Film "See der wilden Gänse" erzählt von einem Gangster auf der Flucht, ist aber vor allem ein wild stilisiertes, poetisches Bildspektakel.

Von Annett Scheffel

Der Schattenriss einer Frau hinter einem Regenschirm. Es ist einer dieser durchsichtigen Plastikschirme; das aufscheinende Scheinwerferlicht eines Autos fällt hindurch, als sie ihn langsam zusammenklappt. Es ist eine Szene von luzider Schönheit, präzise und klar. Die wandernde Silhouette, das Spiel des Lichts auf der nassen, transparenten Oberfläche, das zufällig hingeworfene Muster der herabperlenden Regentropfen.

Ein Moment, der von der Lust an den Bildern erzählt, wie wir ihn in Diao Yinans Noir-Thriller noch oft erleben werden. In "Der See der wilden Gänse" erzählt er die Geschichte zweier Randfiguren in der chinesischen Provinz. Die Frau mit dem Regenschirm ist die Prostituierte Aiai Liu, wie alle Figuren im Film schwer zu durchschauen. Auf einen dunklen Bahnhofsvorplatz trifft sie gleich zu Beginn des Films bei strömenden Regen auf den Gangster Zenong Zhou. Beide sind auf ihre Weise der Flucht vor irgendwas, auf der Suche nach ein bisschen Freiheit, oder einfach nur Erlösung. Aus der Not heraus werden sie sich zur losen Interessengemeinschaft der Filmerzählung zusammenschließen, bei der bis ganz zum Schluss ganz klar wird, wer hier wem vertrauen kann.

Zhou hat nach einer blutigen Revierstreitigkeit versehentlich einen Polizisten erschossen, weswegen nun nicht nur der verfeindete Motorroller-Klan der Katzenaugen-Brüder hinter ihm her ist, sondern auch die Polizei, die eine Prämie auf seine Ergreifung ausgesetzt hat. Die unergründliche Lui kommt ihm bei seinem Plan zu Hilfe: Zhou will sich absichtlich von der Polizei schnappen lassen, damit Liu die 300 000 Yuan Belohnung kassieren und gegen eine Vermittlungsgebühr an seine entfremdete Ehefrau weitergeben kann. Doch erstmal umkreisen sich die beiden argwöhnisch an einem schummrig beschienenen Betonpfeiler des Provinzbahnhofs. Diao Yinan inszeniert ihr Treffen als lange, streng komponierte Zeichenkette aus Gesten und Codes. Liu lässig Zigarette rauchend in einem roten Pullover. Zhou mit einer fein geschwungenen Wunde auf der Wange. Die sich aufeinander richtenden und ausweichenden Blicke. Und die Kamera schleicht lauernd um sie herum.

Das Besondere an "Der See der wilden Gänse" ist nicht die nur im Ungefähren bleibende Handlung: Ihre Grundkonstellation ist simpel - die alte Geschichte vom Jagen und Gejagtwerden -, in ihren Details und Seitensträngen aber zunehmend verworren. Das Wichtigste erzählt Diao Yinan mithilfe von zwei Rückblenden aus der Sicht von Lui und Zhou. Eigentlich interessiert der Regisseur sich aber gar nicht für die Umstände; und auch nicht dafür, die immer neuen auf- und wieder abtretenden Nebenfiguren (Polizeichef, Ehefrau, Motorraddiebe, Zuhälter) zu ordnen.

Gangster im aggressiven Pink eines Hotelzimmers, dann eine Schießerei im Zoo

Im Grunde ist von der chinesischen Filmzensur ohnehin vorherbestimmt, dass es mit einem Verbrecher kein gutes Ende nehmen kann. Diao Yinans Interesse gilt daher anderen Dingen, vor allem seinen zeichenhaften und superstilisierten Bildern: eine Ansammlung von Gangstern im aggressiven Neonpink eines Hotelzimmers; die verschwommenen und vom Regen verwischten Bilder einer Verfolgungsjagd auf Motorrollern; eine spannungsvoll montierte Schießerei in einem Zoo, gegengeschnitten mit den aufgescheuchten Blicken von Tigern, Flamingos und Elefanten. Und immer wieder Reißschwenks, zuckende Schatten an heruntergekommenen Häuserwänden. "Der See der wilden Gänse" ist ein hemmungsloses Spiel mit Formen und Farben. Und wenn Blut spritzt, dann auf abstrakte Weise, wie Farbkleckse in einer Performance

Diao Yinan ist einer der großen Stilisten des chinesischen Gegenwartskinos. Sein Film "Feuerwerk am helllichten Tage" gewann 2014 den Hauptpreis der Berlinale. Sein neuer Film lief letztes Jahr in Cannes im Wettbewerb, wo er von Quentin Tarantino mit einer Standing Ovation gefeiert wurde. "Der See der wilden Gänse" dürfte nach seinem Geschmack gewesen sein: eine Geschichte von Verbrechen und Gewalt, leise und nüchtern im dramaturgischen Ablauf, extravagant in der ästhetischen Bildgestaltung. Hier und da versteckt sich ein Hitchcock-Zitat, etwa wenn die Details von Zhous Plans akustisch komplett von einem vorbeirauschenden Zug übertönt werden.

Dann erinnern die Bilder wieder an Nicolas Winding Refns einsame Nachtgeschichten. Yinan versteht es aber, das alles mit eigenen, ungewöhnlichen Ideen aufzubrechen. In einer der schönsten Szenen hat sich eine Art Tanzkollektiv auf einem Marktplatz zusammengefunden, alle tragen Turnschuhe mit grell leuchtenden LED-Lichtern in den Sohlen und bewegen sich zum Takt von Boney M.s "Rasputin". Die Kollektiv-Choreografie ist eine Referenz auf den chinesischen Kollegen Jia Zhangke. Die Absurdität der fluoreszierenden Schrittfolgen zum westlichen Schlager in der Schwüle der chinesischen Nacht - das ist Yinan ganz allein.

Genau wie die faszinierende Verschränkung von Neo-Noir mit den trostlosen Realitätspartikeln seiner chinesischen Heimat, die man bereits aus "Feuerwerk am helllichten Tage" kennt. Die Gegend um den titelgebenden See ist alles andere als beschaulich: Als schmutziger, ländlicher Rückzugsort der Gesetz- und Arbeitslosen liegt er fernab der boomenden Megacities - und immer auch ein Stück abseits der staatlichen Kontrolle (zumal es in der Filmrealität noch keine moderne Dauerüberwachung zu geben scheint).

Hier lässt Yinan einen Funken Subversion aufscheinen. Denn Polizisten und Gangster sind in Habitus, Ritualen und Selbstverständnis kaum zu unterscheiden. In ihren schäbigen Versammlungsräumen blicken sie auf die gleichen chaotischen Stadtpläne mit ihrem abstrakten Linien- und Kringelgewirr. Übersicht bieten sie genauso wenig wie Yihans Handlung. Eine Welt, in der keine Ordnung herrschen kann.

Nan Fang Che Zhan De Ju Hui, China 2019 - Regie und Buch: Diao Yinan. Kamera: Jingsong Dong. Mit: Hu Ge, Gwei Lun-mei, Liao Fan, Regina Wan, Qi Dao. Verleih: Eksystent, 113 Minuten.

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SZ vom 29.08.2020
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